Sonntag, 7. Juli 2019

Das Rätsel um das Voynich-Manuskript


Im Bestand der Beinecke Rare Book and Manuscript Library der Universität Yale befindet sich seit 1969 ein geheimnisvolles Manuskript, das bis heute trotz zahlreicher Versuche weder in seiner Bedeutung noch in seinem Inhalt entschlüsselt werden konnte – vorausgesetzt, es gibt überhaupt einen sinnvollen Inhalt, der erschlossen werden kann. Auch die genaue Herkunft und Entstehung des Manuskripts ist unklar und konnte seit Jahrhunderten nicht in allen Details geklärt werden. Bis heute hält das sogenannte Voynich-Manuskript mehr Fragen als Antworten bereit und unser neuester Artikel verfolgt das Ziel, diese vorzustellen und die bisherige wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Dokument im Hinblick auf seine Geschichte, seine Inhalte und die Versuche seiner Entschlüsselung nachzuvollziehen.


Abbildung aus der astronomischen Sektion (f. 68r) 
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/0/0f/68r.jpg

Nach heutigem Kenntnisstand und ausgehend von einer Radiokarbonanalyse, die im Jahr 2009 in Chicago durchgeführt wurde, geht man davon aus, dass das für das Manuskript verwendete Pergament zwischen 1404 und 1438 entstanden ist. Auch konnten weitere Analysen nachweisen, dass die benutzte Tinte bereits wenige Jahre nach der Entstehung des Pergaments aufgetragen worden sein muss. Aufgrund dieser Erkenntnisse und bestimmter typischer zeitlicher Merkmale der Illustrationen wird die Entstehung des Voynich-Manuskripts momentan auf die Jahre 1450 bis 1520 datiert. Als Entstehungsort wird Norditalien vermutet.

Was die verschiedenen Besitzer des Manuskripts angeht, so sind auch diese nicht immer klar zu identifizieren beziehungsweise als wirkliche Besitzer nachzuweisen. Als relativ sicher gilt, dass sich das Manuskript einmal im Besitz von Kaiser Rudolf II. (1552-1612) befunden haben muss. Rudolf II. interessierte sich für Kunst und zahlreiche Wissenschaften, darunter die Alchemie, und er soll das Manuskript einem unbekannten Händler abgekauft haben. Gerüchten zufolge glaubte er, dass der englische Franziskanermönch und Philosoph Roger Bacon (um 1220-1292) dieses verfasst habe. Dies kann durch Datierung des Pergaments jedoch ausgeschlossen werden, es sei denn, dass hier ein bislang nicht bekannter Text Bacons erneut abgeschrieben worden ist. Nach dem käuflichen Erwerb und der Feststellung, dass er die Inhalte des Manuskripts nicht erschließen konnte, soll Rudolf II. es seinem Hofpharmazeuten Jakub Horčický z Tepence (um 1575-1622) zur genaueren Untersuchung hinterlassen haben. Diese Übertragung gilt als belegt, da das Manuskript den Namenseintrag Jacobj ’a Tepenece aufweist.

Auf bislang nicht nachvollziehbaren Wegen gelangte das Manuskript dann in den Besitz des Antiquitätensammlers und Alchemisten Georg Baresch (1585-1662) in Prag. Auch Baresch konnte den Text nicht entschlüsseln, weshalb er sich mindestens einmal, das Jahr 1639 ist hierfür belegt, in einem Brief an den jesuitischen Universalgelehrten Athansasius Kircher (1602-1680) wandte, ihm eine Kopie des Manuskripts zukommen ließ und ihn um Unterstützung bei der Entschlüsselung bat. Kircher galt unter seinen Zeitgenossen als Experte für die Entschlüsselung geheimnisvoller Texte und rühmte sich fälschlicherweise damit, die Hieroglyphen der Ägypter entschlüsselt zu haben. Auf die Schreiben Bareschs reagierte er jedoch nicht. Georg Baresch vererbte das Manuskript einem befreundeten Naturwissenschaftler, Johannes Marcus Marci (1595-1667), der nun Kircher 1666 erneut um Hilfe bei der Entschlüsselung bat und ankündigte, ihm auch das Original zukommen zu lassen. Ob er dies auch wirklich tat, ist unklar.

