Sonntag, 23. Dezember 2018

Krönungen, Reisen und Verschwörungen – Geschichtsträchtige Weihnachten

Bald ist es soweit: Es wird Weihnachten gefeiert. Für viele von uns sind das ganz besondere Tage im Jahr, an denen der Geburt Jesu Christi gedacht, gemeinsam mit der Familie gefeiert wird und auch Geschenke und Zuneigung ausgetauscht werden. Anderen eine Freude zu machen, ist für viele Menschen das Ziel der Weihnachtstage.
Im Mittelalter waren diese Weihnachtstage ebenfalls äußerst beliebt, allerdings aus einem anderen Grund. Könige und Kaiser ließen sich verhältnismäßig häufig an den Weihnachtstagen krönen, ob in England, im Frankenreich oder in Polen. Die Intention ist klar, denn wann sonst ließe man sich als Vorzeigechrist besser zum König oder Kaiser krönen, als an einem der höchsten christlichen Feiertage? Doch nicht nur Krönungen, sondern auch andere weitreichende Ereignisse sollten die Weihnachtszeit im Mittelalter prägen: Innovationen in der Reichsverwaltung, Verschwörungen, Morde, Schiffsuntergänge und vieles mehr.
In diesem kurz!-Artikel werden in einem chronologischen Längsschnitt die Weihnachtstage (24. bis 26. Dezember) und exemplarisch dort stattgefundene Ereignisse aus dem Mittelalter in kurzen Abschnitten betrachtet.


24. Dezember 805: Das Diedenhofener Kapitular
Karl der Große (747-814) hatte das Luxusproblem, über ein sehr großes Reich zu herrschen. Aufgrund dessen musste Karl unter anderem das Verwaltungssystem diesen Bedingungen anpassen und verbessern. Zur Verbesserung der Verwaltung trugen auch die sogenannten Kapitularien, herrschaftliche Anordnungen im Sinne von Gesetzen, bei. Der Begriff leitet sich von der Gliederung nach Kapiteln (lat. capitula) ab. In der Zeit Karls des Großen nahm die Gesetzgebung durch Kapitularien stark zu. Diese wurden in der Hofkapelle Karls ausgefertigt und enthielten rechtliche Bestimmungen für das Militär, die Gesellschaft oder die Kirche.
Das Diedenhofener Kapitular ist, wie auch einige andere Kapitulare, nach dem Ort der Verkündung benannt. Im heutigen Thionville, eine an der Mosel liegenden französischen Stadt, hielt Karl sich mindestens zwei Wochen über die Weihnachtstage im Jahr 805 auf. Aus mehreren Gründen ist der Inhalt dieses Kapitulars historisch prägnant. Die Städte Forchheim und Magdeburg werden das erste Mal darin erwähnt, Magdeburg führt dieses Datum als Gründungsdatum der Stadt an und feierte im Jahr 2005 das 1200. Stadtjubiläum. Der Grund für die Ausfertigung dieses Kapitulars hängt eng mit der Slawenmission zusammen. Karl hatte es sich zur Aufgabe gemacht, die heidnischen Völker an den Grenzen seines Reiches zu missionieren. Darunter fielen die sächsischen, aber auch die slawischen Völker. Um die Jahrhundertwende versuchte er die Slawen missionieren zu lassen oder er erweiterte seinen Einfluss- und Machtbereich, indem er die Slawen lehenspflichtig abhängig von ihm machte. Das Diedenhofener Kapitular ist Teil der Sicherung der Ostgrenze, indem Karl darin verfügte, dass den darin aufgeführten Städten – neben Magdeburg und Forchheim noch Erfurt, Hallstadt, Premberg, Regensburg und Lorch – der Waffenhandel mit den slawischen Völkern verboten wurde, um diese militärisch nicht wieder zu stärken.
Das Kapitular ist heute nur noch in Abschriften erhalten, aber es gibt dennoch einen spannenden Einblick in die Rechtsverwaltung und -sprechung zur Zeit Karls des Großen.

