Sonntag, 26. Juni 2016

Wilhelmine von Grävenitz – Aufstieg und Fall einer Mätresse

Dass Herrschende in der Frühen Neuzeit Mätressen hatten und diese teilweise über immensen politischen Einfluss verfügten, war keine Seltenheit. Madame de Pompadour, Mätresse des französischen Königs Ludwig XV., ist hierfür wohl das bekannteste Beispiel. Dabei waren jene Frauen aber auch stets der Gefahr ausgesetzt, den gerade gewonnenen Einfluss genauso schnell wieder zu verlieren. In unserem heutigen Artikel beschäftigten wir uns mit Wilhelmine von Grävenitz (1685-1744), die als Mätresse des Württembergischen Herzogs Eberhard Ludwig (1676-1733) einen enormen gesellschaftlichen und politischen Aufstieg erlebte, bevor sie durch einen plötzlichen Todesfall in der Familie des Herzogs ihrer Stellung und ihres Ansehens beraubt wurde.


Geboren wurde Christina Wilhelmine Friederike, die dem mecklenburgischen Adelsgeschlecht derer von Grävenitz (oder Graevenitz) entstammte, am 4. Februar 1685 in Schilde, einem kleinen Ort im heutigen Brandenburg. Ihre Kindheit verbrachte sie in Güstrow und erst 1706 kam sie an den württembergischen Hof nach Stuttgart. Zu diesem Zeitpunkt stand ihr Bruder Friedrich Wilhelm von Grävenitz (1679-1754) bereits als Kammerjunker in Diensten des dort regierenden Herzogs von Württemberg und Reichsgeneralfeldmarschalls Eberhard Ludwig. Gemeinsam mit dem Hofmarschall Johann Friedrich von Staffhorst schmiedete dieser den Plan, seine mittlerweile 20-jährige Schwester an den Stuttgarter Hof zu bringen, um sie mit dem Herzog bekannt zu machen. Diesen Überlegungen lag die Hoffnung zugrunde, mithilfe von Wilhelmine den Einfluss auf die Politik und die Regierung Eberhard Ludwigs vergrößern zu können. Das politische Kalkül der beiden schien zunächst aufzugehen, als Wilhelmine tatsächlich die Mätresse des neun Jahre älteren Herzogs wurde. In der Folge entwickelte sich dann aber eine Liebesbeziehung zwischen den beiden, die darin resultierte, dass Eberhard Ludwig und Wilhelmine im Juli 1707 heimlich heirateten. Bei der geschlossenen Ehe handelte es sich vermutlich um eine sogenannte morganatische Ehe oder Ehe zur linken Hand, bei der aufgrund des Standesunterschiedes zwischen Braut und Bräutigam nicht alle üblichen Rechtsfolgen einer Ehe, insbesondere in Bezug auf Erbe und Nachkommen, eintraten. In Folge der Eheschließung wurde Wilhelmine zur Gräfin von Urach sowie sie und ihr Bruder in den Reichsgrafenstand erhoben. Die Vermählung des Herzogs und seiner ehemaligen Mätresse wurde schließlich im November 1707 auch offiziell bekannt gegeben.

Angebliche Portraitminiatur der Wilhelmine von Grävenitz, 1721. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/30/Wilhelmine_von_Gr%C3%A4venitz.jpg 

Probleme ergaben sich nun jedoch aus der Tatsache, dass Eberhard Ludwig bereits seit 1697 mit Johanna Elisabeth von Baden-Durlach (1680-1757) verheiratet war und diese keiner Scheidung zugestimmt hatte. Johanna Elisabeth protestierte gegen die zweite Eheschließung, bezichtigte ihren Ehemann der Bigamie, fand Unterstützung bei anderen Fürstinnen des Reiches und nahm sogar Kontakt zum Kaiserhof auf. Eine kaiserliche Kommission versuchte daraufhin, den Herzog zur Auflösung der Doppelehe zu bewegen – eine Forderung, die er jedoch zunächst nicht erfüllte. Schließlich gab er dem Druck aber doch nach und ein württembergisches Ehegericht erklärte die Ehe zwischen Eberhard Ludwig und Wilhelmine am 4. August 1708 für ungültig. Wilhelmine erhielt eine hohe Abfindung und die Versicherung, nicht weiter juristisch belangt zu werden. Sie musste Württemberg jedoch verlassen, was unter anderem von der Gemahlin Kaiser Josephs I., Wilhelmine Amalie von Braunschweig-Lüneburg (1673-1742) gefordert worden war: „[...] das mensch, die Grefenitz müse völlig weggeschafft werden […].“ Zwar versöhnte sich das Herzogspaar zunächst wieder, im Laufe des Jahres 1710 setzte Eberhard Ludwig dann aber ein deutliches Zeichen, als er Wilhelmine zunächst in die Schweiz folgte und sie schließlich sogar 1711 zurück an seinen Hof holte.