Der polnische Antiquar Wilfrid Michael Voynich (1865-1930) – nach dem das Manuskript benannt ist – erwarb es 1912 käuflich aus den Beständen des 1865 gegründeten Jesuitenkollegs Nobile Collegio Mondragone, das circa 20 Kilometer südöstlich von Rom liegt. Womöglich befand es sich davor in Kirchers Besitz und später in dessen Nachlass und somit in den Beständen des Jesuitenordnens in der Bibliothek des Collegium Romanum. Um der Konfiskation kirchlichen Eigentums zu entgehen, wurden im Jahr 1870 zahlreiche Bücher aus dieser Bibliothek in privaten Besitz übergeben. Kirchers Nachlass ging an den damaligen Ordensgeneral Pierre Jean Beckx (1795-1887) und dieser war nachweislich ein Besitzer des Manuskripts, da dieses einen Stempel mit seinem Namen trägt. Voynich beschrieb seine erste Begegnung mit dem Manuskript im Rückblick folgendermaßen: „In 1912 [...] I came across a most remarkable collection of precious illuminated manuscripts. [...] While examining the manuscripts, with a view to the acquisition of at least a part of the collection, my attention was especially drawn by one volume. It was such an ugly duckling compared with the other manuscripts, with their rich decorations in gold and colors, that my interest was aroused at once. I found that it was written entirely in cipher. […] Although I could not be certain of its authorship, the fact that this was a thirteenth century manuscript in cipher convinced me that it must be a work of exceptional importance, and to my knowledge the existence of a manuscript of such an early date written entirely in cipher was unknown, so I included it among the manuscripts which I purchased from this collection. Voynich vererbte das Manuskript seiner Ehefrau und seiner Sekretärin. Letztere verkaufte es nach dem Tod der Frau 1961 an einen amerikanischen Buchhändler. Dieser wiederum stiftete das Dokument 1969 der Yale-Universität.

Das Voynich-Manuskript besteht zum jetzigen Zeitpunkt noch aus 102 zusammengehefteten Blättern Pergament. Aufgrund einer früheren Zählung der Seiten weiß man jedoch, dass es einst aus 116 Blatt bestanden haben muss. Zusätzlich weist es weder einen Titel noch einen Hinweis auf einen Autor auf. Jedoch finden sich in ihm eine Vielzahl von kolorierten Abbildungen, die noch vor dem Text aufgetragen worden sein müssen, da der Text diesen in seiner Form angepasst zu sein scheint. Der Text wurde von links nach rechts von einem vermutlich geübten Schreiber geschrieben und es scheint eine Wort- und Absatzstruktur erkennbar zu sein. Die Länge der Wörter, insgesamt circa 35.000, und ihre Struktur der Wiederholung weisen jedoch keine Ähnlichkeiten zu einer heute noch gesprochenen europäischen Sprache auf. Die vorhandenen Illustrationen und ihre Interpretationen wurden jedoch zum Ausgangspunkt genommen, um auf eine Gliederung des Manuskripts in folgende Abschnitte zu schließen: eine kräuterkundliche Sektion mit Abbildung von Pflanzen, die an bekannte Pflanzen erinnern; eine astronomische Sektion mit Bildern und Diagrammen der Sonne, des Mondes und von Sternen sowie eine unvollständige Auflistung der Tierkreiszeichen; eine anatomisch-balneologische Sektion mit rätselhaften Abbildungen nackter badender Frauen, deren Wannen teilweise durch Röhren miteinander verbunden sind; eine kosmologische Sektion mit verschiedenen abgebildeten Rosetten, eine pharmazeutische Sektion, wiederum mit Abbildungen von Pflanzen und bunten Gefäßen und schließlich Textabschnitte, bei denen man vermutet, dass es sich um Rezepte für die Herstellung von Medikamenten handeln könnte.

Eine Abbildung aus der anatomisch-balneologischen Sektion
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/f/f4/Voynich-partof_f78r.jpg

Ganz am Ende des Manuskripts findet sich ein dreizeiliger Text, der womöglich der Schlüssel zur bislang nicht gelungenen Decodierung sein könnte. In diesem Zusammenhang wurde auch bereits versucht, ein Alphabet zu erstellen, da das Manuskript zwischen 20 bis 30 wiederkehrende Zeichen aufweist. Das aktuelle Voynich-Alphabet sieht so aus, allerdings ist die Transkription und Übertragung für keinen der Buchstaben letztlich gesichert:

European Voynich Alphabet
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/e1/Voynich_EVA.svg

