Sonntag, 24. September 2017

Von listigen Zwergen, kräftigen Riesen und tapferen Helden – die ‚Aventiurehafte Dietrichepik’ II

Wohl jeder, der sich schon einmal mit mittelhochdeutschen Epen beschäftigt hat, dürfte auf jenen Helden gestoßen sein, der nicht nur seinem Onkel Ermrich immer wieder kämpferisch begegnete, sondern auch kräftige Riesen, starke Drachen und listige Zwerge besiegen konnte – Dietrich von Bern. Die Erzählungen von den Abenteuern Dietrichs waren vom 13. bis zum 18. Jahrhundert im deutschsprachigen Raum sehr beliebt und weit verbreitet. Unserer heutiger kurz!-Artikel möchte mit den Erzählungen der sogenannten ‚Aventiurehaften Dietrichepik’ die Heldenepen Dietrichs in den Blick nehmen, in denen er etwa auf Drachen, den Zwerg Bibung, den Riesen Sigenot oder auf den Zwergenkönig Laurin trifft. Nachdem im ersten Teil dieser kurzen Reihe die Dietrichepen ‚Goldemar’, ‚Eckenlied’, ‚Sigenot’ und die ‚Virginal’ vorgestellt wurden, sollen in diesem zweiten Teil der ‚Laurin’, der ‚Rosengarten zu Worms’ und der ‚Wunderer’ im Vordergrund stehen. Mit der Vorstellung dieser Dietrichepen sollen einzelne kleine Abenteuer, die Dietrich von Bern in diesen Erzählungen der ‚Aventiurehaften Dietrichepik’ besteht, kurz vorgestellt werden.

Um 1300 entstand vermutlich in Tirol, da die Erzählung selbst geografisch auch dort angesiedelt ist, das vergleichsweise kurze Dietrichepos ‚Laurin’, das von Dietrich von Bern und seiner Auseinandersetzung mit dem listigen Zwergenkönig Laurin erzählt: Dietrich wird mittlerweile überall als Held gerühmt und feiert an seinem Hof in Bern ein rauschendes Fest. Dietrichs treuer Gefährte Hildebrand ist es, der die ruhmreichen Leistungen Dietrichs etwas einschränkt, da er ihm auf dem Fest vorhält, noch keine Bekanntschaft mit dem Zwergenkönig Laurin und seinem Rosengarten im Tiroler Wald gemacht zu haben. Sofort macht Dietrich sich deshalb mit seinem Gefährten Witege auf den Weg, um Laurin herauszufordern. Witege und Dietrich dringen dazu in den Rosengarten des Zwergenkönigs ein und verwüsten diesen. Es kommt zu Kämpfen zwischen den Helden und Laurin. Nachdem Laurin Witege besiegen konnte, kommen Dietrich mit Hildebrand, Wolfhart und Dietleib weitere Gefährten zur Hilfe. Hildebrand erteilt im Kampf von Dietrich gegen Laurin zahlreiche Ratschläge, wie er den Zwerg trotz seiner Zauberkraft besiegen könne. Denn Laurin besitzt nicht nur ein unzerstörbares Panzerhemd, sondern auch eine Tarnkappe und einen Kraftgürtel, um sich gegen seine Widersacher zu wehren. Dietrich kann in einem Ringkampf und indem er den Zaubergürtel Laurins zerstört, siegen und trachtet danach, den Zwerg gnadenlos zu töten. Erst die Auskunft, dass sich die Schwester Dietleips, Kunhilt, im Gewahrsam der Zwerge befinde, kann dies ändern. Dietleip bittet nun für das Leben des Zwergenkönigs, befreit diesen und kämpft gegen Dietrich, um den Entführer seiner Schwester und damit ihr Leben zu schützen. Eine Schlichtung aller Parteien beendet diesen Konflikt. Laurin lädt im Anschluss an die Versöhnung alle Helden um Dietrich in sein unterirdisches und prachtvolles Höhlenreich ein, wo sie nicht nur von den Zwergen, sondern auch von Kunhilt empfangen werden. Obwohl es ihr im Reich des Zwergenkönigs an nichts zu mangeln scheint, möchte Kunhilt unbedingt fliehen; Dietleip sichert ihr zu, sie aus den Fängen Laurins zu befreien. In der Zwischenzeit sinnt der Laurin für die Zerstörung seines Rosengartens weiterhin auf Rache und fordert von Dietleip, ihm bei seinen Racheplänen beizustehen. Als Dietleip dies jedoch ablehnt, wird auch er von Laurin gefangen genommen. Laurin gelingt es im Anschluss auch alle anderen Helden einzukerkern, indem er sie vorher durch einen speziellen Trank betäubt hat. Nur Kunhilt ist es zu verdanken, dass Dietrich und seine Gefährten sich befreien und in einer gewaltigen Schlacht den Zwergenkönig Laurin und sein Volk sowie verbündete Riesen besiegen können. Laurin wird von den Helden mit nach Bern geführt, wo er verpflichtet wird, zukünftig die Funktion des Gauklers zu übernehmen. 
Auch im ‚Laurin’ spielen Herausforderung und Befreiung eine entscheidende Rolle. Die Zerstörung des Rosengartens und das sinnlose Trachten nach Gewalt und einer Herausforderung führen in die Niederlage Witeges und auch Dietrich kann nur aufgrund der Heldengemeinschaft, die zur Hilfe kommt, siegen. Die gewaltige Schlacht der Helden gegen die Zwerge und verbündete Riesen steht wieder ganz im Sinne der Befreiung von bedrängten Personen. Hier ist es Kunhilt, die von Dietrich und seinen Gefährten aus ihrer Gefangenschaft bei den Zwergen befreit wird.

