Sonntag, 28. Februar 2016

Nicolas Flamel und der Stein der Weisen - Wahrheit oder Legende?

“I knew it! I knew it!” “Are we allowed to speak yet?” said Ron grumpily. Hermione ignored him. “Nicolas Flamel,” she whispered dramatically, “is the only known maker of the Philosopher's Stone!” (Joanne K. Rowling, Harry Potter and the Philosopher's Stone, S. 237)

Dieses Zitat dürfte vielen nur allzu bekannt vorkommen – sei es aus dem 1997 erschienenen ersten Band der Harry-Potter-Reihe Harry Potter und der Stein der Weisen der britischen Autorin Joanne K. Rowling oder dem 2001 in die Kinos gekommenen gleichnamigen Film. Ausgehend von der literarischen Verarbeitung des Motivs geht unser heutiger Artikel der Frage nach, was es mit der realen Person Nicolas Flamel tatsächlich auf sich hatte, was über sein Leben überliefert ist und in welcher Verbindung er mit dem sagenumwobenen Stein der Weisen (lat. lapis philosophorum, eng. philosopher's stone) steht. Handelt es sich bei Flamel wirklich, wie Hermine Ron und Harry gegenüber erklärte, um den einzigen bekannten Hersteller eines Steines, der seinem Besitzer Reichtum und Unsterblichkeit gewähren sollte? 

Phantasieportrait Flamels von Balthasar Moncornet aus dem 17. Jahrhundert https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flamel.jpg

Mit einiger Sicherheit steht fest, dass Nicolas Flamel (in manchen Quellen auch Nicholas oder Nicolai Flamelli) um 1330 im französischen Pointoise, nordwestlich von Paris, in bescheidenen Verhältnissen geboren wurde. Er war der Sohn jüdischer Eltern, die vor seiner Geburt zum Katholizismus hatten konvertieren müssen. Flamels Vater war als Kopist tätig und schrieb als solcher die Werke anderer ab. Von diesem lernte Flamel zunächst grundlegende Fähigkeiten dieses Handwerks, bevor er seine Kenntnisse im Zusammensein mit Benediktinermönchen vertiefen konnte. Nach erfolgter Ausbildung war er zunächst als Schreiber in Paris angestellt und in seiner Tätigkeit schon bald so erfolgreich, dass er ein eigenes Geschäft eröffnen könnte. Diesen führte er zusammen mit seiner Frau Pernelle oder Perenelle (1320/1340-1397), die er 1355 geheiratet hatte. Pernelle war zum Zeitpunkt der Eheschließung bereits zweimal verwitwet und brachte ein beträchtliches Vermögen mit in die Ehe. Einige Jahre später eröffnete Flamel zudem eine Werkstatt in Paris, in der vor allem kostbare Manuskripte hergestellt wurden. Es wird vermutet, dass er einen Teil von Pernelles Vermögen zur Erweiterung seines Gewerbes nutzte. Später soll er zudem mit Handschriften gehandelt und einige Immobilien in seinen Besitz gebracht haben, die er wiederum gewinnbringend verkaufte.

Darstellung von Nicolas Flamel und seiner Frau Perenelle, Holzschnitt aus dem 16. oder 17. Jahrhundert, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Flamel_Perenelle.png

Seine Frau und er erwiesen sich bei allem, was sie taten, als außerordentlich erfolgreich und ihr Wohlstand und Besitz wuchsen kontinuierlich. Nachweisbar ist diese Entwicklung vor allem dadurch, dass es zahlreiche belegte Stiftungen für Kirchen und Herbergen der beiden gibt und sie sich mehrfach als Wohltäter erwiesen, die beispielsweise Armenspeisungen finanzierten. Als Pernelle 1397 starb, soll sie ihrem Ehemann 5300 Livres vermacht haben, eine überaus enorme Summe. Nicolas Flamel selbst starb entweder 1413 oder 1418 in Paris.

Bezeugt ist sein Leben durch zahlreiche handschriftliche Dokumente, die sich heute in der Französischen Nationalbibliothek in Paris befinden, darunter sein Testament. Keines dieser zeitgenössischen Dokumente erwähnt jedoch so etwas wie den Stein der Weisen oder bringt Flamel oder seine Frau auch nur in Verbindung mit alchemistischen Vorgängen. Dennoch werden beide seit dem 16. Jahrhundert als überaus erfolgreiche Alchemisten erwähnt und gerühmt, ohne dass bislang eine plausible Erklärung für diese spannende Rezeptionsgeschichte gefunden werden konnte. Ansatzpunkte für die posthume Legendenbildung gibt es allerdings einige:

Womöglich schien es den Zeitgenossen unwahrscheinlich, dass ein erfolgreicher aber dennoch relativ einfacher Schreiber sich ein solches Vermögen hatte erarbeiten können, weshalb nach anderen Erklärungsmustern für seinen Reichtum gesucht wurde. Gerüchte mehrten sich, dass Flamel sich mit Alchemie beschäftigt habe und ihm und seiner Frau nicht nur die Umwandlung von Quecksilber in Silber, sondern später auch die Herstellung von Gold gelungen sei. Dem sogenannten Stein der Weisen wird eben jene Eigenschaft zugeschrieben, die Verwandlung unedler Metalle in edle Metalle mit Hilfe einer geheimnisvollen Substanz, aus der er bestehen soll.

