Sonntag, 28. April 2019

Der Große Judenbrand und der Große Christenbrand


Immer wieder kam es im Mittelalter und der Frühen Neuzeit zu Stadtbränden, in deren Verlauf häufig ganze Stadtviertel und Straßenzüge zerstört wurden, wie beispielsweise beim Großen Brand von London 1666. Ursachen für die schnelle Ausbreitung der Flammen waren vor allem aus Holz gebaute und mit Stroh gedeckte Häuser sowie sehr enge Straßen, die Löschversuche erschwerten. Im 18. Jahrhundert kam es innerhalb von wenigen Jahren in Frankfurt am Main zu zwei größeren Bränden, die auch als der Große Judenbrand und der Große Christenbrand bezeichnet werden. Was es mit diesen Bezeichnungen auf sich hat, wie es zu den beiden Bränden kam und welche Folgen diese jeweils nach sich zogen, wird in unserem neuen Artikel thematisiert.


Seit 1462 lebten die Frankfurter Juden, die die größte jüdische Gemeinde im Heiligen Römischen Reich bildeten, in der sogenannten Frankfurter Judengasse. Diese Gasse war circa 330 Meter lang und drei bis vier Meter breit und konnte durch drei Stadttore abgeriegelt werden. Sie befand sich im Osten der Stadt, außerhalb der Stadtmauer. Die Wohnverhältnisse müssen sehr beengt gewesen sein, da die Einwohnerzahl stetig anstieg. Lebten im Jahr 1543 schon 260 Personen in der Gasse, werden für das Jahr 1613 bereits 2700 Einwohner angenommen.

Die Judengasse 1628 vor dem Brand, Ausschnitt aus Matthäus Merians Vogelschauplan von 1628, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/47/Frankfurt-Judengasse-1628-MkII.png.

Hier brach am Abend des 14. Januars 1711 gegen acht Uhr ein Feuer im Haus des Oberrabbiners Naphtali Cohen aus. Dieses Haus, das zu den größten in der Judengasse gehörte, befand sich in deren Mitte und lag direkt gegenüber der Synagoge. Nicht nur die Architektur der Häuser aus Fachwerk und mit Überhängen sowie die Enge der Gasse, sondern auch ein starker Wind und fehlendes Wasser führten dazu, dass sich das Feuer schnell ausbreitete. Dazu kam, dass die jüdischen Bewohner die erwähnten Stadttore zunächst geschlossen hielten und keine Hilfe der christlichen Bewohner Frankfurts zuließen, da sie fürchteten, dass diese die Situation des Brandes ausnutzen könnten, um die Judengasse zu plündern. Schließlich verschafften sich einige Christen gewaltsam Zutritt, da sie fürchteten, dass die Flammen auch auf ihre Häuser und somit auf die christlichen Viertel übergreifen könnten. Dies konnte letztlich verhindert werden, da der Wind im Laufe der Nacht drehte und sich das Feuer somit in eine andere Richtung ausbreitete. Als der Brand schließlich nach 24 Stunden gelöscht werden konnte, waren nahezu alle Häuser der Judengasse den Flammen zum Opfer gefallen. Vier Menschen waren außerdem in den Flammen zu Tode gekommen, während sich ein Großteil der Einwohner auf den Friedhof hatte retten können. Auch verbrannten wertvolle Thorarollen und Schriften sowie zahlreiche Bücher und andere Besitztümer. Die Bewohner der Gasse, die teilweise alles verloren hatten, kamen kostenlos bei hilfsbereiten christlichen Nachbarn unter oder durften bis zum Wiederaufbau ihrer Häuser bei jenen zur Miete wohnen, was vor dem Brand noch verboten gewesen war. Mittellose Juden fanden außerdem eine vorübergehende Bleibe in benachbarten jüdischen Gemeinden. Nicht alle Bewohner kehrten anschließend nach Frankfurt zurück.


Von zentraler Bedeutung nach dem Brand war der schnelle Wiederaufbau der Synagoge. Kaiser Joseph I. (1678-1711) setzte sich am 18. März 1711 für den Schutz der Frankfurter Juden und den Wiederaufbau der Judengasse ein. Der Frankfurter Rat erlaubte in diesem Zusammenhang die Neuerrichtung der Synagoge, die bereits Ende September 1711 verwirklicht werden konnte. Auch der Rest der Gasse wurde wiederaufgebaut, diesmal jedoch unter strengen Bauvorschriften, um weitere Brände zu verhindern. Die Straßen sollten von nun an breiter sein und feuerbeständige Brandmauern sollten errichtet werden. Der Oberrabbiner, in dessen Haus das Feuer ausgebrochen war, wurde zunächst für den Brand verantwortlich gemacht und festgenommen. Gerüchte machten die Runde, er habe einen Talisman gegen Feuergeister besessen und eine missglückte Beschwörung hätte das Feuer entfacht. Letztlich wurde zwar seine Unschuld festgestellt, seine angesehene Stellung innerhalb der Gemeinde hatte er jedoch verloren. Im März 1711 verließ er nach Zahlung einer Kaution mit seiner Familie die Stadt und ging nach Prag, wo ein Teil seiner Familie lebte. Die jüdische Gemeinde beging den 14. Januar in der Folge als Buß- und Fasttag in Gedenken an die Opfer und Schäden, die der Brand angerichtet hatte.

