Sonntag, 9. Juni 2019

Der „Fall“ Konstantinopel(s)*

Die Eroberung der byzantinischen Stadt Konstantinopel durch die Osmanen im Jahr 1453 kann ohne Übertreibung als ein Wendepunkt in der Geschichte bezeichnet werden. Für das christliche Europa ebenso wie für das Osmanische Reich stellte der Fall dieser uralten Stadt ein einschneidendes Ereignis dar, sowohl ideologisch als auch realpolitisch. Für das katholische Abendland bedeutete dies, ideologisch gesehen, den Beginn der biblischen Endzeit. Denn gemäß der mittelalterlichen Vier-Reiche-Lehre nach dem Buch Daniel, folgt auf den Untergang der von den Kirchenvätern gedeuteten vier Weltreiche der Babylonier, der Perser, der Griechen und dem Römischen Reiche unweigerlich das Jüngste Gericht. Andererseits, realpolitisch betrachtet, bedeutete es das Wegfallen des für Europa so wertvollen Pufferstaates, welcher zwischen den Osmanen und dem Westen stand. Dies hatte in den folgenden Jahrhunderten gravierende Auswirkungen für das christliche Europa und das Heilige Römische Reich, denn die Eroberung Konstantinopels war erst der Auftakt des folgenden Osmanischen Eroberungszuges. Ausgehend von der neuen Hauptstadt des Osmanischen Reiches führte Sultan Mehmed II. (1432-1481) sein Heer weiter über das Fürstentum der Krimtataren zu den genuesischen Kolonien an der Schwarzmeerküste und dem Kaiserreich Trapezunt. Nach der Eingliederung der letzten freien Fürstentümer in Anatolien zog Mehmed weiter über die Peloponnes und den venezianischen Außenposten Euboa bis nach Albanien. 1480 landete er mit seinem Heer in Italien, wo die Stadt Otranto eingenommen wurde. Gestoppt wurde dieser beeindruckende Eroberungszug letztlich durch Mehmeds unerwarteten Tod im Jahr 1481. In den darauffolgenden Jahrhunderten gelang den osmanischen Herrschern eine ganze Reihe weiterer Eroberungszüge, bis das Reich unter Sultan Süleymann dem Prächtigen (1495-1566) seine größte Ausdehnung erreichte und die Osmanen 1529 vor den Toren Wiens standen.

 
Ausdehnung des Osmanischen Reiches von 1481 bis 1683 / Quelle: wikipedia.de

Sonntag, 26. Mai 2019

William Marshal: Teil 3 — Treuer Ritter an der Seite Heinrichs II.

Abbildung von William Marshal in der Historia Major von Matthew Paris (um 1200-1259), https://commons.wikimedia.org/wiki/William_Marshal,_1st_Earl_of_Pembroke#/media/File:Matthew_Paris_-_William_Marshal.jpg

Diese Abbildung zeigt den anglonormannischen Ritter William Marshal (um 1147-1219), den schon mittelalterliche Chronisten als „größten aller Ritter” bezeichneten. Über sein Leben wissen wir heute vor allem das, was in der Histoire de Guillaume le Maréchal, einer Versbiografie, steht, die kurz nach seinem Tod basierend auf den Erinnerungen seines Knappen verfasst worden war und erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Die Histoire beschreibt das außergewöhnliche Leben eines Mannes, dem es gelang, vom einfachen Ritter zum Vertrauten der englischen Könige aufzusteigen. Eine enge Freundschaft verband ihn mit König Heinrich dem Jüngeren (1155-1183). Als dieser nach kurzer Krankheit verstarb, soll er seinen Weggefährten auf dem Totenbett darum gebeten haben, seinen Umhang zum Heiligen Grab nach Jerusalem zu bringen.