Dieser Schritt war allerdings nur möglich, weil die beiden eine List anwandten. Zum Schein wurde Wilhelmine mit dem böhmischen Grafen Johann Franz Ferdinand von Würben und Freudental verheiratet, der bereits 70 Jahre alt war. Zum Dank erhielt dieser eine enorme Geldsumme sowie den Titel eines württembergischen Landhofmeisters, Geheimen Rats und Kriegsratspräsidenten. Im Gegenzug musste er versichern, sich stets im Ausland aufzuhalten und keinen Vollzug der Ehe zu fordern. Außerdem wurden alle schriftlichen Zeugnisse, die die Ehe belegen konnten, vernichtet. Wilhelmine wurde durch diese zweite Ehe selbst zur Landhofmeisterin, was eine Stärkung ihrer Position am Hof bedeutete.

Eberhard Ludwig, um 1720. 
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:900-221_Eberhard_Ludwig.jpg

Auch in den folgenden Jahren konnte sie ihren Einfluss ausbauen und ihre Machtposition aktiv erweitern. So beeinflusste und beteiligte sie sich an den Regierungsgeschäften des Herzogs und wurde 1717 als einzige Frau ordentliches Mitglied des Geheimen Kabinetts- und Konferenzministeriums, welches den Landesherrn in allen Regierungsangelegenheiten beriet. Sie sorgte weiterhin dafür, dass wichtige Positionen mit ihren Verwandten und Günstlingen besetzt wurden, was wiederum ihre Einflussnahme erhöhte. 1727 gelang ihr nicht nur der Erwerb des Dorfes Freudental im heutigen Landkreis Ludwigsburg, sondern sie regte dort auch die Erweiterung und prunkvollere Gestaltung des Schlosses Ludwigsburg an. In Freudental selbst ließ sie ein neues Schloss für sich errichten. Schließlich konnte sie Eberhard Ludwig sogar von der Verlegung seiner Residenz und des Hofstaats nach Schloss Ludwigsburg überzeugen. Dieser schien ihr regelrecht verfallen zu sein, wenn er beispielsweise schrieb „auch durch Separation derselben mir nicht anders wehe geschieht, alß wann mir die Seele vom Leibe reiste.“ Während Johanna Elisabeth also abgeschieden im Stuttgarter Schloss zurückblieb und vergeblich um ihre Stellung kämpfte, nahm Wilhelmine den Platz an der Seite des Herzogs ein und repräsentierte mit diesem gemeinsam das Herzogtum. Ein Besucher des Württembergischen Hofes berichtete später über ihr Auftreten: „[…] [Sie] fordert aber im Gegentheil ihrer Seits, daß alles vor Ihr zittern und sich bücken soll, weil sie auch alle Gnade des Herzogs in Händen hat, so machet ihr jedermann die Aufwartung wie dem Herzog selbst […].“ Sie selbst nannte sich mittlerweile selbstbewusst 'Christina Wilhelmina, Reichsgräfin von Würben und Freudental, regierende Gräfin zu Welzheim und Gochsheim, Frau auf Freudental und Neckar-Boyhingen, geb. Gräfin von Graevenitz'. Von der Bevölkerung allerdings wurde sie mehr und mehr gehasst, als "Landverderberin" bezeichnet und für ihre vermeintliche Lasterhaftigkeit kritisiert.

Schloss Ludwigsburg, Ehrenhof mit Blick auf das Alte Corps de Logis 
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Schloss_Ludwigsburg_Hof.jpg

Noch stand ihr Eberhard Ludwig bei allen Schwierigkeiten und trotz aller Kritik treu zur Seite. Im Jahr 1731 jedoch starb sein einziger Sohn Friedrich Ludwig, der der legitime Erbe des Herzogtums gewesen wäre und selbst keinen männlichen Nachkommen aufweisen konnte. Wilhelmine und Eberhard Ludwig hatten keine leiblichen Kinder und weder diese noch Wilhelmines Nichte Wilhelmine Charlotte, die sie Anfang der 1720er Jahre adoptiert hatte, wären als Erben infrage gekommen. Aufgrund dieser neuen Ausgangssituation drohte das protestantische Herzogtum Württemberg an Eberhard Ludwigs Cousin Karl Alexander (1684-1737), der der katholischen Nebenlinie Württemberg-Winnental entstammte, zu fallen. In dieser für den Fortbestand der Dynastie gefährlichen Situation und aufgrund des auf ihn ausgeübten Drucks entschied sich Eberhard Ludwig schließlich dazu, die Beziehung mit Wilhelmine zu beenden und sich erneut mit seiner ersten Frau zu versöhnen, in der Hoffnung mit ihr einen weiteren legitimen Nachfolger zeugen zu können.

Wilhelmine, die sogar für kurze Zeit auf Befehl des Herzogs auf Schloss Urach in Haft genommen worden war, weigerte sich zunächst, die neu geschaffenen Begebenheiten zu akzeptieren. Es gelang ihr 1732 sogar einen Vergleich auszuhandeln, der ein Jahr später vom Kaiser bestätigt wurde und Folgendes vorsah: Wilhelmine verzichtete auf eine Klage beim Reichshofrat und stimmte der Abtretung ihrer Güter und Ämter zu. Dafür erhielt sie ihr zuvor eingezogenes Vermögen sowie ihre Juwelen zurück. Außerdem wurde vereinbart, dass sie Württemberg für eine Entschädigung in Höhe von 125.000 Gulden verlassen sollte. Trotz der getroffenen Vereinbarungen hielt sie sich allerdings zunächst noch in Heidelberg und Mannheim auf. Hier wurde sie 1734 mitsamt ihrer Verwandten erneut verhaftet. In der Zwischenzeit war nämlich Eberhard Ludwig an einem Schlaganfall gestorben, ohne für den Fortbestand der Dynastie gesorgt zu haben. Nach seinem Tod hatte folglich Karl Alexander als Elfter Herzog von Württemberg die Regierung übernommen und dieser leitete nun die Verhaftung in die Wege. Wilhelmine konnte Württemberg dann aber verlassen und ging nach Berlin, da der König von Preußen Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) ihr seinen Beistand angeboten hatte. Noch einmal konnte sie einen Vergleich aushandeln, der ihr 152.300 Gulden einbrachte, da sie versicherte, von nun an keine Forderungen mehr an Württemberg zu stellen und auf gerichtliche Auseinandersetzungen zu verzichten.

Am 21. Oktober 1744 verstarb Wilhelmine in Berlin – hochvermögend, gesellschaftlich jedoch isoliert und vereinsamt. Sie wurde in der Berliner Nikolaikirche bestattet.

Zum Weiterlesen:
Oßwald-Bargende, Sybille: Eine fürstliche Hausaffäre. Einblicke in das Geschlechterverhältnis der höfischen Gesellschaft am Beispiel des Ehezerwürfnisses zwischen Johanna Elisabetha und Eberhard Ludwig von Württemberg, in: Ulrike Weckel u. a. (Hgg.): Ordnung, Politik und Geselligkeit der Geschlechter im 18. Jahrhundert, Göttingen 1998, S. 65-88.
Oßwald-Bargende, Sybile: Die Mätresse, der Fürst und die Macht. Christina Wilhelmina von Grävenitz und die höfische Gesellschaft, Frankfurt am Main u. New York 2000.
Sauer, Paul: Musen, Machtspiel und Mätressen. Eberhard Ludwig – württembergischer Herzog und Gründer Ludwigsburgs, Tübingen 2008.
Sauer, Paul: Wilhelmine von Grävenitz, die schwäbische Pompadour, Freudental 2009. 

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