Sonntag, 12. April 2015

Gerhard Mercator - Kosmograph und Universalgelehrter des 16. Jahrhunderts*

„Gerardus Mercator, illustrissimi principis Iuliae, Cliviae, Montis etc. cosmographus longe exercitatissimus, editus est in Iucem anno millesimio quingentesimo duodecimo quinta Martii su auroram hora sexta…“

„Gerhard Mercator, der äußerst erfahrene Kosmograph des erlauchtesten Fürsten von Jülich, Kleve, Berg usw., kam zur Welt im Jahre 1512, am 5. März gegen Morgen um 6 Uhr…“ Diese genaue Beschreibung ist dem Duisburger Bürgermeister Walter Ghim (1530-1611) zu verdanken, ein guter Freund Mercators, der ihm zu Ehren die „Vita Mercatoris“ verfasste. Anhand dieser zeitgenössischen Quelle kann das Leben des bedeutenden Mathematikers, Geografen und Philosophen zuverlässig nachgezeichnet werden.


Mercator erlebte bis zu seinem Tod 1594 fast das gesamte 16. Jahrhundert. Ab dieser Zeit wurden prägende Strukturen der Neuzeit von berühmten Zeitgenossen begründet. Martin Luther entfachte mit seinem Thesenanschlag 1517 den Glaubensstreit zwischen Katholiken und Protestanten, der im Dreißigjährigen Krieg seinen Höhepunkt finden sollte. Jakob Fugger bestimmte als reicher Kaufmann und Bankier die Geldgeschäfte in Europa und legte den Grundstein für den späteren Kapitalismus. Nachdem Christoph Kolumbus 1492 den Startschuss zur Entdeckung der „Neuen Welt“ gab, folgten ihm daraufhin bald viele Seefahrer wie Ferdinand Magellan oder Vasco da Gama im sogenannten „Zeitalter der Entdeckungen“. Schließlich wurde Kaiser Karl V. 1519 zum römisch-deutschen Kaiser gewählt und sollte mit Spanien sowie den Kolonien in Südamerika und Asien, ein Reich beherrschen, welches die damals bekannte Welt umfasste.
Auf dieser Bühne des 16. Jahrhunderts mit all seinen Akteuren befand sich Gerhard Mercator. Mit vielen bedeutenden Zeitgenossen stand er in regem Kontakt, andere beeinflussten ihn durch ihre Lehren und er selbst brachte durch seine Arbeiten und Forschungen Großes hervor, was selbst unser heutiges Leben in vielerlei Hinsicht bestimmt.

Porträt Gerhard Mercators von Franz Hogenberg (1574). Allerdings wird das Porträt auch dem niederländischen Künstler Hendrik Goltzius zugeschrieben (http://de.wikipedia.org/wiki/Gerhard_Mercator#/media/File:Gerardus_Mercator_3.jpg)

Am 05. März 1512 wurde in Rupelmonde, einer kleinen Ortschaft in Ostflandern in der Nähe von Antwerpen, der spätere Kartograph Gerhard de Cremer geboren. Nach dem Tod des Vaters Hubrecht de Cremer nahm dessen Onkel Gisbert den Jungen auf und bemühte sich um die Ausbildung seines Großneffen. In seiner Funktion als Geistlicher in Rupelmonde empfahl er den jugendlichen Gerhard als Fünfzehnjährigen nach Herzogenbusch ins Haus der „Brüder vom Gemeinsamen Leben“. In dieser Ordensgemeinschaft, die klosterähnliche Lebensgrundsätze vertrat, lernte Mercator die nötigen Grundlagen für ein Universitätsstudium. Darunter fielen zum Beispiel Latein, Griechisch oder philosophische Themenbereiche. Der junge Gerhard blieb über sein 18. Lebensjahr hinaus in Herzogenbusch, bis er sich 1530 in der belgischen Universitätsstadt Löwen um ein Studium bewarb. Er immatrikulierte sich an der Artistenfakultät und studierte die „septem artes liberales“ (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik), jene sieben freien Künste, die als Grundlage für ein Studium im Mittelalter und der Frühen Neuzeit Voraussetzung waren. In seiner Zeit als Student latinisierte Gerhard De Cremer seinen Namen und formte aus der Übersetzung seines Nachnamens „Gerardus Mercator“. Unter seinem Universitätslehrer Gemma Frisius setzte sich Mercator intensiv mit Mathematik und Astronomie auseinander. In dieser Zeit sammelte der spätere Kartograph erste Erfahrungen in der Technik der Landvermessung und des Kupferstechens, um auch eigene Karten und Globen zu den damals bekannten Ländern und Kontinenten der Welt herzustellen. Mit dem Abschluss eines Magister Artium 1532 arbeitete Mercator von 1534 bis 1537 zusammen mit Gemma Frisius an Erd- und Himmelsgloben, wobei er seine neuen Kenntnisse praktisch anwenden konnte. In seiner Freizeit studierte er weiterhin Philosophie, Mathematik sowie auch Theologie, sodass er stets weitere Grundlagen und Spezialisierungen als zukünftiger Universalgelehrter anhäufte. 1536 konnte Gerhard Mercator die Löwenerin Barbara Schellekens heiraten, aus deren gemeinsamer Ehe insgesamt sechs Kinder hervorgingen.