Schließlich wurde immer wieder vermutet, dass Flamel sich auch als Autor alchemistischer Werke betätigt habe. So erschein beispielsweise 1561 ein Sammelband, der sich mit alchemistischen Sachverhalten beschäftigte und in dem Flamel ein Aufsatz zugeschrieben wurde. Seinen Höhepunkt fand die Rezeption Flamels als Alchemist jedoch 1612, als das Livre des figures hiéroglypiques erschien, das im Herausgebervorwort Flamel als Verfasser nennt und die Inhalte auf 1399 datiert. In deutschsprachigen Gebieten erschien dieses 1681 sogar unter dem Titel Des berühmten Philosophi Nicolai Flamelli Chymische Werke. Obwohl es bereits im 18. Jahrhundert Zweifel an der Autorschaft Flamels und der Datierung gab, wurde Flamel weiter als überaus erfolgreicher Alchemist rezipiert. Insbesondere das Vorwort des genannten Buches trug zur Legendenbildung bei, berichtet es doch von einem geheimnisvollen Buch, welches Flamel besessen haben soll und welches nur von ihm entschlüsselt werden könnte. Dieses solle die Herstellung des Steins der Weisen erklären, welche Flamel dann auch vollzogen habe. Da der Stein zudem als Mittel zur Erlangung von Unsterblichkeit und zur Verjüngung angesehen wurde, setzte nun eine Erweiterung der Legende Flamels um das Motiv des ewigen Lebens ein.         
                                              
Begünstigt wurde die Vorstellung Flamels als Erzeuger und Besitzer des Steins der Weisen zudem durch die Tatsache, dass, wie sich später herausstellte, das Grab, in welchem er vermeintlich beigesetzt worden war, sich als leer erwies. Plötzlich erschien es als wahrscheinlich, dass Flamel tatsächlich Unsterblichkeit erlangt und seinen Tod nur vorgetäuscht haben könnte, um eben jene zu vertuschen. Gestützt wurde diese Vermutung durch immer neue Sichtungen des eigentlich Toten, die sich durch die Jahrhunderte zogen. Häufig erschien Flamel in diesen Erzählungen als ewig jugendlicher Mann. Das bekannteste Beispiel ist wohl der französische Schriftsteller Victor Hugo (1802-1885), der Flamel oder dessen Geist 1854 während einer Séance, also einer spirituellen Sitzung mit einem Medium, begegnet sein will.

Warum gerade Flamel mit der Legende um den Stein der Weisen in Verbindung gebracht wurde, bleibt wohl weiter im Dunkeln. Die Tatsache, dass ihm bis heute keinerlei alchemistische Tätigkeiten nachgewiesen und vielmehr zahlreiche Behauptungen wiederlegt werden konnten, hat der Rezeption jedoch bislang keinen Abbruch getan. Vielmehr haben sich neben Rowling zahlreiche weitere Autoren und Werke der Legende bedient. Die Person Nicolas Flamels hat dabei unter anderem Eingang gefunden in Victor Hugos Der Glöckner von Notre Dame (1831) und Alexandre Dumas Der Graf von Monte Christo (1845). Auch in Dan Browns The Da Vinci Code (2004) findet er Erwähnung. Die Stadt Paris würdigte ihre berühmten und geheimnisumwobenen Bewohner gar mit zwei sich kreuzenden Straßen im 4. Arrondissement, der Rue Nicolas Flamel und der Rue Pernelle.

Zum Weiterlesen:
Artikel über Flamellus, Nicolaus, in: Johann Heinrich Zedler: Grosses vollständiges Universal-Lexicon Aller Wissenschafften und Künste, Band 9, Leipzig 1735, Spalte 1143.
Kahn, Didier: Art. Nicolas Flamel, in: Claus Priesner / Karin Figala (Hgg.): Alchemie. Lexikon einer hermetischen Wissenschaft, München 1998, S. 136-138.
Priesner, Claus: Geschichte der Alchemie, München 2011.
Schütt, Hans-Werner: Auf der Suche nach dem Stein der Weisen. Die Geschichte der Alchemie, München 2000.
Varenne, Jean-Michel: Nicolas Flamel. Son histoire, sa personnalité, ses influences, Paris 2001. 

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