Sonntag, 5. November 2017

Der Seeweg nach Indien: Teil I - Erste portugiesische Entdeckungsfahrten, Christoph Kolumbus’ Scheitern vor dem portugiesischen König und die Umschiffung des Kaps der Guten Hoffnung

Im Jahre 1415 hatten portugiesische Truppen unter König Johann I. (1357-1433) die prunkvolle, muslimische Hafenstadt Ceuta geplündert und deren Bevölkerung in religiösem Eifer massakriert. Dabei hatten sie jedoch auch einen ersten Blick auf die Reichtümer Afrikas erhascht, von denen das Land bislang durch eine Barriere aus den muslimischen Reichen Nordafrikas ferngehalten worden war. Bis dato war das ärmliche Königreich Portugal, das an der Peripherie des europäischen Kontinents lag, vom florierenden Handel des Mittelmeeres weitgehend ausgeschlossen. Luxusgüter aus aller Welt gelangten über muslimische Handelsstädte fernab des Reiches nach Europa. Jenseits von Portugal lag nach damaligem Wissensstand nur der weite Ozean. Sollte es gelingen, einen Seeweg nach Indien zu entdecken, so würde dies einen Zugang zur reichen Handelswelt des Subkontinents bedeuten. Dies wurde zu einer der Hauptmotivationen für die portugiesischen Entdeckungsfahrten.

Im Mittelpunkt dieser kurz!-Reihe sollen diese Seereisen entlang der afrikanischen Küste bis hin zum Erreichen des indischen Subkontinents stehen. Der erste Teil der Reihe thematisiert die  Motive, sowie die Expeditionen des Seefahrers Diogo Cão (gest. um 1486) und die Umrundung des Kaps der Guten Hoffnung durch den Entdecker Bartolomeu Dias (1450-1500).

Darstellung einer portugiesischen Karavelle aus dem 16. Jahrhundert, https://de.wikipedia.org/wiki/Karavelle#/media/File:Karavelle.png.

Die der Zerstörung Ceutas 1415 leitete eine Reihe von Entdeckungsfahrten der Portugiesen ein. An ihr waren auch die Söhne König Johanns I. beteiligt gewesen, unter ihnen Prinz Heinrich (1394-1460), der mit dem Beinamen „der Seefahrer“ als Initiator und Schirmherr der portugiesischen Expansion in die Geschichte eingehen sollte. Zunächst segelten auf sein Betreiben hin kleinere Expeditionen, bestehend aus nur zwei oder drei Schiffen, sogenannten Karavellen, die afrikanische Küste entlang. Heinrich erhoffte sich von diesen Fahrten, einen Zugang zu den Rohstoffen und Reichtümern Afrikas zu erhalten. Der Kirche gegenüber rechtfertigten die Portugiesen die Expeditionen als Fortsetzung der Kreuzzüge, um finanzielle Unterstützung zu erhalten, und diese beauftragte die Seefahrer in der Folge damit „sämtliche Sarazenen, Heiden und sonstige Feinde des Christentums zu beseitigen, gefangen zu nehmen, zu vernichten und zu unterwerfen […] und sie in immerwährende Sklaverei zu führen“. Berichte von einem mächtigen christlichen Königreich jenseits der muslimischen Welt, geführt von einem legendären Priesterkönig namens Johannes, nährten zudem die Hoffnung, durch ein Bündnis mit diesem die Muslime, die vor allem seit dem Fall Konstantinopels 1453, gefährlich nahe an das christliche Europa herangekommen waren, gemeinsam schlagen zu können. Tatsächlich gab es im Hochland Äthiopiens einen christlichen König und die existierenden, wenig genauen Karten Afrikas legten den Schluss nahe, man könne dessen Reich über ein Flusssystem erreichen. Auf der Suche nach Reichtümern sowie dem Zugang zu diesem Flusssystem gelangten die portugiesischen Entdecker immer weiter Richtung Süden. 

Der Katalanische Weltatlas (entstanden um 1375) zeigt die gesamte zur damaligen Zeit bekannte Welt, https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Catalan_Atlas?uselang=de#/media/File:Atles_català_(fulls_3_a_6).png.

Mit dem Tode Heinrichs des Seefahrers im Jahre 1960 kamen zunächst auch die Expeditionen nach Afrika zum Erliegen, wurden dann aber von Prinz Johann (1455-1495), dem späteren König Johann II. in den 70er Jahren des 15. Jahrhunderts wieder aufgenommen.

