Sonntag, 17. Januar 2016

Christina von Schweden - Selbstbestimmung im Rahmen ihrer Möglichkeiten

Königin Christina von Schweden (1626-1689) war vielleicht die ungewöhnlichste Königin ihrer Zeit, vor allem aber war sie eine Frau, die im 17. Jahrhundert den Mut hatte, selbstbestimmt schwerwiegende und unpopuläre Entscheidungen zu treffen und die daraus resultierenden Konsequenzen zu tragen: So weigerte sie sich Zeit ihres Lebens zu heiraten, sie entschied sich aus freien Stücken zur Abdankung und anschließend zur Konversion zum Katholizismus, auch wenn das den Bruch mit ihrem protestantischen Heimatland Schweden bedeutete. Mit der interessanten Persönlichkeit Christina von Schweden setzen wir heute unseren Themenmonat „Herrscherinnen“ fort.

Frühes Porträt um 1640, Ölgemälde von Hofmaler Jacob Henry Elbfas, Nationalmuseum Stockholm. https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Queenchristine.jpg

Christina wurde 1626 als zweite Tochter des schwedischen Königs Gustav II. Adolf (1594-1632) und seiner Frau Maria Eleonora von Brandenburg (1599-1655) geboren. Zur Zeit ihrer Geburt tobte auf dem europäischen Kontinent bereits der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), in dessen Verlauf ihr Vater 1632 in der Schlacht bei Lützen zu Tode kam. Dieses Ereignis hatte zur Folge, dass Christina - als einziges legitimes überlebendes Kind von Gustav II. Adolf und seiner Frau -  im Alter von gerade einmal fünf Jahren vom Reichsrat zur Nachfolgerin ihres Vaters bestimmt wurde und sich von nun an auf die Rolle der schwedischen Königin vorzubereiten hatte. Wie von ihrem Vater noch zu seinen Lebzeiten bestimmt, erhielt Christina eine Erziehung, die auch ein Kronprinz erhalten hätte: Neben genauen Kenntnissen über die schwedische Geschichte und die politischen Verhältnisse im In- und Ausland lernte sie reiten, fechten und jagen. Bei all ihren Studien legte sie dabei einen großen Ehrgeiz an den Tag. Möglicherweise auch beeinflusst durch die als eindeutig männlich zu charakterisierende Erziehung, schien Christina stets Schwierigkeiten mit der Erfüllung ihrer Frauenrolle und den Erwartungen an ihr Geschlecht gehabt zu haben: „Ich verachtete alles, was zu meinem Geschlecht gehörte, Sittlichkeit und Schicklichkeit kaum ausgenommen“, schrieb sie in ihren privaten Aufzeichnungen. Auch eine Präferenz von Männerkleidung gegenüber Frauenkleidern brachte sie zum Ausdruck. Sie galt Zeit ihres Lebens als exzentrisch und bezeichnete sich selbst als „jähzornig und hitzig, stolz und ungeduldig, verachtend und spöttisch“.

1644 im Alter von 18 Jahren übernahm sie schließlich die Regierungsgewalt, ohne jedoch bislang offiziell gekrönt worden zu sein. In den vorhergegangenen 12 Jahren bis zur Erlangung ihrer Mündigkeit war das Land stellvertretend vom schwedischen Reichskanzler Axel Oxenstierna (1583-1654) geführt worden. In dieser Zeit hatte sich jedoch bereits ein gegnerisches Lager gebildet, welches der Vormundschaftsregierung Oxenstiernas kritisch gegenüber stand und auch Christina versuchte bald Abstand von diesem zu gewinnen. Zu Hilfe kam ihr bei diesen Bestrebungen besonders Johann Kasimir von Pfalz-Zweibrücken-Kleeburg (1589-1652), der mit einer Schwester Gustavs II. Adolf verheiratet war, sowie dessen Söhne Karl Gustav und Adolf Johann. Die enge Beziehung zwischen Christina und dieser Familie war dadurch begründet worden, dass Christina nach dem Tod des Vaters einige Jahre bei ihr aufgewachsen war und sich insbesondere mit Karl Gustav gut verstand. Immer wieder war die Rede von einer Liebesbeziehung zwischen den beiden und möglichen Heiratsplänen.