Sonntag, 12. Mai 2019

Marie-Louise Bourgeois – ‚der alten Koͤnigin in Franckreich / bestellten Amme‘

Sie gilt als Wegbereiterin der Geburtshilfe vom Mittelalter in die Neuzeit und war 26 Jahre am französischen Hof als Hebamme tätig: Marie-Louise Bourgeois. In unserem heutigen kurz!-Artikel soll nicht nur das Leben dieser berühmten französischen Hebamme im Vordergrund stehen, sondern auch ihr Fachbuch zur Tokologie (Geburtshilfe) Observations diverses sur la stérilité, perte de fruict, fécondité, accouchements et maladies des femmes et enfants nouveaux naiz vorgestellt werden, das 1609 erschien und durch mehrere Auflagen und Übersetzungen in andere Sprachen einen großen Einfluss auf die Geburtshilfe im 17. Jahrhundert hatte. 

Marie-Louise Bourgeois
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b9/Louise_Boursier.jpg 

Sonntag, 28. April 2019

Der Große Judenbrand und der Große Christenbrand


Immer wieder kam es im Mittelalter und der Frühen Neuzeit zu Stadtbränden, in deren Verlauf häufig ganze Stadtviertel und Straßenzüge zerstört wurden, wie beispielsweise beim Großen Brand von London 1666. Ursachen für die schnelle Ausbreitung der Flammen waren vor allem aus Holz gebaute und mit Stroh gedeckte Häuser sowie sehr enge Straßen, die Löschversuche erschwerten. Im 18. Jahrhundert kam es innerhalb von wenigen Jahren in Frankfurt am Main zu zwei größeren Bränden, die auch als der Große Judenbrand und der Große Christenbrand bezeichnet werden. Was es mit diesen Bezeichnungen auf sich hat, wie es zu den beiden Bränden kam und welche Folgen diese jeweils nach sich zogen, wird in unserem neuen Artikel thematisiert.

Sonntag, 14. April 2019

Aufstieg und Niedergang des Tolosanischen Reiches

Die Stadt Toulouse liegt in Südfrankreich am Fluss Garonne und ist heute mit ungefähr 1,3 Millionen Einwohnern (Metropolregion) die viertgrößte Stadt Frankreichs. Die Geschichte der Stadt lässt sich bis in das Jahr 106 v. Chr. zurückverfolgen, als aus dem damaligen Tolosa ein keltischer Goldschatz bei der Rückeroberung durch die Römer von ebenjenen geraubt wurde. Nach der Plünderung wurde Tolosa dem Römischen Reich einverleibt und schließlich zur Hauptstadt der Provinz Gallia Narbonensis zwischen Mittelmeer und Atlantik. Anfang des vierten Jahrhunderts sollten die Westgoten, die besonders diese Provinz bevölkerten, gegen die römische Übermacht aufbegehren. Anschließend wurde sogar ein ganzes Reich nach Tolosa benannt – das Tolosanische Reich. Dieses Reich sollte zwar nicht einmal 100 Jahre bestehen, dennoch spiegelt es die Beziehung zwischen dem Weströmischen Reich und weiteren Reichen, bzw. Stammesgebieten in der Spätantike und im Frühmittelalter wider. Dieser kurz!-Artikel beschäftigt sich mit der Entstehung, der Expansion und dem Niedergang des Tolosanischen Reiches.

Entwicklung des Westgotenreichs (rotorange: Ansiedlung der Westgoten in Aquitanien ab 418; orange und hellorange: Ausbreitung des Westgotenreiches bis 507); von 418 bis 507 Tolosanisches Reich / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/d7/Visigothic_Kingdom.png/820px-Visigothic_Kingdom.png

Sonntag, 31. März 2019

William Marshal: Teil 2 - Gefeierter Turnierritter und Vertrauter Heinrichs des Jüngeren

Abbildung von William Marshal in der Historia Major von Matthew Paris (um 1200-1259), https://commons.wikimedia.org/wiki/William_Marshal,_1st_Earl_of_Pembroke#/media/File:Matthew_Paris_-_William_Marshal.jpg
Diese Abbildung zeigt den anglonormannischen Ritter William Marshal (um 1147-1219), den schon mittelalterliche Chronisten als „größten aller Ritter” bezeichneten. Über sein Leben wissen wir heute vor allem das, was in der Histoire de Guillaume le Maréchal, einer Versbiografie, steht, die kurz nach seinem Tod basierend auf den Erinnerungen seines Knappen verfasst und erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Die Histoire beschreibt das außergewöhnliche Leben eines Mannes, dem es gelang, vom einfachen Ritter zum Vertrauten der englischen Könige aufzusteigen. Mit diesem bemerkenswerten Leben wollen wir uns in dieser kurz!-Reihe beschäftigen. Dabei soll es im zweiten Teil um William Marshals Zeit im Gefolge Heinrichs des Jüngeren (1155-1183) gehen, in der er unter anderem zum erfolgreichen Turnierritter aufstieg.

