Sonntag, 20. September 2015

Die Ehefrauen Heinrichs VIII., Teil: Katharina von Aragon



Heinrich VIII. als junger Mann (um 1509), https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_VIII._%28England%29#/media/File:Henry_VIII_%28reigned_1509-1547%29_by_English_School.jpg

Dieses Bild zeigt den schon fast legendären englischen König Heinrich VIII. (1491-1547) im Alter von etwa 18 Jahren. Bekannt wurde er unter anderem dafür, dass er die Reformation in England entscheidend vorantrieb, aber auch für seine insgesamt sechs Ehen, von denen zwei mit der Enthauptung seiner Gattinnen endeten. Während meistens Heinrich selbst im Fokus der Aufmerksamkeit steht, werden wir uns in unserer neuen kurz!-Reihe mit seinen Ehefrauen beschäftigen. Im ersten Teil der Reihe wird es deshalb um seine erste und langjährigste Ehefrau Katharina von Aragon (1485-1536) gehen.





Katharina von Aragon, Porträt von Michael Sittow, https://de.wikipedia.org/wiki/Katharina_von_Aragon#/media/File:Michel_Sittow_002.jpg

Katharina wurde 1485 als Tochter von Ferdinand von Aragon und Isabella von Kastilien geboren. Sie war das jüngste von fünf Kindern des Paares, die die Kindheit überlebten. Bereits 1489 wurde ihre Ehe mit dem gerade zweijährigen englischen Thronfolger Arthur (1486-1502) vereinbart, die ein Bündnis zwischen England und Spanien besiegeln sollte. Als „Nesthäkchen“ der Familie wuchs Katharina überwiegend bei ihrer Mutter auf, erhielt aber, ebenso wie ihre Schwestern, eine beinahe identische Erziehung wie ihr Bruder, der spanische Thronfolger. Nachdem sich ihre Reise nach England aufgrund der politischen Situation, ihres Gesundheitszustands und des Wetters immer wieder verzögert hatte, erreichte Katharina schließlich im Oktober 1500 Plymouth, wo sie von der Stadtbevölkerung begeistert empfangen wurde. Dort traf sie auch zum ersten Mal auf ihren zukünftigen Schwiegervater, König Heinrich VII. (1457-1509) und ihren Verlobten Arthur. Die Hochzeit selbst fand im November statt und bald danach kehrten Katharina und ihr Ehemann zu dessen Herrschaftsgebiet nach Wales zurück. Jahre später berichtete einer von Arthurs Dienern, dass dieser in der Zeit nach der Hochzeit häufig die Gemächer seiner Frau aufgesucht hatte, man also davon ausgehen kann, dass die Ehe vollzogen worden und damit rechtskräftig war. Gut ein halbes Jahr nach der Eheschließung, um Ostern 1502, erkrankte Arthur vermutlich an einem Lungenleiden oder einer schweren Grippe und starb eine Woche später im Alter von nur 16 Jahren.

Zunächst hoffte man, Katharina wäre bereits schwanger von Arthur (man ging also davon aus, dass die Ehe vollzogen worden sei) und dass es somit bald einen Thronfolger geben würde, doch diese Hoffnungen erfüllten sich nicht. Damit rückte der zweite Sohn des englischen Königs, der gerade elfjährige Heinrich, an die erste Stelle der Thronfolge. Durch den frühen Tod ihres ersten Ehemannes und die nicht eingetretene Schwangerschaft hatte Katharina nun einen unsicheren Status in England inne. Während ihre Eltern versuchten, sie nach Spanien zurückzuholen, nutzte Heinrich VII. in erneuten Verhandlungen mit Spanien den Vorteil aus, dass er eine spanische Prinzessin in seiner Gewalt hatte. Katharina wurde zum Druckmittel und Spielball im Ringen um Macht und Zugeständnisse. Teil der Gespräche zwischen den beiden Ländern war wiederum eine Heirat mit dem neuen englischen Thronfolger Heinrich. Durch ihre erste Ehe war Katharina jedoch in den Kreis seiner direkten Verwandten eingetreten, weshalb für eine Hochzeit eine päpstliche Erlaubnis notwendig war, da Ehen zwischen nahen Verwandten eigentlich verboten waren. Zudem wurde sowohl Katharinas Eltern als auch dem englischen Königspaar versichert, dass sie noch Jungfrau sei, was im Widerspruch dazu stand, dass man nach Arthurs Tod noch auf eine Schwangerschaft gehofft hatte. Später sollte die Frage nach ihrer Jungfräulichkeit entscheidend werden. So wurde der junge Heinrich zunächst mit der Witwe seines verstorbenen Bruders verlobt.

