Sonntag, 11. September 2016

Die Medizinschule von Salerno

Wohl jeder, der schon einmal den Spuren mittelalterlicher Medizin nachgegangen ist, ist früher oder später auf die Geschichte der Ärzte- bzw. Medizinschule von Salerno gestoßen. Auch wenn die Entstehung der Scuola Medica Salernitana heute ungeklärt ist, entwickelte sich Salerno im Mittelalter durch die hier tätigen Ärzte zu einem Zentrum der medizinischen Bildung und nicht selten wird heute aufgrund dieses Lehr- und Lernbetriebs von der ältesten Universität Europas gesprochen. Dieser Artikel möchte nicht nur der Geschichte und Entwicklung der Ärzteschule von Salerno nachgehen, sondern auch klären, welchen Stellenwert Salerno für die mittelalterliche Medizin einnahm und wie Salerno von den Zeitgenossen wahrgenommen wurde.

Darstellung der Medizinschule von Salerno aus einer Abschrift des Canon medicinae des Avicenna
(https://de.wikipedia.org/wiki/Schule_von_Salerno#/media/File:ScuolaMedicaMiniatura.jpg)

Die Medizinschule von Salerno entstand vermutlich im Verlauf des 10./11. Jahrhunderts als eine gildenartige Vereinigung von Ärzten. Zahlreiche deutsche und französische Chroniken belegen, dass schon zu dieser Zeit das hohe Ansehen der in Salerno tätigen Ärzte weit über Italien hinaus geschätzt wurde und nicht selten geistliche oder weltliche Fürsten in die süditalienische Hafenstadt kamen, um sich von den dortigen medici Salernitani – häufig Mönche aus benediktinischen Klöstern oder dem Mutterhaus Montecassino – medizinisch behandeln zu lassen. Neben Adalbero II., Bischof von Verdun, der 984 zur Behandlung nach Salerno kam, ist auch überliefert, dass 1058 der Abt Desiderius von Montecassino den Rat der salernitanischen Ärzte einholte. Aus dieser frühsalernitanischen Zeit ist weiter nicht viel bekannt, denn aufgrund der Tatsache, dass die in dieser Frühphase entstandenen Schriften in den meisten Fällen anonym weitergegeben wurden, sind heute kaum die Namen, der dort zu dieser Zeit tätigen Ärzte, überliefert. Thematisch entstanden an der Medizinschule von Salerno in dieser Frühzeit etwa Abhandlungen über den Puls, das Fieber, den Aderlass und die Viersäftelehre, indem vorsalernitanische Texte (bspw. aus der antiken Medizintradition) für den eigenen ärztlichen und sehr praxisorientierten Alltag übersetzt wurden.

Ihre Blütezeit, die im Besonderen mit dem nordafrikanischen Mediziner und Benediktinermönch Constantinus Africanus (1010/1020-1087) verbunden ist, erlebte die Medizinschule von Salerno vor allem ab dem 11. Jahrhundert. Constantinus Africanus war ein Sohn arabischer Eltern aus Karthago, der zahlreiche Reisen unternommen und von diesen eine breite Sammlung arabischer Texte medizinischen Inhalts im späten 11. Jahrhundert nach Salerno mitgebracht hatte. Nachdem er die Fachliteratur der Medizinschule gesichtet hatte, kritisierte er die Qualität der zur Verfügung stehenden Literatur und bemühte sich deshalb in der nahegelegenen Abtei Montecassino darum, Schriften der griechischen und arabischen Medizin ins Lateinische zu übersetzen, um auch dieses Wissen den Medizinern von Salerno zugänglich zu machen. Constantinus Africanus übertrug unter anderem die medizinischen Werke des berühmten antiken Mediziners Hippokrates von Kos (460 v. Chr.-370 v. Chr.), des griechischen Arztes Galenos von Pergamon (129-200/215) und des nordafrikanischen Mediziners Ibn al-Dschazzar (gest. um 1009). Die bedeutendste Leistung Constantinus' Africanus war jedoch die Übersetzung des medizinischen Werkes des persischen Arztes ʿAli ibn al-ʿAbbās al-Madschūs (gest. zwischen 982-994), der Leibarzt des Sultans Adud ad-Daula gewesen war. Constaninus übertrug diesen Überblick des persischen Arztes über die gesamte mittelalterliche arabische praktische und theoretische Medizin ins Lateinische (Liber pantegni Constantini Africani). 