Während Wilfrid Voynich sich selbst nicht an der Entschlüsselung des Manuskripts versuchte, verschickte er jedoch seit 1919 einzelne kopierte Seiten an verschiedene Wissenschaftler und Experten der Kryptografie, die die verschiedensten Versuche unternahmen, den Text zu entschlüsseln, die Autorschaft Bacons nachzuweisen und dabei zu den unterschiedlichsten Lösungsansätzen gelangten: William Romaine Newbold, Dozent für Philosophie in Philadelphia, vermutete eine im Manuskript in leicht abweichenden Buchstaben versteckte Mikroschrift aus altgriechischen Kurzschriftzeichen. Auch noch weit nach seinem Tod im Jahr 1926 wurde er zum Teil heftig kritisiert und der Verdacht der versteckten Mikroschrift letztlich widerlegt. Joseph Martin Feely, seines Zeichen Jurist, arbeitete nur mit einer einzigen kopierten Seite des Manuskripts und vermutete als ursprüngliche Sprache des Textes Latein. Das lateinische Alphabet sei dann durch Voynich-Zeichen substituiert und gleichzeitig gekürzt worden. Seine Entschlüsselungen ergaben jedoch keine sinnvollen und lesbaren Resultate. Der Botaniker Hugh O’Neill versuchte sich wiederum an der Identifikation der abgebildeten Pflanzen und glaubte, eine Sonnenblume und eine Art des Spanischen Pfeffers zu erkennen. Beide Pflanzen waren jedoch erst nach 1492 nach Europa gelangt, so dass dies eine Autorschaft Bacons unmöglich machen würde. Der US-Kryptologe William Friedman versteckte Ende der 1950er-Jahre in einem seiner Aufsätze in einer Fußnote ein Anagramm, das entschlüsselt folgende Hypothese beinhaltete: „The Voynich MSS was an early attempt to construct an artificial or universal language of the a priori type.“ Eine solche konstruierte künstliche oder universelle Sprache kann in den meisten Fällen nur dann entschlüsselt werden, wenn ihr Konstruktionsprinzip bekannt ist, was im Fall des Voynich-Manuskripts nicht der Fall ist. Womöglich könnte ein solches tatsächlich verloren gegangen sein. Robert S. Brumbaugh, Professor für Philosophie des Mittelalters in Yale und somit in der Lage vor Ort mit dem Originalmanuskript zu arbeiten, vermutete ebenfalls, wie zuvor bereits Feely, ein Substitutionsprinzip. Er ging davon aus, dass die Zeichen im Manuskript alte Ziffernformen seien, von denen jede mehrere Buchstaben des lateinischen Alphabetes ersetze. Doch auch seine Entschlüsselungen ergaben keinen sinnvollen Inhalt. Andere ForscherInnen kamen zu dem Schluss, dass es sich bei dem Manuskript um einen mittelalterlichen Scherz handeln könnte und es keinen sinnvollen Inhalt zu entschlüsseln gebe, sondern mögliche Leser bewusst vor ein Rätsel gestellt werden sollten. Gegen diese Vermutung spricht der große Aufwand bei der Erstellung des Manuskripts sowie die Kosten für Pergament und Tinte.

Insbesondere seit Beginn des 21. Jahrhunderts mit seinen technischen Möglichkeiten wird sich wieder vermehrt mit dem Manuskript beschäftigt. Seitdem wurde unter anderem vermutet, dass der Text in einer nicht mehr gesprochenen mittelamerikanischen Sprache verfasst worden sein könnte oder aus der Gegend um Mailand stammen könnte. Auch über Hebräisch als Sprache wurde diskutiert in Verbindung mit der Theorie, dass den einzelnen Wörtern Vokale fehlen würden und diese insgesamt Anagramme seien. Doch auch mit diesem Ansatz konnte der Text nicht entschlüsselt werden. In diesem Jahr behauptete Gerard Cheshire, Wissenschaftler an der Universität Bristol, dass der Text in einer proto-romanischen Sprache geschrieben sei und er legte Entschlüsselungen für einzelne Passagen vor. Er identifizierte das Manuskript als ein Handbuch für das höfische Leben im Spätmittelalter, datierte seine Entstehung auf die Jahre 1445 bis 1448 und ging davon aus, dass eine dominikanische Nonne die Verfasserin sei, die den Text im Auftrag der Königin von Aragón Maria von Kastilien (1401-1458) geschrieben habe. Doch auch seine Interpretation stieß schnell auf Kritik und konnte sich nicht durchsetzen. Somit existiert das Rätsel weiter und es muss offenbleiben, ob das Manuskript jemals wird entschlüsselt werden können.


Zum Weiterlesen:
D’Imperio, Mary E.: The Voynich Manuscript. An Elegant Enigma, Laguna Hills CA 1978. Heiduk, Matthias: Roger Bacon und die Geheimwissenschaften. Ein Grenzfall für die Wissenschaftskonzeptionen von Zeitgenossen und Nachwelt, in: Martin Mulsow u. Frank Rexroth (Hgg.): Was als wissenschaftlich gelten darf. Praktiken der Grenzziehung in Gelehrtenmilieus der Vormoderne, Frankfurt am Main u. a. 2014, S. 109-138.
Janick, Jules; Tucker, Arthur O.: Unraveling the Voynich Codex, Cham 2018.
Roitzsch, Erich H. Peter: Das Voynich-Manuskript. Ein ungelöstes Rätsel der Vergangenheit, Münster 2008.
Voynich, Wilfrid M.: A Preliminary Sketch of the History of the Roger Bacon Cipher Manuscript, in: Transactions & Studies of the College of Physicians of Philadelphia 43 (1921), S. 415-430.

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