Sonntag, 19. Juni 2016

Item eyne nüwe nase zcu machen – Die Beschreibung der Nasenersatzplastik Heinrichs von Pfalzpaint

Als der deutsche Mediziner Carl Ferdinand von Graefe zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Berlin mehrere Nasenrekonstruktionen durchführte, wandte er dabei eine Methode an, die bereits knapp 400 Jahre vor ihm vom Wundarzt Heinrich von Pfalzpaint (1400-1465) als neue 'italienische Methode' beschrieben worden war. Auch wenn Graefe seine Rekonstruktionsmethode als 'deutsche Methode' verstand, wandte er also medizinisch-chirurgisches Wissen an, dass im Mittelalter entstanden und (weiter)entwickelt worden war. Im Mittelpunkt unseres Artikels soll die spätmittelalterliche Beschreibung der gestielten Nasenersatzplastik Heinrichs von Pfalzpaint stehen, die als Erstbeschreibung der Nasenplastik überhaupt gelten kann.


Heinrich von Pfalzpaint wurde zu Beginn des 15. Jahrhunderts geboren, erhielt eine wundärztliche Ausbildung – unter anderem in den Städten Eichstätt, Bamberg, Bayreuth, Basel und Metz –, trat um 1450 in die römisch-katholische Ordensgemeinschaft des Deutschen Ordens ein und wirkte darin vor allem als Berater des Hochmeisters Ludwig von Erlichshausen auf der südöstlich von Danzig gelegenen Ordensburg Marienburg. Als im Zuge des Dreizehnjährigen Krieges (1454-1466) die Marienburg von 1454 bis 1457 belagert wurde, übernahm Pfalzpaint die medizinische Versorgung der auf der Burg lebenden Mannschaft. In dieser Zeit versorgte er über 4000 Ritter und Söldner, organisierte das Sanitätswesen und bildete zur Unterstützung seiner eigenen Tätigkeit Ordensbrüder zu Wundärzten aus. Über das weitere Leben Pfalzpaints ist kaum etwas bekannt. Da er aber 1465 in einer Erbschaftsurkunde seiner Schwester nicht mehr genannt wird, kann angenommen werden, dass er zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war. 

Nur kurze Zeit nach der Belagerung der Marienburg verfasste Pfalzpaint um 1460 ein Lehrbuch für Wundärzte, in dem er als erster Wundarzt auch eine neue Methode zur Nasenrekonstruktion beschreibt. Eine ältere Methode der so genannten Rhinoplastik überliefern schon schriftliche altindische Aufzeichnungen aus vorchristlicher Zeit: Die 'indische Methode' sieht dabei vor, eine Nase mithilfe der Stirnhaut zu rekonstruieren. Wenn Pfalzpaint in seinem Lehrbuch auch eine neue Möglichkeit der Nasenrekonstruktion beschreibt, kann er jedoch nicht als deren Erfinder gelten. Entwickelt wurde diese so bezeichnete 'italienische Methode' von der sizilianischen Familie Branca in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Während der Chirurg Gustavo Branca um 1400 Nasen noch nach der 'indischen Methode' rekonstruierte, entwickelte sein Sohn Antonio Branca diese Methode zur 'italienischen Methode' weiter, die vorsah, eine Nase aus der Haut des Oberarms zu rekonstruieren. Vermutlich stand Pfalzpaint in direktem Kontakt mit der sizilianischen Familie und hatte von dieser auch das Wissen erhalten, das er für seine detaillierte Beschreibung benötigte. Pfalzpaint gibt diese Herkunft des Wissens auch offen zu, wenn er am Ende seiner Ausführungen erklärt, dass ein Wale (hier: Italiener) hat mich das gelart, der gar vile lüte dor methe gehilffenn hat vnd vil geldis domit vordeynit hat


Darstellung der 'indischen Methode' der Nasenersatzplastik
(https://de.wikipedia.org/wiki/Indische_Nasenplastik#/media/File:Rhinoplastik.png)

