Sonntag, 26. Mai 2019

William Marshal: Teil 3 — Treuer Ritter an der Seite Heinrichs II.

Abbildung von William Marshal in der Historia Major von Matthew Paris (um 1200-1259), https://commons.wikimedia.org/wiki/William_Marshal,_1st_Earl_of_Pembroke#/media/File:Matthew_Paris_-_William_Marshal.jpg

Diese Abbildung zeigt den anglonormannischen Ritter William Marshal (um 1147-1219), den schon mittelalterliche Chronisten als „größten aller Ritter” bezeichneten. Über sein Leben wissen wir heute vor allem das, was in der Histoire de Guillaume le Maréchal, einer Versbiografie, steht, die kurz nach seinem Tod basierend auf den Erinnerungen seines Knappen verfasst worden war und erst im ausgehenden 19. Jahrhundert wiederentdeckt wurde. Die Histoire beschreibt das außergewöhnliche Leben eines Mannes, dem es gelang, vom einfachen Ritter zum Vertrauten der englischen Könige aufzusteigen. Eine enge Freundschaft verband ihn mit König Heinrich dem Jüngeren (1155-1183). Als dieser nach kurzer Krankheit verstarb, soll er seinen Weggefährten auf dem Totenbett darum gebeten haben, seinen Umhang zum Heiligen Grab nach Jerusalem zu bringen.

Wie die Histoire berichtet, bat William Marshal nach dem Ableben Heinrichs des Jüngeren dessen Vater, König Heinrich II. (1133-1189), um die Erlaubnis, zunächst ins Heilige Land zu reisen und bei seiner Rückkehr nach England an den königlichen Hof kommen zu dürfen. Beides wurde ihm gewährt, sodass er 1183 das Kreuz nahm und im Herbst mit seinem Knappen nach Osten aufbrach. Der genaue Verlauf der Reise ist nicht überliefert, doch ist es wahrscheinlich, dass sie, wie zu dieser Zeit für Pilger und Kreuzfahrer üblich, per Schiff erfolgte. Die Überfahrt dauerte für gewöhnlich zwischen zwanzig Tagen und, bei ungünstigen Verhältnissen, sechs Wochen. Als Marshal schließlich Jerusalem erreichte, erfüllte er sein Versprechen und begab sich zur Grabeskirche. Weiter berichtet sein Biograph in der Histoire, er habe gute Kontakte zu den Templern und Johannitern, den beiden großen Ritterorden im Heiligen Land, gepflegt und sei von ihrer Disziplin und Kriegskunst sehr beeindruckt gewesen. Insgesamt verbrachte er zwei Jahre dort, über die allerdings kaum etwas bekannt ist. In seiner Lebensbeschreibung wird lediglich von „großen Taten“ berichtet, die jedoch nicht weiter ausgeführt werden. Bedenkt man den Umstand mit, dass das Königreich Jerusalem während seiner Anwesenheit praktisch von Sultan Saladin (1137-1193) eingekreist worden war, so ist es wahrscheinlich, dass William Marshal sich dem Kampf gegen ebendiesen anschloss. Allerdings kam es bald zu einem vorübergehenden Waffenstillstand mit dem Sultan, sodass es nur wenig Gelegenheit für ihn gegeben haben wird, sich auch tatsächlich als Kreuzritter zu bewähren. Zwischen Herbst 1185 und Frühjahr 1186 kehrte Marshal nach Europa zurück, ein Jahr später wurden die Christen in Jerusalem vernichtend von Saladin geschlagen und die Heilige Stadt fiel wieder in muslimische Hand.