Ein Auszug aus dem Diedenhofener Kapitular / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5e/Diedenhofer_Kapitular.jpg

25. Dezember 820: Die Ermordung des byzantinischen Kaisers Leo V.
Außerhalb des europäischen Mittelalters war das Kaiserreich Byzanz zu Beginn des 9. Jahrhunderts ständigen Machtspielen und -wechseln unterworfen: Bis 830 herrschten sechs verschiedene Kaiserinnen und Kaiser, zudem vier Gegenkaiser. Diese Unbeständigkeit war das Ergebnis von egoistischem Streben nach Macht, aber auch der Unzufriedenheit des Volkes sowie der Gefahren von außerhalb, insbesondere vom bulgarischen Reich.
Nikephoros I. (byzantinischer Kaiser von 802 bis 811), zunächst leitender Verwaltungsbeamter unter Kaiserin Irene (797-802), war Kopf einer Verschwörung gegen die Kaiserin, entmachtete sie und ließ sich selbst zum Kaiser krönen. Nachdem Nikephoros I. vom bulgarischen Khan Krum besiegt und getötet worden war, herrschte sein Sohn Staurakios für wenige Wochen, ehe dessen Schwager Michael I. Rhangabes (811-813) ihm durch eine Revolte für zwei Jahre nachfolgte. Staurakios, der an der Seite seines Vaters in der Schlacht gegen Khan Krum kämpfte, wurde in ebendieser Schlacht schwer verletzt. Seine Stellung im Reich war einerseits durch die schweren Verletzungen, andererseits durch die Niederlage stark geschwächt, sodass die Revolte Michaels erfolgreich und weitgehend widerstandslos verlief.
In der Schlacht von Adrianopel/Wersinikia am 22. Juni 813 wollte Michael die Schmach der Niederlage seines Vorgängers gegen die Bulgaren wettmachen, doch auch er wurde vernichtend geschlagen und musste sich zurückziehen. Sein General Leo (813-820), der bereits unter Nikephoros I. gedient hatte, sollte eine entscheidende Rolle in dieser Schlacht spielen. Die Unzufriedenheit der Soldaten und die Unterstützung weiterer Generäle nutzte er dazu, sich gegen den Kaiser zu stellen und ihn zu hintergehen. Infolgedessen machte er sich selbst zum neuen Kaiser Leo V. Anschließende Belagerungen der Hauptstadt Konstantinopel durch die Bulgaren konnte der neue Kaiser durchbrechen, die Bulgaren sogar vertreiben und 814 mit dem neuen Khan der Bulgaren einen dreißigjährigen Frieden schließen. 

Solidus von Leo V. / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3c/Solidus_of_Leo_V_the_Armenian.jpg
Doch innerhalb des Reiches sollte es weiterhin turbulent bleiben. Michael Psellos (820-829), ebenfalls General unter Michael I. Rhangabes in der Schlacht von Adrianopel/Wersinikia, strebte nach Höherem. Der byzantinische Bilderstreit, eine theologische Debatte um den Gebrauch und die Verehrung von Ikonen, sorgte für eine Teilung innerhalb des Reiches und ließ auch die Stellung des Kaisers Leo V. nicht unberührt. Michael Psellos nutzte diese Wirren in der Politik und plante eine Verschwörung, die aber vor ihrer Ausführung entdeckt wurde. Trotz der Einkerkerung der Anführer samt Psellos selbst, die zudem zum Tode verurteilt wurden, gelang es den Verschwörern, Kaiser Leo V. am Ersten Weihnachtstag zu ermorden und Michael Psellos als Michael II. zum Kaiser von Byzanz zu machen. Dieser sollte immerhin fast neun Jahre im Amt bleiben.