Wie im ersten Teil der Reihe dargestellt, war es William Marshal gelungen, vom unbedeutenden und mittellosen Ritter bis ins Gefolge der englischen Königin, Eleonore von Aquitanien (1122-1204, mehr zu ihr gibt es hier) aufzusteigen. An ihrer Seite kehrte er 1170 vom Kontinent nach England zurück, um der Krönung ihres Sohnes, Heinrich dem Jüngeren, zum Mitkönig beizuwohnen. Dessen Vater, König Heinrich II. (1133-1189), brach bald nach der Zeremonie wieder in die Normandie auf und stellte seinem 15-jährigen Sohn Berater und Vertraute zur Seite, die ihm helfen sollten, die Geschickte Englands zu lenken. Unter ihnen war auch William Marshal, der dem jungen König als Kampf- und Waffenlehrer dienen stehen sollte. Nur acht Jahre älter als Heinrich, wurde er für ihn außerdem schnell zu einem Freund und Vertrauten. 

Heinrich der Jüngere war zwar von seinem Vater zum Mitkönig gekrönt worden, allerdings hatte dieser ihm bislang keine Güter und Ländereien zugewiesen, sodass der junge König nicht über das nötige Einkommen verfügte, seinen königlichen Lebensstil zu finanzieren und seine Getreuen standesgemäß zu entlohnen. Zudem war ein tatsächlicher Machtwechsel vom Vater auf den Sohn in naher Zukunft nicht in Aussicht. Generell zögerte Heinrich II. es immer wieder hinaus, Macht an einen seiner Söhne abzugeben. Ende 1172 wurden unter Rittern im Gefolge des jungen Heinrich sStimmen laut, er solle die Herrschaft des alten Königs beenden, um selbst die volle Macht zu erlangen. Ob William Marshal sich an diesen Intrigen beteiligte, ist nicht ganz klar. Als Heinrich II. jedoch von den Machenschaften erfuhr, wurden einige Ritter aus dem Haushalt seines Sohnes entfernt, Marshal war jedoch nicht darunter. 

Als Heinrich der Jüngere von seinem Vater ganz offen eine faktische Übertragung der Macht über das Anjou, die Normandie oder England forderte, was der König ihm jedoch verweigerte, kam es im Februar 1173 zum Bruch zwischen den beiden. Bald wurde dem alten König auch noch zugetragen, dass nicht nur sein ältester Sohn, sondern auch zwei weitere Söhne, Richard (1157-1199) und Gottfried (1158-1186), sowie gerüchteweise auch die Königin selbst seinen Umsturz anstrebten. Er befahl Heinrich dem Jüngeren, in dessen Gefolge sich auch William Marshal befand, mit ihm nach Norden zu ziehen. Bis Chinon begleitete dieser seinen Vater tatsächlich, ergriff dann aber bei Nacht und Nebel gemeinsam mit seinen treuesten Anhängern die Flucht. Spätestens jetzt wurde deutlich, dass der junge König eine Rebellion gegen Heinrich II. anstrebte. Von seinen engsten Gefolgsleuten verlangte er einen Treueid. William Marshal zählte zu denjenigen, die blieben und Heinrich dem Jüngeren ihre Treue zusicherten. Bedenkt man, dass er zuvor dem Gefolge von Königin Eleonore angehört hatte und diese oft als treibende Kraft hinter dem Aufstand ihres Sohnes gegen den eigenen Vater gesehen wird, wäre es sogar denkbar, dass er als eine Art Agent in ihrem Auftrag handelte. Marshals genaue Rolle bei der Planung der Rebellion lässt sich jedoch kaum noch rekonstruieren, auch die Histoire de Guillaume le Maréchal schweigt sich darüber aus. Der junge Heinrich schmiedete eine breite Allianz gegen Heinrich II., der unter anderem die Könige von Frankreich und Schottland angehörten, und bereits im Sommer 1173 befand sich das angevinische Reich im Bürgerkrieg. Zweifellos stand William Marshal seinem Waffenschüler in den Kämpfen mit Rat und Tat zur Seite. Heinrich II. gelang es schließlich jedoch, die Rebellion seines Sohnes niederzuschlagen und im Herbst 1174 musste dieser sich zu den Bedingungen seines Vaters unterwerfen. 