Während ihrer Herrschaft erwies sich Christina als pragmatische Politikerin, die die Strukturen ihrer Zeit verstand. Schließlich konnte nicht zuletzt dank ihr der Dreißigjährige Krieg 1648 beendet werden und sie profitierte von den geschlossenen Friedensverträgen. So konnten ihre Berater beispielsweise die Gebiete Vorpommern, Bremen-Verden und Rügen für sie erringen. Auf der anderen Seite wurden die Jahre ihrer Regierung durch eine immense Förderung von Kunst und Kultur sowie den Versuch geprägt, den schwedischen Hof zu einem intellektuellen Zentrum auszubauen. Neben weiteren Gelehrten zählte dabei unter anderem der französische Philosoph René Descartes (1596-1650) zu ihren Briefpartnern, der sich auch einige Zeit in ihrer Umgebung aufhielt. Des Weiteren sammelte Christina Münzen und Gemälden, sie kümmerte sich um die prestigeträchtige Ausstattung der Universität von Uppsala und förderte Theatergruppen und Musiker am Hof. Auch wenn die schwedischen Truppen gerade gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges zahlreiche Kunstwerke im Namen Christinas schlichtweg erbeuteten, wie beispielsweise während des sogenannten Prager Kunstraubes 1648, bei dem zahlreiche Stücke aus der Kunstsammlung Kaiser Rudolfs II. nach Schweden überführt wurden, stellten die sonstigen Anschaffungen und der Prunk, mit dem Christina sich gerne umgab, den schwedischen Hof vor enorme finanzielle Schwierigkeiten.

Um das Jahr 1650 geriet Christinas Herrschaft zusehends in eine Krise. Zwar wurde sie im Oktober dieses Jahres noch offiziell zur schwedischen Königin gekrönt, sie selbst sah sich jedoch den Aufgaben einer Königin nicht mehr gewachsen, fühlte sich eingeengt und spielte mit dem Gedanken, abzudanken. Dazu kam, dass Christina bislang keine Heirat eingegangen war und auch nicht gewillt war, diesen Schritt zu vollziehen. Somit konnte sie auch keine Nachkommen zur Sicherung und Weiterführung ihrer Herrschaft aufweisen. Sie selbst äußerte sich in diesem Zusammenhang: „Es ist mir nicht möglich zu heiraten. So verhält es sich damit. Über meine Gründe schweige ich. Mir steht nicht der Sinn nach einer Ehe. Ich habe Gott innig gebeten, er möge meine Gesinnung ändern, aber es ist…nicht gelungen.“ Aussagen wie diese haben Gerüchte über eine mögliche Homosexualität oder Bisexualität Christinas aufkommen lassen und ihr wurden verschiedenste Liebesbeziehungen zugeschrieben, zum Beispiel zu ihrer Hofdame Edda Sparre. Gleichzeitig soll sich jedoch auch ein Kardinal unter ihren Liebhabern befunden haben.