Wann dieser Brand von den Zeitgenossen das erste Mal als Großer Judenbrand bezeichnet wurde, kann heute nicht mehr festgestellt werden. Präsenter in den Diskursen der Zeit wurde er jedoch, nachdem es nur acht Jahre später ebenfalls in Frankfurt zum Großen Christenbrand gekommen war und man die beiden Bezeichnungen nutzte, um die Brände voneinander zu unterscheiden und vor allem deutlich zu machen, welche Gruppe der Frankfurter Bevölkerung jeweils betroffen gewesen war.


Ansicht von Frankfurt beim Großen Christenbrand von 1719, 1710, https://www.lagis-hessen.de/img/oa/s3/Frankfurt_1710_1.jpg.

Am 26. Juni 1719 brach ein Feuer im Gasthof Zum Rehbock in der Bockgasse aus, weil ein Gast aus Dresden, ein Perückenmacher, vermutlich vergessen hatte, die Kerze an seinem Bett zu löschen, bevor er sich hingelegt hatte. Zwar waren die christlichen Bewohner Frankfurts besser auf Brände vorbereitet – jeder Bürger besaß einen Löscheimer aus Leder, die Stadt verfügte über zwei Handfeuerspritzen und zahlreiche Handzugspritzen und es gab eine Bürgerfeuerwehr – trotzdem erschwerten erneut starke Winde sowie durch die Junihitze hervorgerufene Trockenheit in den Brunnen eine schnelle Bekämpfung des Feuers. Im Frankfurter Journal, einer zeitgenössischen Zeitung, stand beispielsweise: „Ein heftiger Westwind begünstigte das Weiterverbreiten des Feuers, das in den zusammenhängenden, von fast gar keinen Brandmauern geschützten, vielmehr durchaus mit zwei, auch drei starken Überhängen versehenen Häusern der engen Gasse eine größere Nahrung fand, und, gleichsam schlangenartig laufend, pfeilschnell die neben, hinten und gegenüber stehenden Häuser anzündete.“ Nach zwei Stunden brannten bereits 200 Häuser, nach 13 Stunden konnte zumindest verhindert werden, dass sich das Feuer weiter ausbreitete. Indem man bis dahin unversehrte Häuser abriss, wurde vermieden, dass das Feuer auch noch auf diese überspringen konnte. Das Frankfurter Journal berichtete in diesem Zusammenhang: „Unfehlbar würde auch der, durch eine im Jahr 1711 ausgebrochene Feuersbrunst gänzlich in Asche gelegte, später aber wieder neu aufgebaute Theil der Judengasse vom Feuer ergriffen worden seyn, hätte man nicht die ihr gegenüberstehenden Häuser schnell niedergerissen.“ Mehr als drei Tage wütete das Feuer, bis es endlich vollständig gelöscht werden konnte. Beinahe 450 Häuser waren zu diesem Zeitpunkt niedergebrannt und 470 Familien hatten ihren Besitz verloren. Mit einer europaweiten Spendenaktion versuchte man schon damals, Geld für die Betroffenen zu sammeln. Insgesamt 14 Menschen waren in den Flammen umgekommen und Schätzungen zufolge belief sich der Schaden auf eine Million Gulden.

Wie schon beim Großen Judenbrand war die Folge, dass der Rat der Stadt strengere Bauvorschriften erließ, darunter die Errichtung von Untergeschossen aus Stein und nicht mehr aus Holz, die Ausweitung von Brandmauern sowie die Einschränkung von Überhängen an den Häusern. Doch trotz der insgesamt neuen Bauvorschriften und Schutzmaßnahmen brach beinahe genau 10 Jahre später, am 28. Januar 1721, erneut ein Feuer in der Frankfurter Judengasse aus. Nach 11 Stunden waren 100 Häuser abgebrannt und manche Bewohner verloren zum zweiten Mal ihren gesamten Besitz. Zudem trat nun ein, was zehn Jahre zuvor nur befürchtet worden war: Christen plünderten und beschädigten während der Löschversuche einen Teil der Häuser. Als Konsequenz und nachdem Kaiser Karl VI. (1685-1740) den Rat der Stadt ermahnt hatte, erklärte sich dieser bereit, die jüdische Bevölkerung von nun an besser zu schützen und ihr Steuern zu erlassen, um die finanzielle Belastung durch den erneut nötig gewordenen Wiederaufbau nicht noch größer werden zu lassen. Durch diesen zweiten Brand in der Judengasse und den nur langsam vorangehenden Wiederaufbau verließen erneut zahlreiche Juden Frankfurt oder kamen woanders innerhalb der Stadt unter, wodurch die Größe der jüdischen Gemeinde erneut abnahm.

Zum Weiterlesen:
Allemeyer, Marie Luisa: Fewersnoth und Flammenschwert. Stadtbrände in der Frühen Neuzeit, Göttingen 2007.
Backhaus, Fritz (Hg.): The Frankfurt Judengasse. Jewish Life in an Early Modern German City, London u. a. 2010.
Bothe, Friedrich: Geschichte der Stadt Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1977.

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