Die folgenden Jahre verbrachte sie dennoch in großer Unsicherheit über ihre Stellung und Zukunft in England, einem ihr fremden Land, dessen Sprache und Gepflogenheiten sie nur schlecht beherrschte. Man kann sich unschwer vorstellen, wie schwer es für die junge Witwe gewesen sein muss, sich in dieser Situation zurecht zu finden. Hinzu kam, dass Heinrich VII. zunehmend am Nutzen der Verbindung mit Spanien zweifelte und die Verlobung des jungen Heinrich mit der spanischen Prinzessin 1505 zunächst aufgelöst wurde. Die Zeiten der Unsicherheit für Katharina endeten erst mit dem Tod Heinrichs VII. im Jahre 1509. Schnell stand für seinen Sohn, der nun König Heinrich VIII. war, fest, dass er die Ehe mit der sechs Jahre älteren Prinzessin eingehen wollte. David Starkey, der eine ausführliche Studie zu den Ehefrauen Heinrichs VIII. vorgelegt hat, vermutet, dass der junge König diesen Schritt zum einen ging, weil er dadurch zeigen wollte, dass er trotz seiner Jugend (er war gerade 18 Jahre alt) wie ein Erwachsener lebte und freie Entscheidungen traf. Zum anderen wollte er Katharinas Vater Ferdinand als Verbündeten im Konflikt mit Frankreich behalten. Doch nicht nur politische Erwägungen sondern auch Katharinas Attraktivität dürfte eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben (Starkey, David, Six Wives, S. 112).

Bald nach der Hochzeit im Herbst 1509 wurde die erste Schwangerschaft der neuen Königin von England bekanntgegeben, die jedoch schon im Januar 1510 mit einer Fehlgeburt endete, der in den folgenden Monaten eine Art Scheinschwangerschaft folgte. Bald darauf wurde Katharina jedoch erneut schwanger. Die letzten Wochen vor der Geburt verbrachte sie, wie zu dieser Zeit üblich, in einem verschlossenen, abgedunkelten Raum liegend. Neujahr 1511 gebar sie den ersehnten Thronfolger. Die Freude darüber war so groß, dass Heinrich VIII. verfügte, dass Wein aus Londons Brunnen fließen und Salutschüsse zu Ehren des Babys abgefeuert werden sollten. Sie währte jedoch nicht lang: Bereits wenige Tage nach der Geburt starb der junge Prinz.