Von da an behielt Heinrich II. seinen Sohn genau im Auge und William Marshal wie auch die übrigen Ritter im Gefolge des jungen Königs waren zur Inaktivität verdammt. Erst 1176 gestattete der König es dem jungen Heinrich, sich aus dessen Reichweite zu entfernen, um seinem Bruder Richard, der inzwischen Graf von Poitou und Herzog von Aquitanien war, bei der Niederschlagung eines Aufstandes zur Seite zu stehen. So kehrte auch William Marshal nach Aquitanien zurück. Gemeinsam mit seinem Herrn und Waffenschüler sowie weiteren Rittern aus dessen Gefolge wandte er sich nun wieder zunehmend dem Turnierwesen zu.

Sowohl der junge König als auch William Marshal genossen die Anerkennung, die sie durch die erfolgreiche Teilnahme an den Turnieren erhielten. Für Marshal muss es wohl eine der erfüllendsten Zeiten seines Lebens gewesen sein, was sich unter anderem daran zeigt, dass ihr ein verhältnismäßig großer Teil der Histoire de Guillaume le Maréchal gewidmet ist. Auch wenn er bereits zuvor an Turnieren teilgenommen hatte, war er bislang keinesfalls eine Berühmtheit unter den Turnierrittern und auch nun mussten er und sein Herr zu Beginn einige Niederlagen einstecken. Zunächst ließ die Disziplin in der Gruppe stark zu wünschen übrig, doch nach und nach formte sich aus ihr ein Team, dessen Angehörige ihre Fähigkeiten kontinuierlich verbesserten. Marshal übernahm zunehmend die Rolle des Strategen und Taktikers, wenngleich er dazu teilweise die Turnierregeln zu seinen Gunsten auslegte und zurechtbog. So erzielte das Team des Königs seinen ersten großen Turniererfolg, indem man behauptete, gar nicht an den Kämpfen teilnehmen, sondern nur zusehen zu wollen, nur um dann ganz unerwartet doch noch anzugreifen: „Danach kam der König zu keinem [Turnier] mehr, ohne von diesem Trick oder Schwindel Gebrauch zu machen”, berichtet Williams Biograf in der Histoire. Dieses Vorgehen schien von den Zeitgenossen wohl akzeptiert worden zu sein. Heinrich, William Marshal und ihre Kampfgenossen erzielten mehr und mehr Erfolge und galten bald als ernstzunehmende Gegner im Turnierwesen. Diese Zeit festigte auch das Band der Freundschaft zwischen den beiden Männern und so schreibt Marshals Biograph in der Histoire de Guillaume le Maréchal, dass „der König [William] von Herzen liebte, mehr als irgendeinen anderen Ritter”. Diese herausragende Position Marshals wird auch dadurch gezeigt, dass er in Urkunden Heinrichs auf der Zeugenliste an erster Stelle unter dem militärischen Gefolge zu finden ist. Doch Marshal nahm nicht nur gemeinsam mit dem jungen König an Turnieren teil, sondern war auch auf eigene Faust erfolgreich. So machte er durch die Gefangennahme zahlreicher Gegner reiche Beute, erwarb großen Ruhm und machte sich einen Namen als gefeierter Turnierritter. Als Höhepunkt von Williams Turnierkarriere ist wohl seine Teilnahme am Turnier in Lagny (1179) anlässlich der Krönung des französischen Thronfolgers Philipp II. von Frankreich (1165-1223) zu sehen, das zu den prachtvollsten und spektakulärsten Veranstaltungen seiner Zeit zählte.

