Sonntag, 19. Juli 2015

Die „Kinderkreuzzüge“ von 1212


Ipso anno [1212] contigit res satis miranda et ideo magis miranda, quia a seculo inaudita“ (In demselben Jahr 1212 ereignete sich eine überaus wunderbare Sache und deswegen so überaus wunderbar, weil sie seit Anbeginn der Welt unerhört war). Mit diesen Worten leitet die zweite Fortsetzung der Kölner Königschronik ein Ereignis ein, das bis heute in der geschichtswissenschaftlichen Forschung zu den Kreuzzügen immer wieder thematisiert und auch wenn es keine eindeutigen Quellen gibt, die dies belegen, als Legende betrachtet wird: der „Kinderkreuzzug“, der 1212 in Speyer seinen Anfang nahm. Dieser und auch der fast gleichzeitig stattfindende französische „Kinderkreuzzug“ sollen im Mittelpunkt dieses Artikels stehen. Es werden dabei zuerst die Charakteristika und die Besonderheiten vorgestellt, um in einem nächsten Schritt beurteilen zu können, ob bei den sogenannten peregrinationes puerorum des Jahres 1212 von „Kinderkreuzzügen“ bzw. Kreuzzügen im eigentlichen Sinne gesprochen werden kann.


Die Geschichte des „Kinderkreuzzuges“ im Heiligen Römischen Reich beginnt mit einem Mann, der in den Quellen als Nikolaus von Köln überliefert ist. Dieser habe, so berichtet der Notar und Kanzler in Piacenza Johannes Codagnellus (1202 - nach 1235) in seinen Annales Placentini, im Jahre 1212 eine Vision gehabt, in welcher ihm ein Engel erschienen sein soll. Der Engel habe Nikolaus den Auftrag gegeben, das Heilige Land von den Sarazenen zu befreien, wobei er mit der Unterstützung Gottes rechnen könne. Aufgrund dieser Vision hätten sich schon schnell viele Menschen um Nikolaus versammelt, um ihm und seinem göttlichen Auftrag zu folgen. Wohl deshalb, so ist es in der bereits erwähnten Fortsetzung der Kölner Königschronik überliefert, hätten mehrere tausend Kinder/Knaben („multa milia puerorum“) im Alter von sechs bis etwa 14 Jahren zwischen Ostern und Pfingsten desselben Jahres gegen den Willen der Eltern, Verwandten und Freunde das Kreuz genommen („crucibus se signaverunt“), um gemeinsam und ausgestattet mit hundert aufgerichteten Bannern nach Jerusalem zu ziehen („Iherosolimam ire ceperunt“). Diese Gemeinschaft sei dabei vom besagten Nikolaus und seiner Vision angeführt worden. Im Juli 1212 habe die Gruppe dann Speyer erreicht und von dort die Reise vermutlich über die österreichischen Alpen nach Italien fortgesetzt, wo sie am 20. August 1212 Piacenza erreichte. Schon hier berichtet Johannes Codagnellus jedoch, dass nicht nur Kinder bzw. Knaben Nikolaus gefolgt seien, sondern, dass auch Frauen und Mädchen in die norditalienische Stadt einzogen. Von da aus sei Nikolaus mit seinen Anhängern weiter über Cremona nach Genua gezogen, das er noch am 25. desselben Monats erreicht habe. Der Stadtchronist Genuas Ogerius Panis beschreibt, dass ungefähr 7000 mit Kreuzen, Trompeten und Gepäck ausgestattete Männer und Frauen, Knaben und Kinder („homines et feminas et pueros et puellas“) die Stadt betreten hätten. Für einen Großteil der Gruppe habe die Reise in Genua geendet, während aus anderen Quellen hervorgeht, dass einzelne kleine Gruppen nach Brindisi, Treviso, Pisa oder Rom aufgebrochen seien.