Als der Entdecker Diogo Cão im Jahre 1484 berichtete, er habe auf der Reise eine starke Ostwärtsneigung der Küste erreicht, war Johann II. sich sicher, dass Indien zum Greifen nah war. Erneut wurde Cão entsandt, doch musste er feststellen, dass es sich bei der von ihm beschriebenen Neigung nach Osten lediglich um eine sehr große Bucht gehandelt hatte und die Küste bald wieder Richtung Süden verlaufen war. Am sogenannten Kreuzkap im heutigen Namibia (zur Veranschaulichung befindet sich eine Karte mit den hier genannten Stationen der Entdeckungsfahrten am Ende dieses Artikels), dem südlichsten Punkt, den er auf seinen Fahrten erreichte, stellte er wie zuvor auch schon an anderen Stellen entlang seiner Route im Namen des portugiesischen Königs eine Säule mit einem Kreuz an der Spitze auf. Dann verlieren sich allerdings seine Spuren und es ist bis heute unklar, ob er auf der Heimreise verstarb oder es zurück nach Lissabon schaffte, dort aber aufgrund der enttäuschenden Nachrichten in Ungnade fiel. Trotz dieses Rückschlags blieb der portugiesische Entdeckergeist ungebrochen. Johann II. trieb weitere Unternehmungen voran, um Informationen über einen Seeweg nach Indien zu sammeln.

Kopie des Kreuzes, das Diogo Cão auf seiner letzten Expedition 1486 am Kreuzkap aufstellte, https://de.wikipedia.org/wiki/Kreuzkap#/media/File:Capecross_padrao.JPG.

Noch während Diogo Cão auf seiner ersten Expedition die Ostwärtsneigung der westafrikanischen Küste entdeckte, hielt sich am portugiesischen Hof ein Seefahrer namens Cristóvão Colombo (um 1451-1506), auch bekannt als Christoph Kolumbus, auf. Dieser warb um Unterstützung für die Idee, Indien nicht über den Ostweg sondern den Westweg zu erreichen. Aufgrund einer falschen Berechnung des Erdumfangs und in Unwissenheit darüber, dass ein ganzer Kontinent in westlicher Richtung zwischen Europa und Indien lag, ging er davon aus, dass die Westpassage deutlich kürzer sei als die Umrundung Afrikas. Beruhend auf den Informationen, die er von Diogo Cão über die Ostwärtsneigung der Küste erhalten hatte wurde Johann II jedoch von der Hoffnung getragen, dass ein Erfolg bei der Umseglung Afrikas unmittelbar bevorstand. Zudem berichtet der portugiesische Historiker João de Barros in seinem Werk „Décadas de Ásia“ aus dem Jahre 1552, dass „der König sah, wie dieser Cristóvão Colombo prahlerisch und aufdringlich von seinen Fähigkeiten  sprach und sich so sehr täuschte und irrte bezüglich der Lage der Insel Japan“. Daher „schenkte er ihm nur wenig Glauben, worauf dieser enttäuscht den König verließ und sich nach Spanien begab, wo er abermals sein Anliegen vorbrachte“. Bevor der König eine solche Unternehmung finanzieren würde, wollte er zunächst weitere Informationen über einen Seeweg nach Indien in östlicher Richtung abwarten.