Doch nach über zehn Jahren als enger Vertrauter des jungen Königs Heinrich kam es schließlich zum Zerwürfnis zwischen den beiden: In Heinrichs Gefolge breiteten sich Gerüchte aus, William Marshal habe ein Verhältnis mit dessen Ehefrau Marguerite. Diese kamen natürlich auch dem jungen König zu Ohren und Marshal verlor die Gunst und Freundschaft seines Herrn. Ob die Gerüchte der Wahrheit entsprachen oder nicht, lässt sich nur schwer überprüfen. Weder über das Sexualleben William Marshals noch Marguerites überliefern die Quellen Informationen. Die Histoire de Guillaume le Maréchal erhebt gar Anschuldigungen gegen andere Ritter aus dem Gefolge des Königs, diese Gerüchte absichtlich und aus Neid gestreut zu haben, um einen Keil zwischen William und seinen Herrn zu treiben. Die verhältnismäßig milde Reaktion Heinrichs, der seinen ehemaligen Vertrauten lediglich mit Verachtung strafte, spricht dafür, dass Zweifel an den Gerüchten angebracht sind. Im Rahmen des Weihnachtshofes 1182 versuchte Marshal, eine Versöhnung mit dem jungen Heinrich herbeizuführen und seine Unschuld in einem Gerichtskampf zu beweisen, was dieser jedoch strikt ablehnte, sodass William den Hof verlassen musste. 

William Marshal war nun Mitte Dreißig und wieder ohne Dienstherrn. Er besaß jedoch einen guten Ruf als Turnierkämpfer und schlug sich eine Weile auf eigene Faust durch, unternahm eine Pilgerreise nach Köln und kehrte wohl im April 1183 nach Frankreich zurück. Dort erreichte ihn eine Nachricht des jungen König Heinrich: Er habe Zweifel an Marshals Affäre mit Marguerite und wolle ihn wieder in sein Gefolge aufnehmen. Dieser Sinneswandel lag möglicherweise in der Tatsache begründet, dass Heinrich sich inzwischen im Krieg mit seinem eigenen Bruder, Richard, dem Herrscher von Aquitanien, befand und jede Hilfe brauchen konnte. William nahm das Versöhnungsangebot seines alten Herren an und stieß wohl im Laufe des Mai zu ihm und seinen Truppen. Ende desselben Monats erkrankte der junge Heinrich jedoch zunächst an Fieber, und sein Zustand wurde zunehmend kritisch. Am 11. Juni 1183 starb Heinrich der Jüngere und noch auf dem Totenbett bat er William Marshal seinen Umhang “zum Heiligen Grab zu tragen und damit [s]eine Schulden vor Gott zu zahlen”.

Mit dem Tod seines langjährigen Freundes und Herren hatte Marshal einen Auftrag erhalten. Um seine Reise ins Heilige Land wird es im nächsten Teil dieser kurz!-Reihe gehen.

Zum Weiterlesen:


Asbridge, Thomas, Der Größte Aller Ritter und die Welt des Mittelalters, Stuttgart 2015.
Duby, Georges, Guillaume le Maréchal oder der beste aller Ritter, Frankfurt am Main 1986.

Sonntag, 17. März 2019

Frauenhäuser in spätmittelalterlichen deutschen Städten

Seit dem 14. Jahrhundert entstanden in den deutschen Städten die ersten Bordelle, die zeitgenössisch auch euphemistisch als frowenhus (Frauenhaus) bezeichnet wurden. Da auch beispielsweise Frauenklöster als Frauenhäuser bezeichnet wurden, suggeriert die Bezeichnung frowenhus zunächst, dass es sich dabei um Herbergen handelte, in denen alleinstehende Frauen Zuflucht finden konnten. Die in einer Stiftungsurkunde aus dem 14. Jahrhundert für ein Frauenhaus in Wien verwendete Bezeichnung vanchnusse leibs vnd sels macht jedoch ganz deutlich, dass solche Frauenhäuser keine Herbergen, sondern vielmehr Zwangseinrichtungen waren, die von Frauenwirten und Frauenwirtinnen unterhalten wurden und in die die in den Städten lebenden Prostituierten häufig gegen den eigenen Willen und mit Gewalt ‚eingewiesen‘ wurden. Im Mittelpunkt dieses kurz!-Artikels sollen die Frauenhäuser in den mittelalterlichen Städten, die Frauen, die in diesen lebten, sowie die Umstände, unter denen die Frauen leben mussten, stehen.

Joachim Beuckelaer: Bordell (1562)
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/6b/Joachim_Beuckelaer_-_Brothel_-_Walters_371784.jpg

Sonntag, 3. März 2019

Frühneuzeitliche ‚Steinkinder’


Bis zum heutigen Tag kennt die medizinische Forschung weniger als 300 Fälle von sogenannten Lithopädia: um 1880 waren gerade einmal 47 Fälle beschrieben worden. Bei einem Lithopädion handelt es sich um einen abgestorbenen Fötus, der meistens im Mutterleib durch die Aufnahme von Kalk zunächst eingekapselt und anschließend mumifiziert wird. In diesem Artikel soll es zunächst um das Phänomen, seine Ursachen und seine Ausprägungen an sich gehen, bevor dann die Vorstellung dreier frühneuzeitlicher Fälle erfolgt, die im Volksmund häufig als ‚Steinkinder’ bezeichnet werden: das ‚Steinkind von Sens’ in Frankreich (1554 bzw. 1582), das ‚Steinkind von Leinzell’ im heutigen Baden-Württemberg (1674 bzw. 1720) und das ‚Nebelsche Steinkind’ (1713 bzw. 1767), welches nach seinem Entdecker, dem Mediziner und Rektor der Universität Heidelberg Daniel Wilhelm Nebel (1735-1805) benannt wurde.

Sonntag, 17. Februar 2019

Sexualität und Ehe – Sklaverei im Mittelmeerraum III

Testamente, Gerichtsurkunden, Versicherungen, Freikaufverträge und Heiratsverträge geben zahlreiche Hinweise auf die Beziehungen zwischen Sklavenhaltern und ihren Sklaven im Mittelmeerraum während des Mittelalters. Sie zeigen jedoch auch deutlich ihre Machtlosigkeit gegenüber und die Fremdbestimmtheit durch diese.
Neben den in den ersten beiden Teilen der kurz!-Reihe aufgezeigten unterschiedlichen Möglichkeiten der Sklaverei auf legalem oder illegalem Wege zu entfliehen sowie den sehr heterogenen und meist vom Sklavenhalter abhängigen Lebensbedingungen, bis hin zu den Verdienstmöglichkeiten und individuellen Lebensgeschichten, zeichnet sich das Leben der Sklaven naturgemäß durch starke Einschränkungen, Unterdrückung und ein fremdbestimmtes Leben in Gefangenschaft aus. Dies heißt nicht, dass das Leben in Sklaverei menschliche Emotionen, Beziehungen und Sexualität ausschloss. Doch was passierte, wenn Sklavinnen und Sklaven sich verliebten oder körperliche Beziehungen eingehen wollten? Wenn Sklavinnen letztlich sogar schwanger wurden oder heiraten wollten?
In diesem kurz!-Artikel soll ein Überblick über die Lebenswelt und Lebenswirklichkeit der Sklavinnen im Mittelmeerraum mit dem Fokus auf Sexualität, Kinder und Ehe gegeben werden. Dahingehend sollen zunächst die allgemeinen Lebensumstände und Rechte von Sklavinnen im Vergleich zu Dienstmädchen betrachtet werden, um daran anschließend die Sexualität der Sklavinnen, die Möglichkeiten einer Eheschließung und die Konsequenzen des Kinderkriegens zu thematisieren. Schließlich soll ein kurzer Vergleich zwischen dem nördlichen Mittelmeerraum und dem Orient die unterschiedlichen Regelungen im Umgang mit diesen Situationen verdeutlichen.

Sklavenmarkt in Zabid im Jemen, 13. Jahrhundert; Illustration von Yahya ibn Mahmud al-Wasiti / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/51/Slaves_Zadib_Yemen_13th_century_BNF_Paris.jpg


Sonntag, 3. Februar 2019

William Marshal - Der größte aller Ritter: Teil 1 - Aufstieg in den königlichen Dienst

Abbildung von William Marshal in der Historia Major von Matthew Paris (um 1200-1259), https://commons.wikimedia.org/wiki/William_Marshal,_1st_Earl_of_Pembroke#/media/File:Matthew_Paris_-_William_Marshal.jpg

Diese Abbildung zeigt den anglonormannischen Ritter William Marshal (um 1147-1219), den schon mittelalterliche Chronisten als „größten aller Ritter” bezeichneten. Über sein Leben wissen wir heute vor allem das, was in der Histoire de Guillaume le Maréchal, einer Versbiografie, steht, die kurz nach seinem Tod basierend auf den Erinnerungen seines Knappen verfasst und erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Die Histoire beschreibt das außergewöhnliche Leben eines Mannes, dem es gelang, vom einfachen Ritter zum Vertrauten der englischen Könige aufzusteigen. Mit diesem bemerkenswerten Leben wollen wir uns in dieser kurz!-Reihe beschäftigen. Dabei soll es im ersten Teil um seine Kindheit und Jugend sowie schließlich den Aufstieg William Marshals zum Waffenlehrer König Heinrichs des Jüngeren (1155-1183) gehen.

Sonntag, 20. Januar 2019

Bartholomäus Metlinger und sein ‚Kinderbüchlein‘

Als 1473 in Augsburg sein Kinderbüchlein im Druck erschien, hatte Bartholomäus Metlinger damit nicht nur die erste Kinderheilkunde in deutscher Sprache veröffentlicht, sondern auch ein Buch verfasst, dass schon kurz nach Erscheinen überregionale Bekanntheit erlangte und zu einem der „einflussreichsten Pädiatrieschriften der Zeitenwende“ (Zapf 2015, Sp. 896) werden sollte. In unserem heutigen kurz!-Artikel sollen nicht nur die medizinisch-heilkundlichen und pädagogischen Inhalte des Kinderbüchleins, sondern auch sein Verfasser Bartholomäus Metlinger vorgestellt werden.

Titelbild der Ausgabe des Kinderbüchleins von 1497 (Drucker: Hans Schaur)
https://de.wikipedia.org/wiki/Bartholomäus_Metlinger#/media/File:B._Metlinger_1497.jpg

Sonntag, 6. Januar 2019

Die ‚Blutgräfin‘ Elisabeth Báthory

Im Jahr 1836 verfasste der österreichische Schriftsteller Johann Nepomuk Vogl (1802-1866) eine Ballade mit dem Titel „Die Burgfrau zu Cseitha“. In dieser wird von einem „tiefen Keller“ erzählt, in dem „herzzerschneidend Schreien“ zu hören sei. Auch ist die Rede von einem Eisenkessel, der „zur Nacht gefüllet mit warmem Jungfernblut“ werde. Die dritte und letzte Strophe lautet schließlich folgendermaßen: „Drin badet sich die Schlossfrau auf ihres Zwergen Rat, die Jugend fest zu halten, die dem Verblühen naht, dort wäscht die welken Glieder das tigerhafte Weib und taucht ins Blut der Opfer den sündenvollen Leib.“ Mit der genannten Schlossfrau wird auf die sogenannte ungarische ‚Blutgräfin‘ Elisabeth Báthory (1560-1614) angespielt, die über 600 Mädchen gefoltert und umgebracht haben soll, um mit dem Blut ihrer Opfer ihre eigene Jugend zu erhalten. In diesem Artikel geht es um das Leben Elisabeth Báthorys, ihre begangenen Verbrechen, die Legendenbildung um diese und ihre bis heute anhaltende Rezeption.

Elisabeth Báthory im Alter von 25 Jahren, Porträt von 1585, gilt heute als verschollen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth_B%C3%A1thory#/media/File:Elizabeth_Bathory_Portrait.jpg