25. Dezember 983: Die Krönung eines dreijährigen Kindes
Nachdem der römisch-deutsche Kaiser Otto II. (955-983) im Juli 982 eine Niederlage in der Schlacht am Kap Colonna um Süditalien gegen die Sarazenen unter dem sizilianischen Emir Abū l-Qāsim Alī ibn al-Hasan erlitten hatte und er in dieser Schlacht nur knapp dem Tod entkommen war, drängten ihn die Großen des Reiches dazu, schnellstmöglich eine Nachfolgeregelung zu treffen. Als Ergebnis eines Hoftages zu Verona entschieden die Teilnehmer, dass sein dreijähriger Sohn Otto (980-1002) schnellstmöglich die Königsweihe erhalten sollte. Dieser reiste daraufhin mit Ratgebern und Vertrauten des Königs nach Aachen, wo er am 25. Dezember 983 gekrönt wurde.
Als Otto II. im September desselben Jahres nach Italien aufbrach, um einen Nachfolger von Papst Benedikt VII. zu erheben, sollte er nicht lebend zurückkehren. Infolge einer Malariaerkrankung starb er am 7. Dezember 983 im Alter von gerade einmal 28 Jahren. Die Erkrankung kam so überraschend und verlief so schnell, dass er vor seinem Tod nur noch seine Reichtümer verteilen konnte. Drei Wochen nach dem Tod seines Vaters erreichte Otto III. die Nachricht am Tag der liturgischen Weihe. Was sollte aber nun mit seinem Sohn Otto, gerade drei Jahre alt, als seinem designierten Nachfolger geschehen? 

Kaiserbild aus dem Evangeliar Ottos III. (Buchmalerei der Reichenauer Schule um 1000) / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/57/Meister_der_Reichenauer_Schule_004.jpg
Otto wurde zunächst Erzbischof Warin von Köln zur Erziehung anvertraut. Es sollte aber nicht lange dauern bis Heinrich der Zänker (951-995), als Neffe Kaiser Ottos I. der nächste männliche Verwandte Ottos III., versuchte sich sofort des Thrones zu bemächtigen, indem er sich Otto aushändigen ließ. Dabei ist in der Forschung nach wie vor umstritten, ob er dies als Teilhaber an der Macht oder als alleiniger Herrscher ausführen wollte. Von seinen Anhängern ließ er sich auf zwei Hoftagen sogar als König ausrufen. Doch Heinrich konnte sein Anliegen bei den Großen des Reiches nicht durchsetzen; er konnte keinen Konsens mit ihnen aushandeln, sodass er schließlich doch zurückstecken und eben nicht mit militärischer Stärke seine Forderungen durchsetzen sollte. Die Erziehung und auch die Regentschaft sollten bis 994 stattdessen zwei Frauen übernehmen: Ottos Mutter Theophanu (https://geschichte-in-kurz.blogspot.com/2016/01/KaiserinTheophanu.html) und nach deren Tod 991 Adelheid, die Großmutter Ottos III.

25. Dezember 1066: Die Krönung Wilhelm des Eroberers
Auch Wilhelm der Eroberer ließ sich, nachdem er sich gegen andere Thronprätendenten durchgesetzt hatte, am Ersten Weihnachtstag krönen. Die Geschichte Wilhelms und seines Weges zum Königtum haben wir bereits in einem kurz!-Artikel aufgearbeitet und ist hier nachzulesen:

