Sonntag, 28. September 2014

Die Schedelsche Weltchronik

Bei der Beschäftigung mit mittelalterlichen oder frühneuzeitlichen Chroniken stolpert man früher oder später immer über eine Chronik, die vor allem aufgrund ihrer zahlreichen kolorierten Stadtillustrationen Berühmtheit erlangte – den Liber chronicarum, gemeinhin auch bekannt als Schedelsche Weltchronik. Diese von dem „Hochgelehrten doctorem Hartmannum Schedel“ verfasste Chronik erschien 1493 in einer lateinischen und einer deutschen Version in Nürnberg.

Es handelt sich bei der besagten Chronik nicht um eine Handschrift, sondern um eine Inkunabel, also um einen so genannten Wiegendruck, der nach Vorlage eines handschriftlichen Exemplars nach der Erfindung der Buchdrucktechnik bis zum Jahr 1500 gedruckt wurde. Hartmann Schedel erstellte die Chronik auf „anregung und begern“ der Nürnberger Bürger Sebald Schreyer (1446-1520) und Sebastian Kammermeister (1446-1503), die nicht nur für das Verlegen der Chronik verantwortlich waren, sondern auch die Finanzierung derselben übernahmen. Bei der Übersetzung der Chronik „aus dem Latein in teutsch“ half Schedel der Nürnberger Georg Alt (1450-1510), der auch bei der lateinischen Fassung bereits mitgewirkt hatte, während die Kunsthandwerker Michael Wohlgemut (1434/37-1519) und Wilhelm Pleydenwurff (1450-1494) die zahlreichen Illustrationen/ Holzschnitte für die Chronik herstellten. Der Buchdrucker Anton Koberger (1440/45-1513) war für den Druck sowohl der lateinischen, als auch der deutschen Version zuständig.
Wenngleich die Chronik kein eigenes Titelblatt aufweist, so besteht dennoch die Möglichkeit, dem Titel des Registers die Programmatik zu entnehmen, welche Hartmann Schedel dem Werk zugrunde gelegt hatte: „Register des buchs der Croniken vnd geschichten mit figuren vnd pildnussen von anbeginn der welt bis auf dise vnsere Zeit“. 

Registertitelblatt des Liber chronicarum 1493
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/Schedelsche_Weltchronik?uselang=de#mediaviewer/File:Schedel_register.jpg

Die Leserin bzw. der Leser erfährt hier, dass er mit der vorliegenden Chronik eine vollständige Weltchronik in den Händen hält, die sich darum bemüht, die Geschichte vom Anbeginn der Welt bis in die Gegenwart Schedels zu erzählen. Zudem wird die Information gegeben, dass neben „geschichten“ auch „figuren vnd pildnusse[...]“ die Geschichte der Welt anschaulich erzählen werden. Ferner informiert die Tatsache, dass die Weltchronik ein Register (Namens-, Orts- und kleines Sachregister) beinhaltet, darüber, dass das Werk auch als Nachschlagewerk benutzt werden kann.
Ein Blick in das Register zeigt, dass sich die Schedelsche Weltchronik um einen breiten Inhalt bemühte: Kirchen- und Säkulargeschichte, griechische und römische Antike sowie Mittelalter- und Zeitgeschichte. Für den Inhalt seiner Weltchronik bezog Hartmann Schedel sich auf zahlreiche Quellen und Quellengattungen (Fachliteratur, Flugblätter, Chroniken), die er aber, wie üblich, nur selten hervorhob. So bediente Hartmann Schedel sich der geografischen und kosmografischen Literatur von Ptolemäus, Strabo und Pomponius Mela, bei Humanisten wie Patrarca, Boccaccio und Enea Silvio Piccolomini, beim griechischen Historiographen Diodorus Siculus, in der lateinischen Vulgata, für die Papstgeschichte und die Papstbiographien im Liber de Vita Christi et pontificum des Bibliothekars Bortholomeo Platina und für das Mittelalter beim päpstlichen Sekretär Flavio Biondo. Aufgrund dieser breiten Quellenlage kann man bei Hartmann Schedel, der häufig wortwörtliche Übernahmen aus seinen Quellen machte, weniger von einem Autor, sondern besser und richtiger von einem Kompilator sprechen, der eben bereits bestehendes Wissen aus anderen Quellen sammelte und dieses in seinem Werk zusammenstellte.
Die Gliederung der Chronik erfolgte ganz im Sinne der Gliederung der Menschheitsgeschichte im Zusammenhang mit der Heilsgeschichte in Zeitalter, die sich stark an dem Inhalt biblischer Bücher orientieren. Insgesamt zählt die Weltchronik Hartmann Schedels sechs Zeitalter, deren Inhalt im Folgenden kurz skizziert werden soll.
Im ersten Zeitalter thematisiert Hartmann Schedel vor allem die Erschaffung der Welt. Zuerst setzt der Kompilator sich mit bestehenden Weltentstehungstheorien der Antike auseinander, um, daran anknüpfend, die Erschaffung der Welt, wie sie das Buch Genesis erzählt, bis zur Sintflut wiederzugeben. Das zweite Zeitalter schließt dann nahtlos an das erste an. Hartmann Schedel thematisiert vor allem den Bau der Arche durch Noah, illustriert diesen in Bildern und zeigt zudem die Wichtigkeit Noahs dadurch, dass er dem zweiten Kapitel einen Stammbaum Noahs beifügt. Die Geburt Abrahams beendet das zweite Zeitalter. Das dritte Zeitalter der Chronik erstreckt sich von Abrahams Geburt bis zum Anfang des Reichs von König David. Thematisch findet man eine Vermischung von Kirchengeschichte, profaner Geschichte und griechischer Mythologie vor, da griechische Götter (Apollo, Atlas, Prometheus, Sol, Diana u.a.) vorgestellt und deren Bedeutung herausgestellt werden. Zudem finden sich in diesem dritten Zeitalter erstmals illustrierte Stadtbeschreibungen. Der Anlass, dass Städte beschrieben und durch Holzschnitte illustriert werden, ist in diesem Kapitel vor allem deren legendärer Ursprung. Diese Tatsache sorgt jedoch auch dafür, dass die angeführten Beschreibungen und Illustrationen kaum als realistisch eingeschätzt werden können. Neben „Memphis jetzo Kayrun oder Alkeyro genannt“, trifft man auf Städte wie Trier, Babylon, Troja, Paris, Magdeburg und Venedig. Im anknüpfenden Zeitalter, dass sich zeitlich auf den Anfang des Reichs König Davids bis zur Babylonischen Gefangenschaft bzw. der Zerstörung Jerusalems bezieht, erhält man Informationen zu den Reichen der Meder, Lyder, Perser, Spartaner und Römer. Auch innerhalb dieses Kapitels fließen wieder einige Stadtbeschreibungen in die Geschichtsschreibung mit ein. Neben Perugia, Jericho, Aquileia, Treviso und Bologna werden auch Byzanz, Rom und Genua erwähnt. Das fünfte Zeitalter erstreckt sich insgesamt von der Zeit der Zerstörung Jerusalems bis zur Geburt Christi. Inmitten dieses Komplexes werden nicht nur römische Dichter, Philosophen und Politiker vorgestellt, sondern innerhalb dieses Kapitels beginnt mit Gaius Julius Cäsar die Reihe der römischen Kaiser, die in der Chronik folgend weitergeführt werden wird. Viele der genannten Personen werden dabei nicht nur schriftlich, sondern auch bildlich dargestellt. Erstmalig haben jedoch die exzessiven Stadtbeschreibungen mit den dazugehörigen Illustrationen Übergewicht. Neben den italienischen Städten Verona, Mailand, Pavia, Siena, Mantua und Florenz, werden auch Toulouse, Lyon, Alexandria, Augsburg und Köln aufgeführt. 

