Sonntag, 29. Juli 2018

Adelheid von Burgund - Königin, Kaiserin und consors regni


Nicht eine war vordem ihr gleich,
So hob und mehrte sie das Reich.
Die trotzige Germania,
Die fruchtbare Italia
Und ihre Fürsten untergab
Sie Romas Schwert und Herrscherstab.
Der edle König Otto dann
Durch sie den Kaiserthron gewann.
Der Sohn auch, den sie ihm gebar,
Des Reiches Stolz und Zierde war.

(aus: Odilo von Cluny, Das Leben der Kaiserin Adelheid, https://de.wikisource.org/wiki/Das_Leben_der_Kaiserin_Adalheid.)


Diese Verse schrieb der Cluniazensermönch Odilo von Cluny (961/62-1049) in seiner Lebensbeschreibung Adelheids von Burgund (932/933-999).  Nicht nur in diesen Zeilen, sondern auch in anderen Werken, die sich mit ihrem Leben befassen, sind Autoren voll des Lobes für sie und auch ihre Heiligsprechung weniger als 100 Jahre nach ihrem Tod zeigt, welch großes Ansehen sie genossen haben muss. Doch war sie keinesfalls nur die Gattin des großen römisch-deutschen Kaisers Otto I. (912-973), sondern hatte über weite Strecken eine Machtposition inne, die es ihr erlaubte, die Politik des Reiches mitzugestalten. Nicht zuletzt verdankte Otto ihr, wie auch Odilo von Cluny es in seinen Versen andeutet, seine Erlangung der Kaiserkrone. Mit dieser bemerkenswerten Frau und ihrem Leben beschäftigt sich unser heutiger kurz!-Artikel.


Adelheid wurde vermutlich im Jahre 931 oder 932 als Tochter des von Rudolf II. (um 880-937), dem König von Hochburgund, und der Herzogstochter Berta von Schwaben (um 902-966) geboren.  Über ihre früheste Kindheit ist nur wenig bekannt, doch änderte sich ihr Leben schlagartig mit dem frühen Tod ihres Vaters im Jahre 937. Noch im gleichen Jahr begab sich nämlich der italienische König Hugo (887-947) nach Burgund, um Adelheids Mutter zu heiraten. Doch strebte er nicht nur für sich selbst eine eheliche Verbindung mit dem Hause Burgund an, sondern auch für seinen Sohn Lothar (um 928-950), der mit Adelheid verlobt wurde. Diese wuchs von nun an am italienischen Königshof in Pavia auf, wo sie eine außergewöhnliche Bildung erhielt und mehrere Sprachen erlernte, darunter Latein. Dies wird auch in Quellen wie beispielsweise im Casus Sancti Galli immer wieder hervorgehoben. Dort wird sie häufig als litteratissima (dt. äußerst gelehrt) bezeichnet. 

Im Jahre 947 trat Lothar schließlich die Nachfolge seines Vaters an. Im selben Jahr erfolgte auch die Hochzeit mit Adelheid, in deren Zuge die junge Königin mit zahlreichen Gütern ausgestattet wurde, die ihrer Größe nach beinahe ein eigenes Reich hätten bilden können und ihr großen Einfluss verliehen. Eine Besonderheit, die hier Erwähnung finden sollte, ist, dass sie in einer Schenkungsurkunde im Jahre 950 nicht nur als Gemahlin des Königs, sondern sogar als consors regni bezeichnet wird, was ihre Teilhabe an der Königsherrschaft impliziert. Zwar war ihr Mann Lothar dem Titel nach seit 947 König von Italien, doch besaß er faktisch nur wenig Macht und politischen Einfluss. Vielmehr wurde er vom mächtigsten Großen seines Reiches, dem Markgraf Berengar von Ivrea (um 900-966) dominiert. So ist es kaum verwunderlich, dass ebendieser Markgraf sich nach dem plötzlichen Tod Lothars im Jahre 950 selbst zum König von Italien erhob und die gerade 19-jährige Adelheid sowie ihre Tochter Emma in seine Gewalt brachte. Er verfolgte die Absicht, seinen Sohn mit der jungen Witwe zu verheiraten, um die Ansprüche auf den italienischen Königsthron zu bekräftigen. Der Plan scheiterte jedoch: Zwar ließ er Adelheid am 20. April 951 auf einer Burg am Gardasee festsetzen, doch gelang ihr vier Monate später, am 20. August, angeblich durch einen selbstgegrabenen Gang, die Flucht und sie fand zunächst Zuflucht auf der Burg Canossa.