Zwar konnten ihre Berater sie vorerst unter der Bedingung, dass sie sie nicht mehr zu einer Heirat drängen würden, davon überzeugen, weiter zu regieren, aber im Mai 1652 machten dann Gerüchte die Runde, Christina wolle zum Katholizismus konvertieren, wodurch sie an Popularität im Volk verlor. Auch schien es so, als würde sie ihre Herrschaft vernachlässigen und sich vielmehr auf Festen amüsieren und ihre Zeit den schönen Künsten widmen. Auch häuften sich die Vorwürfe, dass ihre Politik und ihr Lebensstil verschwenderisch seien und früher oder später den Ruin Schwedens nach sich ziehen würden. Zwei Jahre später kündigte Christina erneut an, dass sie ihre Regentschaft beenden werde, nicht jedoch ohne vorher über ihre finanzielle Versorgung nach ihrer Zeit als Königin verhandelt zu haben. Auf dem in Uppsala tagenden Reichstag erfolgte schließlich am 16. Juni 1654 die Abdankung Christinas. Nach zehnjähriger Regentschaft bestimmte sie den oben bereits erwähnten Karl Gustav zu ihrem Nachfolger, der als Karl X. Gustav bis zu seinem Tod 1660 schwedischer König blieb. Die Staatskasse erklärte sich dazu bereit, die von Christina verursachten Schulden zu tilgen und sicherte ihr gleichzeitig für die Zukunft die Einnahmen aus schwedischen Territorien zu.

Kurz darauf verließ sie aufgrund politischer Konflikte und in den Wirren der Nordischen Kriege Schweden und reiste über Antwerpen nach Brüssel. Hier konvertierte sie zunächst heimlich am 24. Dezember 1654 zum Katholizismus, bevor sie diese Handlung am 3. November 1655 öffentlich in Innsbruck wiederholte, wodurch besonders die Gegenreformation gestärkt wurde und die Reaktionen ihrer einstigen schwedischen Untertanen alles andere als positiv waren. In der Forschungsliteratur konnte sich bislang kein Erklärungsversuch für die von Christina vollzogene Konversion durchsetzen: Häufig wurde sie dabei jedoch als Bruch mit ihrer protestantischen Erziehung gedeutet und als Verrat am Erbe ihres protestantischen Vaters. Im Dezember 1655 ließ sie sich in Rom nieder, wo sie durch Papst Alexander VII. (1599-1667) gefirmt wurde. Von nun an trug sie den Namen Maria Alexandra. In den folgenden Jahren versuchte sie weiterhin Einfluss auf die europäische Politik zu nehmen und sich beispielsweise in Heiratsverhandlungen und Fragen religiöser Toleranz zu behaupten, jedoch ohne großen Erfolg: Durch ihre Abdankung hatte sie sich selbst aller politischen Rechte beraubt. Sie widmete sich nun wiederum vermehrt der Kunst und gründete beispielsweise 1671 das erste Theater in Rom, in dem auch Frauen auftreten durften. Erneut sammelte sie einen Kreis von Intellektuellen um sich. Christina starb am 19. April 1689 in Rom und wurde in den Grotten des Petersdoms bestattet. Bis heute wird sie immer wieder künstlerisch rezipiert und porträtiert. So veröffentlichte beispielsweise August Strindberg 1901 sein Drama „Kristina“ und Greta Garbo übernahm 1933 die Rolle der schwedischen Königin im US-Spielfilm „Queen Christina“. 

Grab in den Grotten des Petersdoms mit der Inschrift 
CHRISTINA ALEXANDRA D(EI) G(RATIA) SUEC(ORUM) GOTH(ORUM) VANDALORUM REGINA
https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2c/Christina_of_Sweden_%281626%29_grave_2010_Vatican
_%282%29.jpg

Zum Weiterlesen:
Kristina von Schweden: Gesammelte Werke. Autobiographie, Aphorismen, historische Schriften. Mit 130 restaurierten Faksimileseiten der Arckenholtzausgabe von 1751/1752, hg. v. Annemarie Maeger, Hamburg 1995.
Biermann, Veronica: Von der Kunst abzudanken. Die Repräsentationsstrategien Königin Christinas von Schweden, Wien u. a. 2012.
Buckley, Veronica: Christina, Queen of Sweden. The Restless Life of a European Eccentric, London 2004.
Findeisen, Jörg-Peter: Christina von Schweden. Legende durch Jahrhunderte, Frankfurt am Main 1992.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen