Sonntag, 8. April 2018

Die Königsmarck-Affäre

Wer geht so spät zu Hofe, / Da alles längst im Schlaf? / Im Vorsaal wacht die Zofe – Schon naht der schöne Graf. / Er sprach: „Eh ich nach Frankreich geh, / Muß ich sie noch umarmen, / Prinzessin Dorothee.“ So beginnt ein Volkslied, das in Theodor Fontanes Wanderungen durch die Mark Brandenburg überliefert ist. Es handelt von der verbotenen Liebesbeziehung zwischen der verheirateten Kurprinzessin und Herzogin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg (1666-1726) mit dem hannoverschen Offizier Philipp Christoph Graf von Königsmarck (1665-1694), die 1694 schließlich in der Ermordung des Grafen und lebenslanger Gefangenschaft für die Herzogin endete. In unserem neuen Artikel beschäftigen wir uns mit diesem Skandal am Hof von Hannover, den Hintergründen der Affäre und den Personen, die die Geschehnisse maßgeblich beeinflussten.

Sophie Dorothea mit ihren Kindern, Öl auf Leinwand, Jacques Vaillant, Hannover 1691 (?).  
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Philipp Christoph entstammte als Sohn von Kurt Christoph Graf von Königsmarck und seiner Frau Maria Christine von Wrangel einem alten märkischen Adelsgeschlecht. Sophie Dorothea hingegen war die einzige Tochter des Herzogs von Braunschweig und Lüneburg Georg Wilhelm und der Hugenottin Eleonore Desmier d’Olbreuse und damit die Erbin des Herzogtums und eine äußerst interessante Heiratskandidatin. Philipp Christoph und Sophie Dorothea hatten sich bereits als Kinder am Hof von Celle kennengelernt, wo der Graf als Page in Diensten ihres Vaters gestanden hatte. Anschließend studierte der Graf in Oxford und entschied sich dann zunächst in Diensten des Kaisers für die Offizierslaufbahn. In der Zwischenzeit war Sophie Dorothea am 18. November 1682 gegen ihren Willen mit ihrem Cousin Herzog Georg Ludwig von Braunschweig-Lüneburg (1660-1727), dem Sohn des noch regierenden Herzogs Ernst August (1629-1698), verheiratet worden, der ab 1714 als Georg I. König von Großbritannien sein sollte. Aus der häufig als unglücklich charakterisierten Ehe gingen zwei Kinder hervor, Sohn Georg August (1683-1760), als Georg II. Nachfolger seines Vaters auf dem englischen Thron, und die Tochter Sophie Dorothea (1687-1757), die später als Ehefrau von Friedrich Wilhelm I. Königin von Preußen wurde und die Mutter Friedrich des Großen war. Der Graf von Königsmarck war mittlerweile durch Erbschaft an ein größeres Vermögen gelangt. Ab 1688 hielt er sich – wie Sophie Dorothea – am Hof von Hannover auf, da er aus kaiserlichen Diensten in den Dienst Herzogs Ernst August gewechselt war und den Rang eines Obersts der Leibgarde erlangt hatte. Nach der Teilnahme an mehreren Feldzügen, unter anderem gegen die Türken, kehrte er 1690 dauerhaft nach Hannover zurück.

Philipp Christoph von Königsmarck, Anonym, ?.
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Sophie Dorothea war zu diesem Zeitpunkt bereits unglücklich mit ihrem Leben am Hof. So schrieb sie unter anderem an Liselotte von der Pfalz: „Wir leben hier still, kein Abenteuer passiert. Ab März 1692 ist davon auszugehen, dass die Kurprinzessin und von Königsmarck eine heimliche Liebesbeziehung unterhielten. Deutlich wird dies durch einen erhaltenen Briefwechsel, der die innige Beziehung der beiden dokumentiert und von tiefen Gefühlen und gemeinsamen Nächten berichtet. So schrieb Sophie Dorothea ihm beispielsweise „Il n y a que la mort qui puisse me detacher de vous.“ („Nur der Tod kann mich von Ihnen trennen“) Auch andere Quellen von Mitgliedern der Hofgesellschaft schildern Beobachtungen, die das Verhältnis der beiden zueinander thematisieren. So soll Sophie Dorothea den Grafen von Königsmarck offensichtlich bevorzugt und keinen Hehl aus ihrer Zuneigung gemacht haben. Ihr Ehemann verbrachte zu diesem Zeitpunkt seine Zeit bereits vermehrt mit seiner Mätresse, was in seinem Fall als männlicher Kurprinz, der bereits über einen legitimen Nachfolger verfügte, jedoch kein großes Aufsehen erregte.

Die Beziehung zwischen Sophie Dorothea und ihrem Mann verschlechterte sich dennoch kontinuierlich und im Frühling 1694 reiste sie sogar zu ihren Eltern nach Celle, um vor Ort um die Zustimmung zur Scheidung zu bitten. Ihr Vater lehnte eine Trennung jedoch vor allem aus finanziellen Gründen ab und er befahl seiner Tochter nach Hannover zurückzukehren. Nach der vergeblichen Bemühung um eine Scheidung planten sie und Graf von Königsmarck im Sommer 1694 schließlich ihre Flucht aus dem Herzogtum. Als mögliche Orte hatten sie Wolfenbüttel oder Sachsen ins Auge gefasst, wo seit April 1694 mit August dem Starken (1670-1733) ein Freund Philipp Christophs regierte, der ihm eine Stelle als Generalmajor der Kavallerie angeboten hatte.

Bezeugt ist, dass am 2. Juli 1694 ein letztes geheimes Treffen zwischen der Herzogin und dem Grafen stattfand. In der Nacht vom 11. Juli verlieren sich seine Spuren schließlich auf dem Weg zum Leineschloss in Hannover. Zwar wird davon ausgegangen, dass der Graf noch am selben Tag ermordet wurde, ein eindeutiger Beweis für diesen Verdacht konnte jedoch bis heute nicht gefunden werden. Dabei schien es schon häufiger so, als würde man dem Geheimnis um das Verschwinden von Philipp Christoph von Königsmarck auf die Spur kommen: Mehrfach wurden im Bereich in und um das Leineschloss Knochen gefunden, die neue Gerüchte und Legenden befeuerten, da die gefundenen Skelette beispielsweise eingemauert gewesen sein sollen. Aber weder die kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, noch die 1949 noch die 2016 bei Bauarbeiten gefundenen Knochen konnten anhand von DNA-Untersuchungen dem Grafen zugeordnet werden. Andere Legenden besagen, dass von Königsmarck gar nicht im Leineschloss, sondern in der Gruft oder Kirche von Schloss Rethmar, östlich von Hannover, beerdigt oder direkt nach seiner Ermordung in der Leine versenkt worden sein soll. Somit muss sein genaues Schicksal bis heute weiter ungewiss bleiben.

Trotz dieser Unklarheiten gab es jedoch schnell zahlreiche Verdächtige, die für sein Verschwinden verantwortlich gemacht wurden und den Mord in Auftrag gegeben haben könnten. Sei es, um den Graf von Königsmarck verschwinden zu lassen und somit die Beziehung schlussendlich zu beenden oder die drohenden Konsequenzen einer Scheidung oder Öffentlichmachung abzuwenden. Verdächtigt wurden so unter anderem Sophie Dorotheas Ehemann, der Kurfürst Ernst August selbst sowie dessen Mätresse Gräfin Clara Elisabeth von Platen (1648–1700), die zu jener Zeit als mächtigste Frau Hannovers galt. Sie hatte nicht nur im Januar 1694 vergeblich versucht, ihre uneheliche Tochter mit Philipp Christoph zu verheiraten, sondern sie hatte die heimliche Beziehung auch gegenüber Georg Ludwig verraten und die geplante Flucht der beiden verhindert. Auf dem Totenbett soll sie schließlich schriftlich eine Mitschuld an dem Mord zugegeben haben. Allerdings konnte dieses vermeintliche Geständnis bis heute nicht entdeckt werden. Der Verdacht gegen den Kurfürsten selbst erhärte sich dadurch, dass kurz nach der Tat finanzielle Belohnungen an Mitglieder der Hofgesellschaft gezahlt wurden, die in den Rechnungen des Hofes nachweisbar sind.

Das spurlose Verschwinden des Grafen blieb nicht lange unentdeckt und zog europaweit Kreise: Der französische König Ludwig XIV. ließ Agenten nach Hannover schicken, die die Angelegenheit aufklären sollten. Ähnlich verhielt sich August der Starke, der eine wochenlange Suche nach von Königsmarck in Auftrag gab und versuchte, Beweise zu sammeln, während die Regierung in Hannover fleißig Beweise für die Beziehung und das Verbrechen verschwinden ließ. August ließ sich auch nicht von seiner Suche abbringen, als sich der Kaiser einschaltete, nachdem er von Kurfürst Ernst August darum gebeten worden war. In diesem Zusammenhang lernte August auch die Schwester Philipp Christophs kennen, die ebenfalls auf der Suche nach ihrem Bruder war. Maria Aurora von Königsmarck (1662-1728) wurde schließlich für Jahre zu Augusts mächtiger Mätresse.

Schloss Ahlden in Merian-Stich um 1654.
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Im Anschluss an die Ereignisse forderte nun Kurprinz Georg Ludwig selbst die Scheidung von seiner untreuen Ehefrau. Sophie Dorothea wurde daraufhin nach Schloss Ahlden in der Lüneburger Heimat gebracht, das ihr bis zu ihrem Tod im Jahr 1726 als Gefängnis dienen sollte. Am 28. Dezember 1694 wurde die Ehe geschieden und sie als allein schuldig für das Scheitern erklärt. Dies bedeutete für sie unter anderem, dass es ihr verboten war, eine weitere Ehe einzugehen und jemals ihre Kinder wiederzusehen. Zusätzlich verlor sie ihren Titel der Kurprinzessin und ihr in die Ehe eingebrachtes Vermögen. Von nun an wurde sie Prinzessin von Ahlden genannt. Zwar durfte sie Besuch empfangen und sie verfügte über einen kleinen Hofstaat, das Schloss durfte sie aber nur in Begleitung verlassen und eine Entfernung von zwei Kilometern nicht überschreiten.

Nachdem Ernst August 1698 gestorben war, wandte sie sich an ihren früheren Ehemann und bat um Verzeihung für ihre Fehler, sowie darum, wenigstens ihre Kinder sehen zu dürfen. Diesen Bitten kam Georg Ludwig jedoch nicht nach. Als Sophie Dorothea schließlich an einem Leberverschluss starb, verbot er sogar Trauerbekundungen jeglicher Art. Die gemeinsame Tochter ordnete zu Ehren der Mutter jedoch Hoftrauer in Berlin an.


Zum Weiterlesen:
Burschel, Peter: „sachen, da ich kein journal von machen werde“. Geheimnisrede oder der Fall Königsmarck in den Briefen der Kurfürstin Sophie von Hannover, in: Peter Aufgebauer (Hg.): Herrschaftspraxis und soziale Ordnungen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Ernst Schubert zum Gedenken, Hannover 2006, S. 465-476.
Fiedler, Beate-Christine: Die Königsmarcks. Glanz und Untergang einer schwedischen Grafenfamilie, in: Rieke Buning (Hg): Maria Aurora von Königsmarck. Ein adeliges Frauenleben im Europa der Barockzeit, Köln u. a. 2015, S. 15-30.
Geyken, Frauke: „Ohne seiner Frau todt witwer zu werden, ist doch etwas rares“. Folgen des ehelichen Ungehorsams - Sophie Dorotheas Verbannnung nach Ahlden, in:Kathleen Bieercamp (Hg.): Mächtig verlockend. Frauen der Welfen, Begleitband zur Ausstellung des Residenzmuseums im Celler Schloss vom 16. Februar bis 15. August 2010, Berlin 2010, S. 167-185.
Schnath, Georg: Der Fall Königsmarck, in: Hannoversche Geschichtsblätter 6 (1953), S. 277-341.
Walter, Jürgen: Sophie Dorothea, Kurprinzessin von Hannover. Ein höfischer Skandal, Mühlacker u. a. 2006.

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