Bald darauf, im Herbst 951 oder Anfang des Jahres 952 heiratete die junge italienische Königin den 20 Jahre älteren Sachsenkönig Otto I. Diese Eheschließung brachte allen Beteiligten immense Vorteile: Für Adelheid selbst bedeutete sie in erster Linie Schutz vor Berengar von Ivrea, dessen Macht Otto I. bei seiner Ankunft in Italien gebrochen hatte. Den sächsischen König machte dieVermählung mit Adelheid, wie in Italien üblich, zum König von Italien, was einen wichtigen Schritt auf dem Weg zur Kaiserkrone darstellte. Bis er diese schließlich erlangen konnte, sollten zwar noch zehn Jahre vergehen, doch verschaffte Otto sich so eine Legitimierung seiner Herrschaft. Doch nicht nur durch den Königstitel war Adelheid von großem Nutzen für Ottos imperiale Pläne. Gleichzeitig schätzte man am ottonischen Hof ihre Kenntnisse der politischen Situation in Italien sowie ihre Beziehungen und Kontakte, weshalb sie immer wieder in Entscheidungen mit einbezogen wurde.

Im Anschluss an die Hochzeit in Pavia verlangten die politischen Umstände eine Rückkehr des Paares ins Ostfränkische Reich, wo sich ein Aufstand rund um Ottos Sohn aus erster Ehe, Liudolf (um 930-957), zu formieren drohte. Mitten in dieser unsicheren und schwierigen Zeit brachte Adelheid 952 den ersten gemeinsamen Sohn Heinrich zur Welt. In den kommenden drei Jahren gebar sie zwei weitere Jungen, Bruno und Otto, und ein Mädchen, Mathilde. Von ihren Söhnen überlebte jedoch nur Otto, der Jüngste, das Kindheitsalter.

Schwere Ungarneinfälle ins Ottonische Reich führten zum Ende des Aufstandes und Liudolf unterwarf sich seinem Vater. Ottos Macht hatte mit der Niederschlagung der Rebellion einerseits, aber auch mit seinem Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld im Sommer 955 andererseits, einen Zenit erreicht. In den Jahren 955 bis 960 schweigen die Quellen fast vollständig über Adelheids, weshalb sich keine genaue Aussage über ihre politischen Aktivitäten und ihre Anwesenheit am Hof treffen lässt. Erst ab 960 ist sie wieder als Intervenientin in Urkunden zu finden, sodass man davon ausgehen kann, dass sie wieder am Hofe präsent war. Ihre Rückkehr mag auch an Ottos I. Plänen Italien und die Kaiserkrone betreffend gelegen haben, wobei ihre Kenntnisse der italienischen Politik und Gepflogenheiten von großem Nutzen gewesen sein dürften.

Bereits rund um seine Hochzeit mit Adelheid hatte Otto I. eine Delegation nach Rom geschickt, um  mit dem Papst über einen Romzug und seine Kaiserkrönung zu verhandeln. Diese war jedoch erfolglos zurückgekehrt. Im Jahre 955, mit der Wahl Johannes XII. (937/939-964) zum Papst, hatte sich die Situation für Otto jedoch entscheidend verbessert (mehr dazu erfahrt ihr in diesem Artikel): Er war ein schwaches Kirchenoberhaupt und sah sich zahlreichen äußeren Bedrohungen ausgesetzt. Deshalb sah er sich gezwungen, Otto I. um Hilfe zu bitten. Dieser folgte dem Ruf und zog 961 mit seinem Heer über die Alpen.

Bereits vor dem Italienzug war Adelheid maßgeblich an den Vorbereitungen zur Kaiserkrönung beteiligt gewesen. Unter anderem arbeitete sie an einem Ablaufplan für die Krönung, den sogenannten Krönungsordo, mit. Dieser sah folgende geistliche Handlungen an der zukünftigen Kaiserin vor: Weihe, Salbung und Krönung, begleitet von Gebeten, die Idealbilder einer Kaiserin beinhalteten. Darunter die Überwindung von Schwäche und Wankelmütigkeit, die Mutterrolle, Frömmigkeit, Weisheit und Mut. Doch auch die Vorstellung von der Teilhabe der Kaiserin an der Herrschaft ihres Gatten fand Eingang in die Zeremonie. Damit wurde auch hier das bereits aus Adelheids Zeit als italienische Königin an der Seite ihres ersten Mannes Lothar bekannte Konzept der consors regni in ihre Krönung zur Kaiserin integriert. Doch handelte es sich bei dieser Formulierung in Adelheids Fall nicht nur um einen bloßen Titel. Vielmehr beanspruchte die Kaiserin tatsächlich Anteil an der Herrschaft. So empfing sie selbstständig Bittsteller, in deren Namen sie bei ihrem Gemahl intervenierte und nahm als Ratgeberin Einfluss auf die kaiserliche Politik. 