Die Tätigkeit als Globenbauer in Löwen diente dem Universalgelehrten als wichtige Einnahmequelle zur Finanzierung der Familie. So fertigte er 1541 erstmals einen eigenen Erdglobus und 1551 einen Himmelsglobus zur Bestimmung astronomischer Sternenbilder an, die sogar Kaiser Karl V. persönlich zugeliefert wurden. Besondere Anerkennung und Berühmtheit erlangte Mercator aber vor allem durch seine vielen verschiedenen Karten, wie zum Beispiel die Landkarte zu Jerusalem („Karte des Heiligen Landes“) 1537 oder die Flandernkarte von 1540, wo treffend genau Ortschaften, Flüsse und Landstriche markiert wurden. Stets bemühte er sich um ein hohes Maß an Genauigkeit in der Herstellung seiner Karten, wobei ihm seine mathematische Begabung zugutekam. Mittels Briefkorrespondenzen zwischen ihm und Seefahrern oder Reisenden wertete Mercator Reiseberichte oder Seekarten von Schiffsfahrten aus, um neue Karten herzustellen und alte Karten stets aktualisieren zu können.

Seine bedeutendsten Werke schuf Mercator nach seinem Umzug nach Duisburg ab 1552, wo er bis zu seinem Tode mit der Familie lebte. Die Forschung gibt verschiedene Gründe für den Ortswechsel in die kleine Stadt unter der Herrschaft Wilhelms V. von Kleve-Jülich-Berg an. Einerseits vermuten Historiker, dass Mercator aufgrund von religiösen Motiven aus Löwen und Flandern geflohen sein könnte. 1544 wurde er der „Lutterye“ bezichtigt, dem Glauben an die Lehren des Protestantismus. Die Niederlande und Flandern gehörten zu Mercators Zeit zum Königreich Spanien, wobei die spanische Inquisition vehement gegen den Protestantismus handelte. Die Spanischen Niederlande waren eine Keimzelle für die Lehren Martin Luthers und jeglicher Verdacht auf Sympathie oder Unterstützung wurde mit schweren Strafen belegt. Gerhard Mercator wurde deshalb für mehrere Monate im Kastell Gravensteen in Rupelmonde gefangen gehalten. Mit dem Umzug nach Duisburg erwartete den Gelehrten und seine Familie eine Stadt religiöser Toleranz, in der er nicht aufgrund seines Glaubens verfolgt werden würde. Jedoch liegen zwischen der Verhaftung in Rupelmonde und der Übersiedlung nach Duisburg acht Jahre. Als Mercator Duisburg erreichte, nahm er sämtliche Druckplatten für seine Karten und alle Unterlagen seiner Globenwerkstatt mit. Somit spekulieren Fachwissenschaftler auf der anderen Seite, dass der Ortswechsel in das Herzogtum Kleve ein geplanter und wohlüberlegter Umzug aus beruflichen Gründen gewesen sein könnte. Diese These wird dadurch unterstützt, dass in Duisburg der Bau einer Universität geplant war und der Herzog Mercator als Professor für die neue Einrichtung gewinnen wollte.

Das Kartenbuch des Gerhard Mercator mit dem mauretanischen König Atlas (1619)  
(https://www.raremaps.com/maps/medium/40261.jpg).

Zwei Werke aus Duisburg begründen den Ruhm von Mercator bis heute und finden in vielen verschiedenen Situationen Verwendung, wenn es um Navigation geht. All seine Karten, die der Universalgelehrte zu Lebzeiten anfertigte und ständig aktualisierte, fasste er in einem großen Kartenbuch zusammen, dem „Atlas sive cosmographicae meditationes de fabrica mundi et fabricati figura“ (übersetzt: Atlas oder kosmographische Gedanken über die Erschaffung der Welt und die Gestalt des Geschaffenen). Zusammen mit seinem Sohn Rumold und Mercators Enkel Gerhard wurden posthum 1595 106 Karten herausgegeben, welche detailliert die Welt des 16. Jahrhunderts kartographieren. Jedes Schulkind arbeitet heute mit einem Atlas im Erdkundeunterricht, welcher genau wie zu Mercators Lebzeiten und darüber hinaus mit jeder weiteren Auflage auf den neuesten Stand gebracht wurde und wird. Der Begriff Atlas ist dabei lange Zeit falsch interpretiert worden. Denkt man bei diesem Namen an den griechischen Titan, welcher die Erde auf seinen Schultern trägt, so sieht der „Titan“ auf dem Titelblatt des Kartenbuchs vollkommen anders aus. Dieser hält einen Globus mit seiner linken Hand fest und misst mit einem Zirkel in der rechten die Breitengrade. Mercator widmete sein Werk einem König aus Mauretanien namens Atlas, welcher in griechischen Sagen außerordentlich fromm und naturwissenschaftlich begabt gewesen sein soll. In dieser Tradition sah sich auch der Kartograph und setzte somit ein Denkmal für den westafrikanischen König.
Die Weltkarte „ad usum navigantium“ (übersetzt: Zum Gebrauch der Seefahrt) von 1569 ist die erste Karte, in der die sogenannte „Mercator-Projektion“ zum Einsatz kam. Viele Astronomen und Kartographen standen vor dem Problem, die kugelförmige Oberfläche der Erde auf ein rechteckiges Kartenformat zu übertragen. Frühere Seekarten waren oft fehlerhaft, da die Winkeltreue zum ausgerechneten Kompasskurs nicht gewährleistet war. Somit war es Seefahrern nicht möglich, einen geraden Kurs auf See zu fahren. Mercator löste das Problem, indem er die Breitengrade zu den beiden Polen hin „langzog“, um die Kugelform der Erde auf Kartenformat zu übertragen. Die Seefahrer konnten die Schiffe nun entlang ihres berechneten Kurses ohne Abweichungen steuern. Der einzige Nachteil an dieser Projektion ist die Verzerrung der Kontinente durch die wachsenden Breitengrade zum Nord- und Südpol. So erscheint der europäische Kontinent vor allem im Bereich von Norwegen und Schweden im Gegensatz zu der Abbildung auf einem Globus ungewöhnlich groß. Doch wird die „Mercator-Projektion“ heutzutage in vielen verschiedenen Computersystemen zur See-, Luft- und Raumfahrt verwendet. Selbst das Navigationsgerät, welches wir in unserem Auto einschalten, nutzt die geschaffene Projektion aus dem 16. Jahrhundert des Universalgelehrten Gerhard Mercator.

Weltkarte "ad usum navigantium" (1569) mit den wachsenden Breitengraden, der innovativen Grundlage der Mercator-Projektion, um einen genauen Kurs auf See bestimmten zu können
(https://www.uni-due.de/ub/ausstell/mercator_weltkarte.shtml). 
Literatur:
Geske, Hans-Heinrich: Die Vita Mercatoris des Walter Ghim, Duisburger Forschungen, Band 6, Duisburg 1962, S. 244-277.
Krämer, Karl Emerich: Mercator. Eine Biographie, Duisburg 1980.
- Kultur- und Stadthistorisches Museum (Hrsg.): Zeitlupe. 500 Jahre Gerhard Mercator und der blaue Planet, Duisburg 2012.
- Milz, Joseph: Geschichte der Stadt Duisburg. Von den Anfängen bis zum Ende des Alten Reiches, Duisburg 2013.
- Schorn-Schütte, Luise: Geschichte Europas in der Frühen Neuzeit. Studienhandbuch 1500-1789, Paderborn 2009.
- Stadtarchiv Duisburg (Hrsg.): Gerhard Mercator. Vorläufer, Zeitgenossen, Nachwirkungen. Zu seinem 500. Geburtstag 2012, Duisburger Forschungen, Band 59, Duisburg 2013.

* Dieser Artikel stammt von Gastautor Jonas Krüning. Jonas studiert Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und arbeitet nebenberuflich als Wissenschaftliche Hilfskraft im Kultur- und Stadthistorischen Museum Duisburg. Dort beschäftigt er sich insbesondere mit Themen des 16. Jahrhunderts wie beispielsweise der damaligen Kleidung, Musik und Ernährung.

Kommentare:

  1. Guter, informativer Artikel! Endlich habe ich die Problematik der Mercator-Projektion verstanden :-)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen Dank. Schön, dass wir die Problematik auflösen konnten. :-)

      Löschen