Sonntag, 9. Juni 2019

Der „Fall“ Konstantinopel(s)*

Die Eroberung der byzantinischen Stadt Konstantinopel durch die Osmanen im Jahr 1453 kann ohne Übertreibung als ein Wendepunkt in der Geschichte bezeichnet werden. Für das christliche Europa ebenso wie für das Osmanische Reich stellte der Fall dieser uralten Stadt ein einschneidendes Ereignis dar, sowohl ideologisch als auch realpolitisch. Für das katholische Abendland bedeutete dies, ideologisch gesehen, den Beginn der biblischen Endzeit. Denn gemäß der mittelalterlichen Vier-Reiche-Lehre nach dem Buch Daniel, folgt auf den Untergang der von den Kirchenvätern gedeuteten vier Weltreiche der Babylonier, der Perser, der Griechen und dem Römischen Reiche unweigerlich das Jüngste Gericht. Andererseits, realpolitisch betrachtet, bedeutete es das Wegfallen des für Europa so wertvollen Pufferstaates, welcher zwischen den Osmanen und dem Westen stand. Dies hatte in den folgenden Jahrhunderten gravierende Auswirkungen für das christliche Europa und das Heilige Römische Reich, denn die Eroberung Konstantinopels war erst der Auftakt des folgenden Osmanischen Eroberungszuges. Ausgehend von der neuen Hauptstadt des Osmanischen Reiches führte Sultan Mehmed II. (1432-1481) sein Heer weiter über das Fürstentum der Krimtataren zu den genuesischen Kolonien an der Schwarzmeerküste und dem Kaiserreich Trapezunt. Nach der Eingliederung der letzten freien Fürstentümer in Anatolien zog Mehmed weiter über die Peloponnes und den venezianischen Außenposten Euboa bis nach Albanien. 1480 landete er mit seinem Heer in Italien, wo die Stadt Otranto eingenommen wurde. Gestoppt wurde dieser beeindruckende Eroberungszug letztlich durch Mehmeds unerwarteten Tod im Jahr 1481. In den darauffolgenden Jahrhunderten gelang den osmanischen Herrschern eine ganze Reihe weiterer Eroberungszüge, bis das Reich unter Sultan Süleymann dem Prächtigen (1495-1566) seine größte Ausdehnung erreichte und die Osmanen 1529 vor den Toren Wiens standen.

 
Ausdehnung des Osmanischen Reiches von 1481 bis 1683 / Quelle: wikipedia.de

In der islamisch geprägten Ideologie der Osmanen handelte es sich bei der Stadt Konstantinopel um einen der so genannten „Goldenen Äpfel“. Damit wurden die höchsten und heiligsten Ziele der osmanischen Expansion bezeichnet. Dies ist insofern relevant, als dass ein jeder osmanische Sultan dazu verpflichtet war, seine Glaubensfestigkeit mittels Expansion und damit gleichzeitig der Verbreitung des Islams unter Beweis zu stellen. So war es üblich, dass der Sultan den Janitscharen – der berühmten osmanischen Eliteeinheit – bei seinem Amtsantritt die Eroberung eines solchen Goldenen Apfels versprach, der symbolisch für eine besonders lohnenswerte und beutereiche Eroberung stand. Dem noch jungen Sultan Mehmed II. brachte die Eroberung des Goldenen Apfels Konstantinopel den Beinamen des Fathi, des Eroberers, ein.

Sultan Mehmed II., gemalt von Gentile Bellini
/ Quelle: wikipedia.de
 Mehmed selbst wurde am 30. März 1432 als vierter Sohn Sultan Murads II. geboren. Das unerwartete und ungeklärte Ableben der älteren Brüder machte Mehmed über Nacht zum Thronerben. 1444 trat der Vater von der Regierung zurück und setzte seinen erst zwölfjährigen Sohn als Sultan ein. Murad musste jedoch 1446 aufgrund innerer und äußerer Unruhen abermals die Herrschaft übernehmen. Mit seinem Tod im Februar 1451 begann Mehmeds zweite Amtszeit. Er bestätigte zunächst alle bestehenden Friedensverträge seines Vaters, um dann nur zwei Jahre nach seinem Amtsantritt am 29. Mai 1453 das langersehnte Ziel der Osmanenherrscher zu erreichen: die Eroberung Konstantinopels.

Neben dem bereits erwähnten ideellen Wert, besaß die Einnahme der alten Kaiserstadt für den jungen Mehmed aber auch einen wichtigen, machtpolitisch realen Wert: denn mit ihrer Eroberung konnte er gleichzeitig einen Anspruch auf die Herrschaft über das alte Römische Reich und die damit verbundene Kaiserkrone erheben: Die Byzantiner selbst waren bis zum Ende ihrer Herrschaft davon überzeugt, die Träger des einzig wahren, von Gott gewollten Kaisertums zu sein. Per Definition konnte es auch nur einen echten „Kaiser der Römer“ geben, und der saß in der Nachfolge von Konstantin dem Großen (272-337) in Byzanz. Im frühen Mittelalter, als dieser einzigartige Anspruch noch weitgehend unbestritten war, führte die Kaiserkrönung Karls des Großen (742-814) im Jahr 800 zu einem entsprechenden Problem, bedeutete die Kaiserkrönung für die Byzantiner neben einer unerlaubten Usurpation des Kaiserthrones außerdem die Bedrohung der Gott gewollten Weltordnung. In der Forschung bezeichnet man dieses Dilemma als „das Zweikaiserproblem“.

In den folgenden Jahrhunderten beeinflusste dieses Zweikaiserproblem die wechselseitigen Beziehungen zwischen Ost und West, in dem es je nach den politischen Gegebenheiten betont oder heruntergespielt wurde. In der Regel hatte aber keine der beiden Seiten eine ausreichende militärische Schlagkraft, um die Streitfrage endgültig zu lösen. Für Byzanz wurde diese ideologische Frage dann problematisch, wenn der westliche Kaiser seinem Titel das Romanorum imperator augustus hinzufügte, weil dieser Titel explizit den Weltherrschaftsanspruch und damit auch die Dominanz über das byzantinische – also das einzig wahre Kaisertum – beanspruchte.

Mit dem vierten Kreuzzug 1204, also dem Überfall europäischer Heerscharen auf Konstantinopel und dem Sturz des oströmischen Kaisers Konstantin XI., erledigte sich für den Westen dieses Problem ein für alle Mal. 1261 restaurierte die letzte byzantinische Kaiserdynastie der Palaiologen das konstantinische Kaisertum und hielt somit den Anspruch auf das einzig legitime Kaisertum weiterhin aufrecht. Es gelang aber nicht mehr, den alten Glanz des byzantinischen Reiches wiederherzustellen und durch den stetigen Niedergang des byzantinischen Reiches spielte der oströmische Kaiser in Westeuropa keine aktive, politische Rolle mehr.

Mit der Osmanischen Eroberung Konstantinopels 1453 gewann diese alte Frage jedoch an neuer Brisanz. Neuere Forschungen stellen die Behauptung auf, dass Mehmed sich gezielt und bewusst in die Nachfolge der byzantinischen Kaiser stellte und damit – in der Tradition des Römischen Reiches – einen Weltherrschaftsanspruch postulierte. Dieser Anspruch lässt sich auch aus Mehmeds Handlungen nach der Einnahme Konstantinopels herauslesen: So hat er etwa nach der Eroberung Konstantinopels, das er umgehend zu seiner neuen Hauptstadt machte, keine gravierenden Änderungen vorgenommen. Zum Beispiel blieb der Name der Stadt unverändert. Zudem war Mehmed von Anfang an darum bemüht, die ursprüngliche Größe und den alten Glanz der Stadt wiederherzustellen. Zu diesem Zweck förderte er die – nicht immer freiwillige –Zuwanderung, was bald zu einem ökonomischen Aufschwung führte. Weiter kam es unter Einbeziehung osmanischer und europäischer Baustile zu einer Reihe von bedeutenden Bauwerken, wie die Fatih-Moschee und der Topkapi Serayil, die Mehmeds Macht für alle sichtbar machten.

Als nächstes folgte die Wiederbesetzung des griechisch-orthodoxen Patriarchats mit dem ihm genehmen Kandidaten Georgios Scholarios Gennadios (1400–1473). Er war der führende griechisch-orthodoxe Theologe seiner Zeit und stand als ehemaliger Gefangener in persönlicher Abhängigkeit zum Sultan. Mehmed II. befolgte dennoch bei Gennadios Einsetzung das traditionelle, byzantinisch-christliche Zeremoniell und sprach als muslimischer Sultan die christliche Bestellungsformel. Weiters begann Mehmed mit der Prägung eigener Münzen. Dies ist umso bemerkenswerter, weil das Osmanische Reich bis dahin nicht über eine eigene Währung verfügte und Münzprägung von jeher als Vorrecht der byzantinischen Kaiser galt, jedoch schon lange nicht mehr ausgeübt worden war. Ein weiterer Ausdruck des gesteigerten Herrschaftsverständnisses war die Einführung eines strengeren Hofzeremoniells nach byzantinischem Vorbild, mit dem Rückzug des Sultans hinter die Palastmauern.

Zu guter Letzt kam es zu einer bedeutenden Erweiterung der Herrschaftstitulatur: Der zeitgenössische Geschichtsschreiber Kritobulos von Imbors (1410–1470) bezeichnete Mehmed als „Kaiser der Kaiser“, „Selbstherrscher“ oder „Herr über Erde und Meer nach dem Willen Gottes“. Mehmeds Kanzlei betitelte ihn in einem Schreiben an den venezianischen Dogen ebenfalls als „Kaiser“. Außerdem ist die Anrede „Großfürst“ oder „Fürst der türkischen Römer“ belegt.

In der politischen und vor allem diplomatischen Praxis der Osmanen äußerte sich dieser Weltherrschaftsanspruch gegenüber dem Westen in erster Linie dadurch, dass die Anerkennung des westlichen Kaisers als gleichrangigen Herrscherverweigert wurde. Im diplomatischen Verkehr wurden die Habsburgerkaiser lediglich als Könige von Ungarn oder Könige von Wien betitelt. Erst mit den militärischen Niederlagen der Osmanen, die den Frieden von Zsitva-Torok 1606 zur Folge hatten, wurde der europäische Gegenspieler als Kaiser anerkannt. Der Sultan schrieb ihm jedoch „wie ein Vater an den Sohn“, wodurch er zumindest noch symbolisch die alte Vorrangstellung des östlichen Kaisertums herausstrich.


Literaturempfehlung:
Franz Babinger, Mehmed der Eroberer und seine Zeit. Weltenstürmer einer Zeitenwende, München, 1959.
Suraiya Faroqui, Geschichte des Osmanischen Reiches, 5. Auflage, München, 2010.
Gottfried Hagen, Legitimacy and World Order, S. 55-83, in: Hakan T. Karateke (Hrsg.), Legitimizing the order. The Ottoman rhetoric of state power, Leiden, 2005.
Steven Runciman, Die Eroberung von Konstantinopel 1453, München, 1966.
Peter Thorau, Von Karl dem Großen zum Frieden von Zsitva Torok. Zum Weltherrschaftsanspruch Sultan Mehmeds II. und dem Wiederaufleben des Zweikaiserproblems nach der Eroberung Konstantinopels, in HZ 279 (2004), 309-334.

* Dieser Gastbeitrag stammt von Katharina Süß aus Linz. Katharina hat im vergangenen Jahr ihr Studium der Geschichtswissenschaften an der Universität Salzburg abgeschlossen. Innerhalb ihres Studiums lagen ihre Schwerpunkte auf der Frühen Neuzeit, der Kulturgeschichte und der Geschichte des Osmanischen Reiches. 

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