Die Stadt Köln im Liber chronicarum 1493
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/Schedelsche_Weltchronik?uselang=de#mediaviewer/File:Nuremberg_chronicles_-_colonia.png
Im sechsten und zeitlich weitreichendsten Zeitalter – von der Geburt Christi, die in Anlehnung an das Lukas-Evangelium kurz skizziert wird, bis in die Gegenwart Schedels – gibt es zahlreiche inhaltliche Komplexe: einflussreiche Personen (Hohepriester Hannas, Herodes Antipas) und Gruppierungen des Judentums (Sadduzäer, Pharisäer) werden textlich und bildlich abgebildet, die Legende der Heiligen Veronika ('Schweißtuch der Heiligen Veronika') wird erzählt, Kaiser- und Königsbiographien (Otto I. bis Friedrich III.) treffen auf Papstbiographien (bis Papst Paul II.) und neben der Vorstellung der Organisation des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation (weltliche und geistliche Kurfürsten) referiert Schedel über die zahlreichen Ordensgründungen des Mittelalters (Zisterzienser, Dominikaner, Franziskaner, Johanniter etc.). 

Die Organisation des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation im
Liber chronicarum 1493
Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/Schedelsche_Weltchronik?uselang=de#mediaviewer/File:Schedelsche_Weltchronik_Struktur_des_Reiches.jpg

Auch in diesem Kapitel bzw. Zeitalter nehmen Stadtbeschreibungen wieder eine Vielzahl von Druckseiten ein. Es finden sich Illustrationen und Beschreibungen zu den Städten Regensburg, Nürnberg, Wien, Straßburg, Würzburg, Bamberg, Passau, Prag, Konstanz und Basel. Zudem findet mit Ausführungen zu Neuerungen in Wissenschaft, Technik, Theologie und der Natur auch die Zeitgeschichte Schedels Verankerung im sechsten Zeitalter. Ein kurzes Abschlusskapitel, in welchem gleichsam ein siebtes Zeitalter angerissen wird, thematisiert das Ende der Welt und die Ankunft des Antichristen.
Die zahlreichen Städtebeschreibungen, welche in fast jedem Kapitel vorzufinden sind, zeigen, dass Hartmann Schedel in seiner Weltchronik eine Pointierung auf die Beschreibung der wichtigsten Städte Deutschlands und des Abendlandes vornahm. Die Städte werden möglichst umfassend hinsichtlich der Gründungsgeschichte und der Etymologie des Stadtnamens sowie mithilfe von Fakten zur zeitgenössischen Kultur, Wirtschaft und Handel schriftlich und visuell dargestellt. Es handelt sich also zusammenfassend um die Nacherzählung geschichtlicher Ereignisse, die eben eng zusammenhängt mit der „beschreibung der berümbtisten und namhaftigisten stett“.


Literatur:
Schedel, Hartmann: Das Buch der Chroniken, hg. von Stephan Füssel, Köln 2013.
Gärtner, Kurt: Die Tradition der volkssprachigen Weltchronistik in der deutschen Literatur des Mittelalters, in: Pirckheimer Jahrbuch 9 (1994), S. 57-71.

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