25. Dezember 1100: Der erste König des Königreiches Jerusalem
Eines der zentralen Ergebnisse des Ersten Kreuzzugs war sicherlich die Gründung des christlichen Königreiches Jerusalem. Dessen erster König sollte der frühere Graf von Verdun, Balduin von Boulogne (1060-1118) werden, der dann am Ersten Weihnachtstag des Jahres 1100 als Balduin I. zum König gekrönt wurde.
Gemeinsam mit seinem Bruder Gottfried von Bouillon (1060-1100), der Heerführer während des Ersten Kreuzzuges werden sollte, brach Balduin 1096 ins Heilige Land auf. Vom Hauptheer setzte er sich jedoch früh mit einigen anderen Soldaten, aber ohne seine Frau Godehilde ab, um eigenen Interessen nachzugehen. Dies führte dazu, dass Balduin 1097 zunächst in Tarsus eine eigene Garnison errichtete und zudem mit einem Heer auf Antiochia marschierte, wo er auf das Hauptheer stieß und erfuhr, dass seine Frau verstorben war. Balduin, der durch ihren Tod den Anspruch auf ihre Ländereien verlor, zog abseits des Hauptheeres mit seinen Soldaten weiter.
Gezwungen von ständigen Angriffen der Seldschuken auf seine Festung Edessa, lud Thoros von Edessa, armenischer Herrscher, Balduin und sein Heer ein, um ihm als Söldner aus seiner Lage zu befreien und die Feinde zu besiegen. Was auch immer beim ersten Treffen der Beiden geschehen war, Balduin ging als adoptierter Sohn und Nachfolger Thoros‘ hervor. Lange sollte Balduin nicht warten müssen, denn weniger als ein Jahr später wurde Thoros unter mysteriösen Umständen ermordet und eine Beteiligung Balduins kann nicht ausgeschlossen werden.
Als bei der Bevölkerung unbeliebter Graf von Edessa regierte er bis 1100. Sein Bruder Gottfried, der mittlerweile zum Regenten des Königreiches Jerusalem gemacht worden war, starb in diesem Jahr kinderlos, sodass sein nächststehender Verwandter Balduin gerufen und dort am 25. Dezember 1100 zum ersten König von Jerusalem gekrönt wurde. Als König genoss er einen guten Ruf: Er vergrößerte den Machtbereich auf umliegende Städte, verbesserte die Infrastruktur besonders hinsichtlich des Handels, schlug ägyptische Invasionen der Fatimiden-Dynastie mehrmals zurück und durch die Ansiedlung von weiteren Christen vergrößerte er die Bevölkerung. Schließlich starb er 1118 auf dem Rückweg eines Feldzugs gegen Ägypten an einer Fischvergiftung.

Die Krönung Balduins aus Histoired'Outremer (13. Jahrhundert) / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/9b/Baldwin_1_of_Jerusalem.jpg

25. Dezember 1492: Der Schiffbruch der Santa Maria
Für den 25. Dezember 1492 hielt Christoph Kolumbus in seinem Tagebuch fest: Es gefiel unserem Herrn, dass sich um Mitternacht, als alle sahen, dass ich mich zur Ruhe begab und dass es völlig windstill und die See glatt wie ein Teich war, alle zum Schlafen niederlegten und das Ruder dem Schiffsjungen überließen. Die Strömung trieb das Schiff auf eine dieser Sandbänke. Obgleich es Nacht war, brach sich die See dort so laut, dass man es in drei Meilen Entfernung hören und sehen konnte. Das Schiff trieb so sanft auf die Sandbank, dass man es kaum spüren konnte.“
Mit diesen Worten beschreibt Kolumbusdie Nacht, in der das Flaggschiff seiner Flotte, die „Santa Maria“, auf eine Sandbank vor Hispaniola aufgelaufen war. Das Schiff war Teil seiner ersten Expedition, bei der er einen westlichen Weg nach Ostasien suchte. Weiterhin beschwert sich Kolumbus über die Befehlsverweigerungen, denn er habe während der Reise „stets ausdrücklich gesagt“, dass keinem Schiffsjungen das Steuer überlassen werden solle und auch der Befehl, den Anker sofort zu werfen, damit der starke Wind das Schiff nicht noch tiefer in die Sandbank treiben konnte, wurde im Durcheinander einfach ignoriert. Zudem versuchten viele der Mannschaftsmitglieder auf das zweite Schiff „Nina“ zu gelangen, was von deren Besatzung jedoch verhindert wurde. Auf der „Nina“ war einfach nicht genug Platz für weitere Personen, sodass eine andere Lösung angestrebt werden musste. 

Rekonstruktion der Santa Maria / Quelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/b/b5/Kolumbus-Santa-Maria.jpg
Noch in derselben Nacht ließ Kolumbus die komplette Ladung aus dem Schiff holen und das Schiff fahrunfähig machen, damit es nicht von anderen Personen geborgen werden konnte. Um sicher zu gehen, wurde die „Santa Maria“ am nächsten Tag unter Beschuss genommen und versenkt. Kolumbus‘ Trauer um sein Flaggschiff hielt nicht lange an. Bereits am 26. Dezember erlangte er die Einsicht, das Auflaufen seines Schiffes sei eine göttliche Fügung gewesen. Genau an dieser Stelle, solle er eine Siedlung errichten. Er folgte Gottes Anweisung und nannte die Siedlung, in der zunächst 40 Menschen leben sollten, „La Navidad“ (Weihnachten). 

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