Zu Beginn gibt Pfalzpaint in seinen Aufzeichnungen wenige allgemeine Vorbemerkungen zur 'italienischen Nasenrekonstruktionsmethode'. So ermögliche der Eingriff eyn nüwe nase [zu] machen, wenn diese do gancz abgehaüen ist vnd hetten sye gancz dy hunde gessin. Allerdings, das hebt Pfalzpaint hervor, handle es sich insgesamt um eine meyster kunst, die nicht jeder Wundarzt ausführen könne und dürfe. Deshalb müsse zum Schutz vor falscher Anwendung oder vor imitationsbereiten Betrügern vor dem Eingriff darauf geachtet werden, dass sich außer dem Wundarzt, dem Patienten und einem zur Verschwiegenheit verpflichteten Gehilfen niemand sonst im Raum, in dem operiert wird, befinde. Zu groß sei hier die Gefahr, dass jemand dy künst […] ab lerne. Vor der Operation solle der Chirurg zudem dem Patienten mitteilen, wye lange er das liden müß, um diesen so über die zu entstehenden Schmerzen aufzuklären. 

Daran anschließend wendet Pfalzpaint sich der eigentlichen Beschreibung der 'italienischen Methode' zu. Zunächst müsse aus pergamene adir eyn subtile ledir eine Schablone in der Form der früheren Nase geformt werden. Dabei habe der Chirurg darauf zu achten, dass die Schablone an der Nasenwurzel etwas gebogen werde, damit dye nase nicht da breyt wirt. Diese Schablone könne dann auf den Oberarm gelegt werden, um in einem weiteren Schritt mit Tinte die Schablone zu umfahren und so auf der Oberarmhaut zu markieren. Jetzt müsse der Chirurg mit einem scharff messer das zuvor mit der Tinte markierte Hautstück mit Unterhautgewebe herausschneiden. Beim Schneiden sei unbedingt darauf zu achten, dass das Hautstück in dem arme hangen bleibe. Nur durch diese Verbindung des Hautstücks mit der Oberarmhaut könne die für die Heilung wichtige weitere Durchblutung gewährleistet werden. Im nächsten Schritt schreibt Pfalzpaint vor: heb yme (dem Patienten) den arem uff vnnd leg yme den vff das hoybet und heffte ym den selben fleck gliche uff dy nasen. Der Chirurg habe nun also die Aufgabe, den Arm des Patienten so auf dessen Kopf zu legen, dass das Hautstück der Oberarmhaut auf der Stelle der vorigen Nase platziert werden kann. Damit es hier nicht zu Komplikationen kommt, müsse beim vorausgehenden Schneiden darauf geachtet werden, dass das Hautstück in der Länge etwas großzügiger herausgeschnitten wird. Nun müsse der Arm auf dem Kopf so mit verschiedenen Bändern fixiert werden, das dieser destir stetir legen mag vnd deste weniger mude werde. Das sorgfältige Verbinden sei dabei besonders wichtig, da der Patient müß alzo lange gebunden legen, biß das dy nase mit deme flecke gestossin sei. Die Fixierverbände müssten also so lange angelegt bleiben, bis die Haut des Oberarms mit der Haut im Gesicht verwachsen ist. Diesem Prozess schreibt Pfalzpaint dabei grundsätzlich eine Dauer von achte adir x tage zu, weist aber auch darauf hin, dass hier Abweichungen möglich sind. Auf keinen Fall dürfe hier aber zcu korcz, also in zu kurzer Zeit, verfahren werden. Nach dieser mehrtägigen Heilungsphase könne nun die Haut endgültig vom Oberarm abgetrennt werden, da die Durchblutung von der Nasenseite gesichert sei. Aus dem lappen (dem Hautstück) könne nun die neue Nase aus Nasenflügel und Nasensteg geformt und danach verbunden werden. Daraufhin sei es mit verschiedenen Verbandstechniken möglich, die Nase für ein wohlgeformtes Aussehen smal hoch adir niderig zu gestalten. Dabei weist Pfalzpaint darauf hin, dass jedoch die neue Nase keine Nasenscheidewand mehr besitzen könne, sondern dass hier nur eine Imitation derselben möglich sei: so wirt dye nase vssewenig weddir czwefeldig adir zwefelecht abir ynne wenig nicht

Die 'italienische Methode' der Nasenersatzplastik aus:
Gaspare Tagliacozzi: De Curtorum Chirurgia per Insitionem, Venedig 1597.
(https://commons.wikimedia.org/wiki/File:G._Tagliacozzi,_De_curtorum_chirurgia_per_in_Wellcome_L0032530.jpg?uselang=de)

Im Folgenden gibt Pfalzpaint auch Informationen zur postoperativen Therapierung und Behandlung. Der Patient müsse für eine schnelle und gute Heilung mit deme oley vnd mit der rotin salbin vnde mit deme trancke versorgt werden. Zudem benötige der Patient immer wieder Hilfe bei der Lagerung im Bett. Aufgrund des dauerhaften Liegens im Bett zur besseren und schnelleren Heilung solle der Chirurg diesem helffin in dem bette mit küssen vnd mit tucheren. Diese seien so zu platzieren, dass sie dem Patienten beim Liegen entlasten. Wenn der Patient zcu gezitin gehin oder zcu geziten sycin müsse, dürfe er dies nur mit der Hilfe des Chirurgen tun. 
Zum Ende seiner Ausführungen hebt Pfalzpaint erneut die Bedeutung und Erfolgschancen dieser neuen Methode hervor und legt jedem Patienten, der einer Nasenrekonstruktion bedarf, nahe, dass er sich heylen laß wan es vorstellit den menschin gancz, wan er [die Nase] nicht hat

Heinrich von Pfalzpaint beschreibt in seinen Ausführungen praktisches Wissen, das vermutlich aus seiner eigenen wundärztlichen Praxis und im Umgang mit den Kriegsverletzungen der Ritter und Söldner auf der Marienburg erwachsen sein muss. Die zahlreichen praktischen Anweisungen, die gegeben werden, können zudem als Hinweis dafür bewertet werden, dass Heinrich von Pfalzpaint die beschriebene Methode selbst angewandt hat. Erst der am Ende des 16. Jahrhunderts erschienenen und mit Illustrationen versehenen Publikation Gaspare Tagliacozzis, Professor für Anatomie in Bologna, De Cutorem Chirurgia per Insitionem ist es zu verdanken, dass die 'italienische Methode' ein breiteres Publikum erreichte. Dennoch fand die neue Methode der Rhinoplastik nur wenige Nachahmer und vor allem das Wissen Pfalzpaints ging schnell verloren. Erst im 19. Jahrhundert, als der chirurgische Kenntnisstand des Mittelalters längst überholt war, wurde die 'italienische Methode' dann wiederentdeckt.

Zum Weiterlesen: 
- Denecke, Hans Joachim/Ey, Werner: Die Operationen an der Nase und im Nasopharynx mit Berücksichtigung der transsphenoidalen Operationen an der Hypophyse und der Eingriffe am vegetativen Nervensystem des Kopfes, Berlin/Heidelberg 1984; v. a. S. 88ff.
- Keil, Gundolf: Art. Heinrich von Pfalzpaint, in: 2VL 3 (1981), Sp. 856-862.
- Keil, Gundolf: Art. Pfalzpaint, Heinrich v., in: LexMA 6 (1993), Sp. 2018-2019.
- Richter, Claudia: Phytopharmaka und Pharmazeutika in Heinrichs von Pfalzpaint 'Wündärznei' (1460). Untersuchungen zur traumatologischen Pharmakobotanik des Mittelalters (Würzburger medizinhistorische Forschungen 84), Würzburg 2004; v. a. S. 85ff.
- Weißer, Christoph: Die Nasenersatzplastik nach Heinrich von Pfalzpaint. Ein Beitrag zur Geschichte der plastischen Chirurgie im Spätmittelalter mit Edition des Textes, in: Josef Domes, Werner Gerabel, Bernhard D. Haage u.a. (Hgg.): Licht der Natur. Medizin in Fachliteratur und Dichtung. Festschrift für Gundolf Keil zum 60. Geburtstag (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 585), Göppingen 1994, S. 485-506.

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