Dietrich im Kampf mit dem Zwergenkönig Laurin
(https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/2e/Bozen_Laurin.jpg)

Mit dem ‚Rosengarten zu Worms’ handelt es sich um eine weitere Erzählung um den Helden Dietrich von Bern, die zur ‚Aventiurehaften Dietrichepik’ gezählt wird und spätestens Anfang des 14. Jahrhunderts entstand. Anders als in den bisher vorgestellten Heldenepen kämpft Dietrich in dieser Erzählung nun nicht mehr gegen wundersame Wesen oder Ungeheuer, sondern gegen eher menschliche Gegner. Im ‚Rosengarten zu Worms’ findet eine Verbindung der Dietrichepik mit dem Nibelungenlied statt. Kriemhilt ist die Hüterin eines Rosengartens zu Worms, der von zwölf Helden, von denen einer Siegfried ist, bewacht wird. Insgesamt ist der Heldenepos stark variant überliefert und es können mehrere Versionen unterschieden werden. Das Handlungsgerüst aller Fassungen ist jedoch die von Dietrich und seinen Gefährten bestandene Herausforderung zu Kämpfen im Wormser Rosengarten: Kriemhilt wünscht sich mutwillig ein Kräftemessen zwischen ihrem Verlobten Siegfried und dem ruhmreichen Dietrich. Ein Herzog vom Wormser Hof bringt daraufhin einen Brief mit einer Herausforderung zum Kampf nach Bern: Dietrich solle mit elf weiteren Helden gegen die zwölf Bewacher von Kriemhilts Rosengarten kämpfen. Nach anfänglichem Zorn und Unverständnis über diese grundlose Forderung, zu kämpfen, stimmt Dietrich schließlich zu und reist nach Worms, um den Hochmut Kriemhilts zu strafen. In Worms angekommen finden dann die zwölf im Schreiben angekündigten Reihenkämpfe zwischen den Helden um Dietrich und den teilweise riesenhaften Bewachern des Rosengartens statt. Der Kampf zwischen Dietleip und dem Wächter Walther endet unentschieden, während in allen anderen Kämpfen, auch wenn es teilweise Verzögerungen und Komplikationen gibt, Dietrich und seine Helden siegen können. Nach dieser Niederlage ist Kriemhilt von ihrem Hochmut kuriert und gibt die Sorge um die Erhaltung des Rosengartens auf. Dietrich und seine Gefährten kehren nach Bern zurück, wo ein großes Fest für die siegreichen Helden gefeiert wird. Die Kritik an sinnloser Gewalt ist auch im ‚Rosengarten zu Worms’ entscheidend. Hier ist es sogar Dietrich selbst, der die grundlose Forderung Kriemhilts, zu kämpfen, kritisiert und sich ihr erst widersetzt. Durch die Annahme der Herausforderung wird Dietrich jedoch zum Bezwinger der grundlosen Gewalt und seine Entscheidung und die damit verbundenen Kämpfe so legitimiert.