Wie zuvor vereinbart, begab William Marshal sich nach seiner Heimkehr zu Heinrich II.  Seinem neuen Herrn, der eine Art ausgeprägtes Reisekönigtum ohne feste Hauptstadt pflegte, folgte er nun durch das riesige Angevinische Reich. Schnell musste er verinnerlichen, welche Regeln im komplizierten Machtgefüge des königlichen Hofes galten, um nicht in der Masse der Höflinge unterzugehen oder gar in Ungnade zu fallen. Dies scheint ihm jedoch erstaunlich gut gelungen zu sein: Schwierige Situationen entschärfte er, indem er Anekdoten aus seinem Leben, beispielsweise über seine Geiselhaft bei König Stephan (1092/96-1154) oder aber seine Zeit als Turnierritter, erzählte. Auch begriff er schnell, wie man sich durch wechselnde Allianzen, Schmeicheleien und eine gewisse Doppelzüngigkeit Vorteile verschaffen konnte. Bald wurde er mit Ländereien im Nordwesten Englands ausgestattet und Heinrich II. machte ihn zum Vormund der verwaisten Lady von Lancaster. Zwar wird in der Histoire verlautbart, er sei außerdem zum wichtigsten Ratgeber des Königs geworden — in militärischen Fragen hatte er sicher auch einiges beizutragen — doch für die übrigen Regierungsgeschäfte ist dies wohl eine schlichte Übertreibung von William Marshals Wichtigkeit.



Größte Ausdehnung des Angevinischen Reiches unter Heinrich II., https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3d/Henry_II%2C_Plantagenet_Empire.png.

In der ersten Hälfte des Jahres 1187 geriet Heinrich II. zunehmend durch den französischen König Philipp (1165-1223) in Bedrängnis, der in die zwischen Aquitanien und Frankreich liegende Grenzprovinz Berry einfiel. Eine direkte militärische Auseinandersetzung konnte zunächst durch einen auf zwei Jahre ausgehandelten Waffenstillstand vermieden werden, den Philipp jedoch im Juni 1188 brach. Heinrich II. schrieb an Marshal „so schnell es geht vollständig ausgerüstet zu [ihm] zu kommen, mit so vielen Rittern, wie [er] versammeln [könne]“. Als Belohnung stellte er ihm die Übertragung der Festung Châteauroux in Berry in Aussicht. Er wurde zudem Teil einer Gesandtschaft zum französischen König, die zwar wenig ausrichten konnte, Heinrich II. aber Zeit verschaffte, seine Truppen zu sammeln. Anschließend berichtet die Histoire, Marshal habe diesem in militärischen und strategischen Fragen beratend zur Seite gestanden. Dabei verfolgten die Engländer auch auf Marshals Anraten hin eine Taktik der verbrannten Erde und plünderten die Grenzregionen zwischen dem angevinischen und dem französischen Reich. Was uns heute wie eine wenig ehrenvolle Art der Kriegführung erscheint, beschreibt William Marshals Biograf als „wichtigen ritterlichen Akt“, wenn es zum Sieg über den Feind führte. Dazu kam es jedoch nicht: Heinrich II., der an einem Tumor in der Hüfte litt, zog sich zunehmend aus militärischen Angelegenheiten zurück.

Nicht nur gesundheitlich musste der König Rückschläge einstecken. Auch familiär kam es wieder zu Spannungen. Wie bereits sein älterer Bruder, Heinrich der Jüngere, hatte sich auch Richard Löwenherz von seinem Vater abgewandt, da der König nicht bereit schien, ihm die Nachfolge zuzusichern. Die Konfrontation hatte sich schon seit einiger Zeit angebahnt, wurde jedoch offensichtlich, als Richard im November 1188 zu einer Versammlung in der Normandie gemeinsam mit dem französischen König Philipp anreiste und diesem den Lehnseid für die Normandie, Aquitanien, Anjou, Maine und das Berry leistete. Es fiel William Marshal zu, in diesem Konflikt zu vermitteln. Er sollte Löwenherz zur Besinnung bringen, doch es war bereits zu spät: Er konnte Heinrich II. nur noch darüber informieren, dass dessen Sohn bereits seine Anhänger zu den Waffen gerufen hatte. Auch im Adel des Angevinischen Reiches bröckelte der Rückhalt für Heinrich II., so blieben zunächst zahlreiche Barone dem Weihnachtshof fern und ignorierten auch später einen Aufruf, sich beim König einzufinden. William Marshal blieb jedoch treu an der Seite seines Herrn: Er unternahm von Le Mans aus, wo der alte König sich aufhielt, noch eine Reise nach Paris, um erneut mit Philipp zu verhandeln. Er kehrte jedoch unverrichteter Dinge zurück, als er feststellen musste, dass sich auch Richard in Verhandlungen mit dem französischen Monarchen befand. Als einer der Wenigen, die wirklich treu Heinrich II. standen, fand Marshal sich nun tatsächlich im Zentrum der königlichen Macht wieder und nicht mehr bloß an dessen Peripherie als ein Höfling unter vielen. Dem König blieb nichts anderes übrig, als sich für eine Invasion in Le Mans zu rüsten. Schließlich kam es nach einem vom Papst vermittelten Treffen zwischen ihm, seinem Sohn Richard sowie dem französischen König Philipp, das jedoch scheiterte, zum direkten Angriff auf angevinisches Territorium. Bald wurde auch Le Mans bedroht. Wie die Histoire berichtet, kam William Marshal die Aufgabe zu, mit einigen seiner Ritter die Verteidigungsanlagen zu überprüfen, wobei er eine Gruppe französischer Soldaten erspähte. Zunächst war nicht klar, ob es sich lediglich um eine kleine Patrouille handelte oder ob bereits mit einem Angriff zu rechnen war. Marshal beschloss, sich von einem Hügel aus einen besseren Überblick zu verschaffen und entdeckte so, dass das gesamte französische Heer ebenso wie Richard Löwenherz mit seinen Soldaten auf Le Mans zumarschierte. Rasch kehrte er in die Stadt zurück, um seinen König über den bevorstehenden Angriff zu informieren.