Neben Constantinus Africanus beteiligten sich noch weitere Ärzte Salernos an der Übersetzung medizinischen Schrifttums ins Lateinische bzw. der Erstellung medizinischer Fachliteratur: Alfanus von Salerno beschäftigte sich mit den Schriften Galenos' sowie Hippokrates' und der salernitanische Mediziner Gariopontus folgte zwar den medizinischen Lehren klassischer Autoren, machte aber auf der Basis dieser eigene Beobachtungen und verfasste etwa Werke zu den Symptomen von Nieren- und Blasensteinen sowie der Blasenentzündung. Zu dieser Zeit erhielt Salerno auch den Beinamen Civitas Hippocratica – begründet vor allem durch die Arbeit Constantinus' Africanus und Alfanus' –, worin zum Ausdruck gebracht werden sollte, dass die salernitanischen Ärzte sich als Nachfolger Hippokrates' sahen. Diese Civitas Hippocratica übte solch eine Anziehungskraft auf Mediziner auch außerhalb der Grenzen Italiens auf, dass immer mehr Ärzte nach Salerno strömten und ihrerseits das medizinische Wissen der Medizinschule mit eigenen Kenntnissen erweiterten. 

Darstellung des Constantius' Africanus bei der Harnschau
(https://de.wikipedia.org/wiki/Konstantin_der_Afrikaner#/media/File:Konstantinderafrikaner.jpg)

Nach Constantinus' Africanus waren es vor allem die Ärzte des 12. Jahrhunderts, die Bedeutendes auf dem Gebiet der Medizin leisteten: Roger Frugardi (1140-1195) arbeitete auf dem Gebiet der Chirurgie und hielt Lehrvorträge am Operationstisch, Maurus von Salerno (1130-1214) beschäftigte sich mit der Uroskopie und der Harnlehre und mit Urso von Salerno (gest. 1225) war ein Mediziner tätig, der die Auswirkungen der Natur auf den menschlichen Organismus untersuchte. Daneben begann zu dieser Zeit in Salerno die Spezialisierung der Medizin und der Spezialfächer der Anatomie, Chirurgie und der Gynäkologie. Denn auch wenn die Tätigkeit von Frauen in Salerno vielfach kontrovers diskutiert wird, ist heute ein als De passionibus mulierum seu de remediis mulierbibus bezeichnetes Werk überliefert, das seinen Forschungsnamen Trotula vermutlich einer in Salerno tätigen gleichnamigen Ärztin verdankt, die auf dem Gebiet der Frauen- und Geburtsheilkunde tätig war. 

Für die Anatomieforschung wurden in Salerno vor allem Schweine seziert, da nach der Meinung Galenos' die Organe des Schweins denen des Menschen am ähnlichsten seien. Die Durchführung von Tiersektionen wird etwa durch die Abhandlung Anatomia porchi Cophonis belegt, die bereits am Ende des 11. Jahrhunderts entstand. Ähnliche Lehrsektionen wurden erst viel später von anderen Medizinschulen bzw. Universitäten aufgenommen: Parma und Bologna ließen erst im 13. Jahrhundert Tiere zum Zweck der Anatomie sezieren, Paris sogar erst im 15. Jahrhundert. Vor allem zur Zeit der Kreuzzüge konnten in Salerno auch Forschungen auf dem Gebiet der Chirurgie betrieben werden, da Verwundete, die die Rückfahrt in den Westen überlebt hatten, in Salerno häufig ihre Kriegsverletzungen behandeln ließen. Auch die Pharmazie und die Augenheilkunde wurden vermutlich ab dem 12. Jahrhundert in Salerno als Spezialfächer von der Medizin ausgegliedert. Denn neben den erwähnten Abhandlungen zur Chirurgie, Anatomie und Humoralpathologie entstanden in Salerno auch zahlreiche Arznei- und Rezeptbücher, die auf antiken Vorlagen aufbauten und die Grundlage für die mittelalterliche Arzneimittelheilkunde bildeten. 