Der feuerspeiende Dietrich im Kampf gegen Siegfried
(https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/8/86/Dietrich_and_Siegfried.png)

Der letzte Text, der zur ‚Aventiurehaften Dietrichepik’ gezählt wird, ist der ‚Wunderer’, der erst im 15. Jahrhundert überliefert ist, dessen Entstehung aber vermutlich auch schon im 13. Jahrhundert liegt. Auch hier kämpft Dietrich zwar mit einem eher menschlichen Gegner, kommt aber mit der Zauberei in Berührung, die ihm in seinem Kampf hilft: Während eines Fests am Hof von Etzel taucht plötzlich ein schönes Mädchen auf, das um die Hilfe der Anwesenden gegen den Wunderer und seine jagenden Hunde bittet. Sie informiert alle darüber, dass sie aufgrund eines abgelegten Keuschheitsgelübdes von Gott drei wunderbare Gaben erhalten habe: Sie könne jeden Menschen auf den ersten Blick durchschauen, ihr Segen mache unbesiegbar und sie könne sich an jeden beliebigen Ort zaubern. Während alle die Bitte des Mädchens ablehnen, ist es Dietrich, der seine Bereitschaft, für den Schutz des Mädchens zu kämpfen, ausspricht und deshalb mit dem Schutzsegen belegt wird. Als der Wunderer mit seinen Hunden in die Burg des Mädchens eindringt, tötet Dietrich zunächst die Hunde und stellt den Wunderer zur Rede. Dietrich erfährt, dass der Wunderer ein Königssohn sei, dem das Mädchen von ihrem Vater zur Ehe versprochen worden wäre. Da sie ihn verschmähe, habe er geschworen, sie zu fressen, damit sie keinen anderen Mann heiraten könne. Mehrere Tage folgen Kämpfe zwischen Dietrich und dem Wunderer. Schließlich kann Dietrich im Zorn Feuer speien und seinem Gegner den Kopf abschlagen. Nach dem erfolgreichen Kampf wird für Dietrich ein großes Fest gefeiert. Wie in den bereits behandelten Dietrichepen ist es auch im ‚Wunderer’ die Befreiung des vom Wunderer bedrängten Mädchens, die die Aventiure Dietrichs als soziale Tat legitimiert und damit auf eine höhere Stufe stellt. 

Die zahlreichen Kämpfe, die innerhalb der ‚Aventiurehaften Dietrichepik’ von Dietrich von Bern gegen allerlei phantastische Wesen ausgefochten werden, haben gezeigt, dass Dietrich als ein Held auftritt, der bei sinnloser Gewaltanwendung und grundlosen Kampfherausforderungen eher zögernd reagiert und erst bei wichtigen Anlässen – v.a. der Bedrohung von Bedrängten durch teilweise überstarke Gegner und der mögliche Befreiungsschlag (Frauendienst) – keinerlei Gefahr scheut und sich jedem Widersacher entgegenstellt. Gewalt und Gewaltregulierung sind damit wichtige Leitthemen, die innerhalb der ‚Aventiurehaften Dietrichepik’ immer wieder neu be- und verhandelt werden. Die große Popularität der ‚Aventiurehaften Dietrichepik’ beruhte aber wohl vorrangig auf den phantastischen Abenteuern Dietrichs, der teilweise komischen Gewalt und den immer wiederkehrenden wundersamen Gegnern. 

Zum Weiterlesen:
  • de Boor, Helmut: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter 1250-1350 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zur Gegenwart III.1), neubearbeitet von Johannes Janota, München 1997. 
  • Heinzle, Joachim: Einführung in die mittelhochdeutsche Dietrichepik, Berlin 1999. 
  • Lienert, Elisabeth: Mittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einführung (Grundlagen der Germanistik 58), Berlin 2015.
  • Millet, Victor: Germanische Heldendichtung im Mittelalter, Berlin 2008.

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