Sonntag, 31. Juli 2016

Der Londoner Kutschenstreit

Ludwig XIV. (1638-1715), der wohl bekannteste französische König, wurde schon im Alter von vier Jahren als König inthronisiert, nachdem sein Vater Ludwig XIII. im Mai 1643 gestorben war. Zunächst übernahm seine Mutter, Anna von Österreich (1601-1666), die Regentschaft für ihren noch unmündigen Sohn, wobei politische Entscheidungen in dieser Zeit schon hauptsächlich vom leitenden Minister und Kardinal Jules Mazarin (1602-1661) getroffen wurden. Dieser übernahm außerdem die Rolle des Erziehers Ludwigs und machte ihn mit der Führung des Staates vertraut. Als Mazarin 1661 starb, war Ludwig 22 Jahre alt und bereit, die Regierungsgeschäfte von nun an eigenständig zu führen und zu beweisen, dass er im Spiel der europäischen Mächte nicht nur bestehen, sondern dieses auch dominieren konnte. In diesem Artikel soll es um eine der ersten Amtshandlungen Ludwigs, den sogenannten Londoner Kutschenstreit, gehen, mit der der spätere „Sonnenkönig“ erstmals eigenständig die Vormachtstellung Frankreichs gegenüber Spanien einforderte und durch taktisches Agieren schließlich auch durchsetzen konnte.


Ludwig XIV. 1661, Gemälde von Charles Le Brun, Öl auf Leinwand, Schloss von Versailles.
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Am 30. September 1661 sollte der neue schwedische Botschafter Per Brahe der Jüngere (1602-1680) im Londoner Whitehall-Palast, der Residenz König Karls II. (1630-1685), offiziell eingeführt werden. Solche Einzüge wurden gewöhnlich von Kutschen begleitet, in denen sich die Botschafter der beteiligten Länder befanden. Dabei spielte es eine enorme Rolle, welche Reihenfolge das Protokoll bei der Einfuhr der Fuhrwerke vorsah, da an der Abfolge die Macht und die Stellung des zu repräsentierenden Staates abgelesen werden konnte. Neben Ludwig, der als französischer König für seinen Botschafter die erste Position in der Reihe der Kutschen forderte, wollte auch der spanische König Philipp IV. (1605-1665), gleichzeitig Schwiegervater Ludwigs, für seinen Botschafter Jean Charles de Watteville die Spitzenposition erringen, da beide für ihre Länder die Vormachtstellung in Europa beanspruchten. Streitigkeiten um Rangfolgen stellten dabei keine Einzelfälle dar. In England existierte zu diesem Zeitpunkt bereits ein Buch mit dem Titel Finetti Philoxenis: some choice observations of Sr John Finett, knight, and master of the ceremonies to the two last kings, Touching the Reception and Precedence, the Treatment and Audience, the Puntillios and Contests of Forren Ambassadors in England, welches der Zeremonienmeister am Hof der Stuarts, Sir Jon Finett, 1656 verfasst hatte.

Beide Könige wussten um die symbolische Bedeutung der Reihenfolge, weshalb sie schon vorher Vorbereitungen treffen ließen, um ihr Gespann an der Spitze des Zuges zu wissen. So hatte sich die Delegation des französischen Botschafters im Vorfeld bewaffnet und die spanische Delegation hatte Neugierige und Anwohner auf dem Weg zum Palast bestochen, das französische Gefährt mit allen Mitteln aufzuhalten. Schließlich eskalierte die Situation, als die Kutschen die Menge passierten. Es entwickelte sich eine Art Wettrennen zwischen den Delegationen, das schließlich in einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen den Franzosen, Spaniern und den bestochenen Schaulustigen mündete. Im Verlauf des Gemenges kamen acht Menschen zu Tode, zahlreiche wurden verletzt und die Pferde, die die französische Kutsche zogen, abgestochen. So geschwächt blieb dem französischen Gefährt nur noch eine abgeschlagene Position im Zug der Fuhrwerke übrig und die spanische Kutsche fuhr als erste vor dem Palast von Whitehall vor.

Der Augenzeuge Samuel Pepys (1633-1703), Präsident der Royal Society, Abgeordneter des House of Commons und akribischer Tagebuchschreiber sowie Chronist seiner Zeit, beschrieb den Vorfall und die Reaktionen der Bevölkerung folgendermaßen: “I went into King Street to the Red Lyon to drink my morning draft, and there I heard of a fray between the two Embassadors of Spain and France; and that, this day, being the day of the entrance of an Embassador from Sweden, they intended to fight for the precedence! Our King, I heard, ordered that no Englishman should meddle in the business, but let them do what they would. […] Then to the Wardrobe, and dined there, end then abroad and in Cheapside hear that the Spanish hath got the best of it, and killed three of the French coach-horses and several men, and is gone through the City next to our King’s coach; at which, it is strange to see how all the City did rejoice. And indeed we do naturally all love the Spanish, and hate the French.”