Immer wieder wird bei der Medizinschule von Salerno von der ältesten Universität Europas gesprochen. Es stellt sich jedoch die Frage, inwieweit die Lehre in Salerno universitären Strukturen entsprach. Insgesamt sammelten die medici Salernitani medizinisches Wissen, eigneten sich dieses an und machten dann eigene Erfahrungen auf der Basis der einstudierten Kenntnisse. Somit bestand mit der Medizinschule die erste Stätte, die der Wissenschaft diente und unabhängig war. Das medizinische Wissen wurde jedoch nicht in universitären Strukturen an Schüler weitergegeben, sondern in Form eines mehrjährigen Individualunterrichts, an dessen Ende eine Prüfung stand, die vor einer Prüfungskommission abgelegt werden musste. Allerdings waren es nicht die salernitanischen Ärzte, die bei erfolgreicher Prüfung die Lizenz zur medizinischen Tätigkeit verliehen, sondern auf Veranlassung Kaiser Friedrichs II. der Kaiser selbst oder einer seiner Repräsentanten, die der Prüfung beiwohnen mussten. Somit gab es in Salerno zwar eine geregelte ärztliche Ausbildung – auch die zahlreichen dort erschienenen Lehrwerke, in denen sich die Ärzte an ihre Schüler wenden, belegen dies –, doch die medizinische Ausbildung funktionierte in Salerno nicht im heutigen universitären Sinne. 

Vor allem die 1224 gegründete Universität von Neapel wurde zu einem großen Rivalen der Medizinschule von Salerno und bereits 1252 unternahm Kaiser Konrad IV., Sohn Friedrichs II., erste Versuche, die Schule von Salerno mit der Universität Neapel zu vereinen. Es gibt jedoch keine Informationen darüber, inwieweit diese Fusion stattgefunden hat, da 1258 König Manfred von Sizilien die Ärzteschule neben der Universität bestehen ließ. Dennoch verlor die salernitanische Medizinschule vermehrt an Einfluss. Hinzu kam, dass ab 1277 das von Friedrich II. ausgesprochene Verbot der medizinischen Tätigkeit ohne königliche Lizenz darum erweitert wurde, dass die Schule von Salerno auch keine Doktorgrade ohne königliche Erlaubnis verleihen durfte. Erst 1359 war es Königin Johanna I. von Anjou, die die Verfügung Friedrichs II. aufhob und der Medizinschule das Recht zur Ausübung der ärztlichen Tätigkeit auch ohne königliche Lizenz nach erfolgreicher Ablegung einer Prüfung vor den Medizinern Salernos verlieh. Erst im 15. Jahrhundert erlaubte dann der König von Neapel und Sizilen, Alfons V. von Aragon, die Bildung eines Collegium doctorum und machte damit den Weg für die Verleihung von Doktortiteln durch die Medizinschule unabhängig von einer königlichen Erlaubnis frei. 

Trotz des Rechts der Verleihung von Doktortiteln und der Approbation ohne königliche Zustimmung konnte die Medizinschule von Salerno zu ihrer hochmittelalterlichen Blüte nicht mehr zurückkehren. Dennoch bestand sie noch bis ins 19. Jahrhundert und wurde erst 1811 durch Joachim Murat, König von Neapel, aufgelöst. 

Zum Weiterlesen:
- Jankrift, Kay Peter: Krankheit und Heilkunde im Mittelalter, Darmstadt 2003.
- Keil, Gundolf: Art. Salerno. Die Medizinische Schule. II. Lehrinhalte und bedeutende Lehrer, in: LexMa 7 (1995), Sp. 1298-1300.
- Schneider, Ilse: Die Schule von Salerno als Erbin der antiken Medizin und ihre Bedeutung für das Mittelalter, in: Philologus 115 (1971), S. 278-291.
- Stürner, Wolfgang: Kaiser Friedrich II., sein Gelehrtenkreis und die Schule von Salerno, in: Folker Reichert (Hg.): Staufisches Mittelalter. Ausgewählte Aufsätze zur Herrschaftspraxis und Persönlichkeit Friedrichs II., Köln/Weimar/Wien 2012, S. 205-228.
- Vitolo, Giovanni: Art. Salerno. Die Medizinische Schule. I. Historische Entwicklung, in: LexMa 7 (1995), Sp. 1297-1298.

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