Nach dem frühen Tod von Ottos I. Sohn Liudolfs und ihrer beiden älteren Söhne Heinrich und Bruno wurde es für Adelheid immer wichtiger, die Nachfolge ihres Jüngsten, Otto, auf den väterlichen Thron zu sichern. Bereits 961 war es vor Ottos I. und Adelheids Italienzug zur Sicherung der Nachfolge gekommen, indem Otto im Alter von nur sechs Jahren zu König Otto II. gekrönt worden  war und am Weihnachtstag 967 dann auch die Kaiserkrönung in Rom erfolgte. Zudem hatten Otto I. und Adelheid Kontakte zum byzantinischen Kaiserhaus geknüpft und eine Eheschließung zwischen Otto II. und der Nichte des byzantinischen Kaisers, Theophanu (um 960-991), ausgehandelt, die zu Ostern 972 stattfand (mehr über Kaiserin Theophanu gibt es hier).
Vor allem nach dem Tod Ottos I. im Mai 973 tat sich Adelheid dann als großzügige Stifterin zahlreicher Klöster und Förderin der Cluniazensischen Klosterreform hervor. Auch am Hof war sie noch eine ganze Zeit präsent, anstatt sich, wie unter ihren Vorgängerinnen üblich, zurückzuziehen, und sich frommen Aufgaben zu widmen. Durch weitere Interventionen ist zudem belegt, dass sie nach wie vor politischen Einfluss auf ihren Sohn nahm, jedoch wurde sie in dieser Rolle zunehmend von ihrer Schwiegertochter Theophanu abgelöst. Im Sommer 975 zog sich Adelheid schließlich vom Hof zurück und übernahm im Namen ihres Sohnes zunehmend Aufgaben in Italien. 

Mit dem plötzlichen Tod Ottos II. im Dezember 983 erschien Adelheid jedoch wieder an vorderster Front der Reichspolitik. So hinterließ Otto II. als Nachfolger seinen erst dreijährigen Sohn Otto (980-1002). Dieser war zwar auf einem Hoftag zu Pfingsten 983 bereits zum König gewählt worden, dennoch entbrannte ein Machtkampf im Reich. Aus diesem konnten schließlich jedoch Adelheid und ihre Schwiegertochter Theophanu als Siegerinnen hervorgehen und nun als Regentinnen für den kleinen König Otto III. auftreten. Dass der Konflikt nicht wieder aufflammte, zeigt die breite Unterstützung und Anerkennung, die die beiden Frauen genossen haben müssen. 

In den kommenden Jahren hielt sich Adelheid abwechselnd am Ottonischen Hof und in Italien auf. Nach Theophanus Tod im Jahre 991 übernahm sie erneut die Vormundschaft und Regierungsverantwortung für ihren Enkel Otto III. Erst mit dessen Volljährigkeit 994 widmete sie sich wieder zunehmend neuen Klostergründungen, darunter das Kloster Selz im Elsass, das gleichzeitig als ihre Grablege dienen sollte. Bis kurz vor ihrem Tod in der Nacht vom 16. auf den 17. Dezember 999 besuchte sie noch das Grab ihrer Mutter in Peterlingen, kümmerte sich um die Ausstattung von ihr geförderter Klöster, bevor sie nach Selz zurückkehrte, wo sie schließlich verstarb und begraben wurde. 

Diese Statue zeigt Adelheid von Burgund in der Kapelle St. Etienne in Selz, wo sie ein Kloster stiftete, dass gleichzeitig zu ihrer Grabstätte wurde. Das Grab ist heute nicht mehr erhalten, https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Adelheid_von_Burgund?uselang=de#/media/File:Seltz_StEtienne18.JPG



Bald wurde von Wundern an ihrem Grab berichtet, sodass sie 1097 heiliggesprochen wurde. Fast 50 Jahre hatte Adelheid in der vordersten Reihe der Reichspolitik gestanden und als Königin, Kaiserin, Regentin und consors regni die Politik ihres Mannes, Sohnes und Enkels in bemerkenswerter Weise mitbestimmt. 


Zum Weiterlesen:

Fößel, Amalie, Die Königinnen im mittelalterlichen Reich. Herrschaftsausübung, Herrschaftsrechte, Handlungsspielräume, Stuttgart 2000.

Dies., Adelheid und Theophanu, in: Die Kaiserinnen des Mittelalters, hg. v. Amalie Fößel, Regensburg 2011.

Laudage, Johannes, Otto der Große (912-973). Eine Biographie, Regensburg 2001.

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