Ende Juli oder Anfang August 1487 verließ erneut eine Expedition unter der Leitung eines Ritters namens Bartolomeu Dias und bestehend aus zwei Karavellen und einem Versorgungsschiff Lissabon. Abgesehen von der üblichen Besatzung nahmen die Schiffe auch sechs Afrikaner an Bord, die neben ihrer Muttersprache auch Portugiesisch sprachen. Diese sollten entlang der Küste ausgesetzt werden, um bei der einheimischen Bevölkerung alles über das Reich des Priesterkönigs Johannes in Erfahrung zu bringen. Nach gut vier Monaten erreichte die Flottille Diogo Cãos letzte Säule vor der Küste Namibias. Etwas weiter südlich entschieden sich die Seefahrer schließlich, das Versorgungsschiff zurückzulassen, um es auf dem Rückweg wieder anzutreffen, und segelten lediglich mit zwei Karavellen weiter. Entlang der Küste waren die Winde jedoch so ungünstig, dass sie die Richtung wechselten: Anstatt weiter ostwärts zu segeln, fuhren die Schiffe in Richtung Westen auf das offene Meer hinaus. Ob die Entdecker bewusst so handelten, ob es sich um eine vorab geplante Richtungsänderung oder eine spontane Intuition handelte, oder ob die beiden Schiffe vom Wind nach Südwesten abgetrieben worden waren, lässt sich heute nicht mehr feststellen. Zwei Wochen und mehrere tausend Meilen segelten sie so von der Küste Afrikas weg, bis in antarktische Gewässer, wo sie mehrere Männer an die Kälte verloren und wieder Richtung Osten abdrehten. Doch anstatt wieder auf die in Nord-Süd-Richtung verlaufende afrikanische Küste zu treffen, erblickten die Entdecker auch nach mehreren Tagen kein Land und drehten deshalb nach Norden, wo gegen Ende Januar 1488 Berge am Horizont auftauchten. Am 3. Februar gingen sie in der heutigen Mossel Bay in Südafrika an Land. Die Expedition segelte noch weitere 200 Meilen nach Osten und wo die Küstenlinie immer weiter in nordöstlicher Richtung verlief und das Wasser langsam wärmer wurde, was man als Beweis dafür ansah, dass es sich bei dem Landstück, das man gerade umsegelt hatte, um die südliche Spitze Afrikas handeln musste. Allerdings gingen den Abenteurern nun die Vorräte aus und Bartolomeu Dias, sodass die Teilnehmer der Expedition, die nach dem Vorbild Cãos ebenfalls Wappensäulen entlang ihres Weges aufgestellt hatten, eine letzte Markierung ihrer Route an der Küste an einem Fluss, den sie Rio Infante tauften, hinterließ und die Heimreise antrat. Am 24. Juli 1488 erreichten die beiden Karavellen nach gut neun Monaten das Versorgungsschiff an der namibischen Küste: Von neun ursprünglich zurückgelassenen Männern waren nur noch drei am Leben. Sie nahmen die überlebenden Männer und die Vorräte an Bord der beiden Karavellen auf, verbrannten das inzwischen marode gewordene dritte Schiff und traten den Rückweg nach Portugal an. Im Dezember 1488, 16 Monate nach ihrem Auslaufen, kehrten die Reisenden in ihren Heimathafen zurück.

Die in diesem Artikel erwähnten Stationen der Entdeckungsfahrten.

Bartolomeu Dias erstattete König Johann II. ausführlichen Bericht über seine Reise und deren Entdeckungen. Doch ehe eine erneute Expedition einen Vorstoß nach Indien wagen konnte, traten Feldzüge ins muslimische Marokko in den Vordergrund, gesundheitliche Probleme lähmten den König und mit dem Tod seines Sohnes und Erben Alfonso im Jahr 1491 ereilte Johann II. ein herber Schicksalsschlag. Zudem flohen zahlreiche Juden, die aus dem benachbarten Spanien vertrieben worden waren, nach Portugal und erforderten die königliche Aufmerksamkeit. Einen weiteren Rückschlag erlitten die portugiesischen Entdecker, als im März 1493 Christoph Kolumbus in Lissabon einlief, der behauptete, Indien unter Schirmherrschaft des spanischen Rivalen auf der Westroute erreicht zu haben. In Wirklichkeit handelte es sich dabei, wie heute jeder weiß, um die Bahamas, Kuba, Haiti und die Dominikanische Republik, was Kolumbus jedoch Zeit seines Lebens nicht erkannte.

Bis zu seinem Tode im Jahre 1495 gab Johann II. keine weiteren nennenswerten Unternehmungen in Richtung Indien in Auftrag. Erst unter seinem Nachfolger Manuel I. (1469-1521) kam wieder Bewegung in die Sache: 1497 machte sich Vasco da Gama (um 1469-1524) auf, Indien auf dem östlichen Seeweg zu erreichen. Mit dieser Expedition wird sich der zweite Teil unserer kurz!-Reihe über Portugals Weg nach Indien beschäftigen.

Zum Weiterlesen:

Crowley, Roger, Die Eroberer. Portugals Kampf um ein Weltreich, Darmstadt 2015.

Keine Kommentare:

Kommentar posten