Heinrich II. schien sich in Le Mans in relativer Sicherheit zu wähnen. Die Stadt war gut befestigt und wurde zudem durch den Fluss Huisne geschützt, dessen Brücke man vorsorglich eingerissen hatte, um den feindlichen Truppen das Vorrücken zu erschweren. Am Morgen des 12. Junis entdeckte eine französische Vorhut jedoch eine Furt in der Huisne, sodass ein direkter Angriff auf die Stadt erfolgen konnte. Marshal hatte die Aufgabe, das Südtor zu verteidigen, er musste seine Stellung jedoch bald aufgeben und die feindlichen Truppen stürmten Le Mans. Der König erkannte, dass die Stadt verloren war und verließ sie rasch mit seinem engsten Gefolge, darunter William Marshal. Richard Löwenherz, der sich im Eifer des Gefechts offenbar nur leicht gerüstet hatte, nahm mit einer kleinen Gruppe von Kämpfern die Verfolgung auf. Marshal und ein weiterer Ritter, beide in voller Rüstung, stellten sich ihnen in den Weg. Als Richard erkannte, dass er völlig unzureichend bewaffnet auf den legendären Turnierritter William Marshal zu galoppierte, soll er diesem, der Histoire  zufolge, zugerufen haben: „Bei den Beinen Gottes, Maréchal! Töte mich nicht! Das wäre eine schmähliche Tat, denn ich bin völlig wehrlos.“ Im letzten Moment ließ William seine Lanze sinken, sodass diese nur Richards Pferd traf, ihn dadurch aber zu Fall brachte und die Verfolgung beendete. So gelang Heinrich II. zwar die Flucht, seine Macht war jedoch gebrochen und auch seine Erkrankung schwächte ihn mehr denn je. Geschlagen zog er sich nach Chinon zurück.


Für William Marshal war dies ein Moment der Entscheidung: Sollte er seinem König die Treue halten oder sich lieber doch lieber dessen Sohn Richard um Vergebung bitten und sich ihm anschließen? Er entschied sich für seinen König — ganz seinem Ruf als treuer Ritter entsprechend. Am 4. Juli 1189 begleitete er den kranken und geschlagenen Heinrich II. noch zu einem letzten Treffen mit Richard Löwenherz und Philipp von Frankreich, in dessen Rahmen ersterer als Nachfolger seines Vaters bestätigt wurde. Zwei Tage später, am 6. Juli, verstarb der einst so mächtige Herrscher des Angevinischen Reiches. William Marshal war unter denjenigen, die ihm das letzte Geleit zur Abtei Fontevraud gaben und dort an seinem aufgebahrten Körper Wache standen. Gleichzeitig blickte er einer ungewissen Zukunft unter einem neuen König entgegen, gegen den er sich bis zuletzt gestellt und dessen Pferd er nach der Schlacht um Le Mans getötet hatte.

Zum Weiterlesen:

Asbridge, Thomas, Der Größte Aller Ritter und die Welt des Mittelalters, Stuttgart 2015.
Duby, Georges, Guillaume le Maréchal oder der beste aller Ritter, Frankfurt am Main 1986.

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