Auf den ersten Blick hatte Spanien also seine Vormachtstellung vor Frankreich behaupten und den symbolischen Zweikampf der Mächte für sich entscheiden können. Ludwig jedoch hatte nur darauf gewartet, dass die spanische Delegation sich so verhalten würde, und diese bewusst provoziert. Jetzt konnte er von einer offiziellen Beleidigung der französischen Krone durch die spanische sprechen und seinen Unmut kundtun. Ludwig erkannte die Chancen, die sich für Frankreich aus dem Vorfall ergaben und er konnte aus dieser für Spanien gefährlichen Situation seine Vorteile ziehen: In einem ersten Schritt verwies er den spanischen Botschafter des Landes und zog gleichzeitig den französischen Botschafter aus Spanien ab, um den Eindruck zu erwecken, alle diplomatischen Beziehungen zwischen den Ländern abbrechen zu wollen. In einem zweiten Schritt forderte er eine offizielle Entschuldigung des spanischen Königs für dessen Verhalten im genannten Ereignis, welches im französischen Sprachgebrauch als Guerre de préséance (Krieg um die Vormacht) bekannt geworden ist. Darüber hinaus erneuerte Ludwig seine Forderung nach der Vormachtstellung Frankreichs, die von nun an an allen Höfen ohne Einschränkung gelten sollte. Dabei ließ er Philipp IV. gar keine andere Wahl, als auf die Forderung einzugehen, da er diese sogleich mit der Drohung verbunden hatte, bei Nichtbefolgen die Spanischen Niederlande zu annektieren. Denn Ludwig wusste um die geschwächte politische, militärische und finanzielle Situation Spaniens: Seit 1635 hatten Frankreich und Spanien im Französisch-Spanischen-Krieg gegeneinander und um die Vormachtstellung in Europa gekämpft. Erst im November 1659 war dieser Krieg mit dem sogenannten Pyrenäenfrieden zu Ende gegangen. Der Friedensschluss ging mit zahlreichen Gebietsverlusten Spaniens einher und es wurde außerdem vereinbart, dass Ludwig Maria Theresia, die Tochter Philipps, ein Jahr später heiraten sollte, um die Verbindungen zwischen den Ländern zu erneuern und zu stärken. Im Ergebnis verschob der Krieg das Mächtegleichgewicht zu Gunsten Frankreichs und schwächte die vorherige Dominanz Spaniens – ein Faktum, welches von Philipp jedoch lange Zeit nicht anerkannt wurde und als Ursache für sein Verhalten im Kutschenstreit gesehen werden kann.

Entschuldigungsaudienz der spanischen Gesandten vor Ludwig XIV. am 24. März 1662.
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Um die Spanischen Niederlande zu schützen, musste der spanische König schließlich der Forderung des französischen Königs nachkommen und Frankreich als neue Hegemonialmacht anerkennen. Denn er wusste, dass sein Reich niemals eine Annexion hätte verhindern können, da es nahezu zahlungsunfähig war und kaum noch Truppen zur Verfügung standen. Die Entschuldigungsaudienz der spanischen Gesandten in Frankreich fand schließlich am 24. März 1662 in der Residenz des Königs in Fontainebleau statt. Ludwig war aufgrund seines diplomatischen Geschicks und der klugen Einsetzung seines Wissens um Spaniens Lage folglich als der Sieger aus dem Kutschenstreit mit all seinen Konsequenzen hervorgegangen. Darüber hinaus hatte der noch junge König seinen Machtanspruch und seine Position öffentlich behauptet und indirekt eine Warnung an die anderen europäischen Mächte gesendet. Der von ihm provozierte Kutschenstreit stand schließlich nur am Beginn seiner Herrschaft, die bis 1715 andauern sollte und in dessen Verlauf Frankreich seine Großmachtstellung immer weiter ausbauen konnte und Ludwig zum beeindruckendsten Vertreter des höfischen Absolutismus' wurde.

Zum Weiterlesen:
Samuel Pepys: Die Tagebücher 1660-1669, aus dem Englischen von Georg Deggerich u. a., nach der Latham-&-Matthews-Edition eingerichtet, mit Anmerkungen und Karten, Frankfurt am Main 2011.
Bernier, Olivier: Ludwig XIV. Die Biographie, Düsseldorf 2003.
Burke, Peter: Ludwig XIV. Die Inszenierung des Sonnenkönigs, Berlin 2001.
Cénat, Jean-Philippe: Le roi stratège. Louis XIV et la direction de la guerre, 1661-1715, Rennes 2010. 

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