Nach diesen Enttäuschungen stürzte sich Heinrich VIII. im Rahmen der Italienischen Kriege (mehrere Kriege, die zwischen 1494 und 1559 stattfanden) in eine  Auseinandersetzung mit Frankreich und auch Katharina konnte sich für den Feldzug begeistern und trieb vor allem die Vergrößerung der englischen Flotte voran. Sie war insofern eine Schlüsselfigur der Ereignisse, da sie die anglo-spanische Allianz zusammenhielt. Dennoch saß sie ständig zwischen den Stühlen. Zunächst lenkte sie ihren jungen Ehemann eher im Sinne ihres Vaters, begann jedoch zunehmend, im Interesse ihres Mannes zu handeln und nahm eine wichtige Stellung im diplomatischen Austausch mit Spanien ein. Während Heinrich in Frankreich weilte, regierte Katharina für einige Monate an seiner Stelle in England und es gelang ihr, einen schottischen Einfall von Norden her erfolgreich abzuwenden. Zur gleichen Zeit feierte auch ihr Mann in Frankreich militärische Siege. Der Krieg erwies sich für beide als großer Erfolg und die Popularität der Spanierin in England wuchs.
Auf die Triumphe des Krieges folgten harte Zeiten für Katharina: Sie erlitt erneut eine Fehlgeburt und es kam zum Bruch zwischen ihrem Gatten und ihrem Vater. Ihr Mann ließ seinen Ärger über die spanischen Verbündeten immer wieder an ihr aus. England nahm Friedensverhandlungen mit Frankreich auf, die durch eine Ehe zwischen Heinrichs VIII. Schwester und dem französischen König Ludwig XII. (1462-1515) besiegelt werden sollten. Durch das Ende des Bündnisses zwischen Spanien und England war Katharinas Ehe quasi die Grundlage entzogen worden, sodass ihre Position zunehmend unsicherer wurde. Eine weitere Schwangerschaft der Königin endete mit einer Frühgeburt. Bessere Zeiten kamen erst, als der Schulterschluss zwischen Frankreich und England auseinanderbrach und sie 1515 erneut schwanger wurde. Diesmal verlief die Schwangerschaft ohne größere Komplikationen und Katharina gebar eine gesunde Tochter, die nach Heinrichs VIII. Schwester Maria benannt wurde. Jedoch handelte es sich dabei nicht um den lange ersehnten Thronfolger und eine erneute Schwangerschaft ließ weitere zwei Jahre auf sich warten. Wieder bekamen Heinrich VIII. und Katharina ein Mädchen, das nur wenige Tage nach der Geburt verstarb.
Der König verlor zunehmend das Interesse an seiner alternden Gattin, die von sieben Schwangerschaften in neun Jahren, den zahlreichen Fehlgeburten und frühen Toden ihrer Kinder inzwischen deutlich gezeichnet war und ihre optische Attraktivität eingebüßt hatte. Katharina selbst wandte sich in dieser Zeit zunehmend der Bildung und Religion zu, kümmerte sich um die Erziehung ihrer einzigen Tochter Maria, zog sich mehr und mehr zurück und begann, sich wieder stärker auf ihre spanische Herkunft zu besinnen. Das einzige, was die Eheleute tatsächlich noch zusammenhielt, war ihre gemeinsame Tochter. Ungebrochen war jedoch Katharinas Popularität beim einfachen englischen Volk, die noch einmal gesteigert wurde, als sie sich für die Begnadigung von rund 400 Lehrlingen einsetzte, die 1517 in London einen Aufstand angezettelt hatten. 

Währenddessen war auf dem europäischen Festland Katharinas Neffe Karl V. (1500-1558) auf den römisch-deutschen Thron gewählt worden, was ihr erneut politisches Gewicht verlieh. Es wurde eine Ehe zwischen ihm und der kleinen Maria vereinbart, die zu diesem Zeitpunkt gerade sechs Jahre alt war, um das anglo-spanische Bündnis zu erneuern. Nachdem sich jedoch eine im Herbst 1523 begonnene englische Invasion in Frankreich zu einem Debakel entwickelte, zerbrach es wieder, die Verlobung wurde aufgelöst und Katharina zunehmend isoliert. Heinrich dämmerte immer mehr, dass Katharina ihm wohl keinen Thronerben mehr schenken würde und bald hatte er den Grund dafür ausgemacht: Er war, entgegen biblischer Gesetze, die Ehe mit der Witwe seines Bruders eingegangen („Wer mit der Frau seines Bruders schläft, entehrt seinen Bruder und tut etwas Schändliches. Er und die Frau werden keine Nachkommen haben.“, 2. Mose 20,21). Doch nicht nur Katharinas Kinderlosigkeit und die politische Situation waren eine ernsthafte Bedrohung für ihre Ehe, auch eine andere Frau war in den Fokus von Heinrichs VIII. Aufmerksamkeit gerückt: Anne Boleyn, eine ehemalige Hofdame Katharinas. Diese war nicht Willens, dem Werben des Königs nachzugeben, nur um eine seiner Mätressen zu werden. Vielmehr verfolgte sie ein höheres Ziel: Sie wollte die Königin an der Seite Heinrichs VIII. werden. Und auch Heinrich sehnte sich nach einer jüngeren Frau, die ihm vielleicht doch noch einen legitimen Erben schenken würde. Doch dazu musste er sich zunächst seiner bisherigen Ehefrau Katharina entledigen. Wie er dabei vorging und wer Anne Boleyn war, erfahrt ihr im zweiten Teil unserer kurz!-Reihe über die Ehefrauen Heinrichs VIII.

Zum Weiterlesen:
 Starkey, David, Six Wives. The Queens of Henry VIII, 2004 London.

Kommentare:

  1. Wunderbar, ihr berichtet über einen meiner Lieblingsmonarchen, davon kann ich nicht genug lesen! Freu mich schon auf Anne Boleyn =)

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    1. Hallo Bernsteinhexe,
      es freut uns, dass dir der Artikel gefallen hat! Dann solltest du auf keinen Fall die nächsten Teile unserer kurz!-Reihe verpassen :-)
      Liebe Grüße

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