Gustave Doré: Der Kinderkreuzzug (romantisierende Illustration des 19. Jahrhunderts;
https://de.wikipedia.org/wiki/Kinderkreuzzug#/media/File:Gustave_dore_crusades_the_childrens_crusade.jpg)

Etwa zur selben Zeit, im Juni 1212, soll in der französischen Stadt Cloyes ein jugendlicher Hirte namens Stephan erschienen sein, der die Einwohner der Stadt über eine Begegnung mit Gott unterrichtete. Der Herr sei Stephan, so erwähnt es das Chronicon Laudunensis, in Gestalt eines armen Pilgers („specie peregrini pauperis“) erschienen und habe ihm eine himmlische Botschaft für den französischen König Philipp II. (1156-1223; König 1180-1223) übergeben. Daraufhin habe Stephan sich mit zahlreichen jungen Anhängern, die er aufgrund seiner Botschaft hinter sich vereinen konnte, aufgemacht, um mit der erhaltenen Botschaft Gehör bei Philipp II. zu finden. Da dieser Stephan jedoch abgewiesen habe, sei er weiter nach Saint-Denis gezogen, habe weitere Anhänger um sich versammelt und von dort eine breite Wallfahrtsbewegung in erster Linie junger Leute in Frankreich ausgelöst. Innerhalb dieser Bewegung äußerte sich jedoch anders als bei der Bewegung, die hinter Nikolaus von Köln stand, nie das Vorhaben, in das Heilige Land aufzubrechen. Zwar gibt es einen Bericht des Zisterziensermönchs Alberich von Trois-Fontaine (gest. nach 1252), der ausführt, dass sich ein Teil der Gemeinschaft nach Marseille aufgemacht habe, um dort mit Schiffen überzusetzen, dort aber entweder durch Schiffskatastrophen ums Leben gekommen („due naves perierunt“) oder auf dem Sklavenmarkt in Nordafrika verkauft worden sei („omnes infantes illos principibus Sarracenorum et mercatoribus vendiderunt“), allerdings wird dieser Bericht Alberichs heute stark angezweifelt.
Damit sind die Grundlagen der beiden „Kinderkreuzzüge“ des 13. Jahrhunderts erzählt. Jetzt stellt sich aber die Frage, ob eine Charakterisierung bzw. Übersetzung der in den Quellen häufig so bezeichneten peregrinationes puerorum als „Kinderkreuzzüge“ zulässig ist? Auf der Suche nach einer Antwort müssen beide lateinischen Wortbausteine getrennt voneinander betrachtet werden. Das lateinische Wort peregrinatio bedeutet vor allem so viel wie ‚in die Fremde gehen’, ‚Reise’, aber auch ‚Pilger- oder Wallfahrt’. Wenngleich das Wort auch als ‚Kreuzzug’ übersetzt werden kann, so war in den beiden vorgestellten Fällen wohl kein Kreuzzug im eigentlichen Sinne gemeint. Auffällig ist nämlich vor allem, dass es keinen Aufruf des Papstes zu einem Kreuzzug gab und dieser für 1212 auch nicht nachweisbar ist. Lediglich Papst Innozenz III. (1160/61-1216) forderte im Jahre 1212 die Christenheit vermehrt dazu auf, gegen die Muslime auf der Iberischen Halbinsel (heute: Spanien, Portugal, Andorra und Gibraltar) zu kämpfen. Die Berufung für die Züge Nikolaus’ von Köln und Stephans von Cloyes beruhten vielmehr auf einer göttlichen Aufforderung. Zwar ist im Fall des französischen „Kinderkreuzzuges“ ein Vorhaben der Reise ins Heilige Land explizit gar nicht nachvollziehbar – Stephan ging es augenscheinlich eher um Wallfahrten – , während aber bei Nikolaus überliefert ist, dass Gott selbst ihm aufgetragen habe, ins Heilige Land zu ziehen, um das Heilige Grab von den Sarazenen zu befreien. Allerdings gibt es auch im Falle Nikolaus’ von Köln keinerlei Kreuzzugspropaganda. Nikolaus und Stephan, der zudem wohl mehr durch die Chronisten biblisch zum Hirten stilisiert wurde als das er wirklich Hirte war, beriefen sich also nicht auf einen Aufruf des Papstes, sondern auf eine Engelseingebung bzw. einen göttlichen Befehl.
Auch der zweite Wortbaustein puer/pueri verleitet und verleitete schon zahlreiche Historiker zu einem groben Übersetzungsfehler: Das lateinische Wort meint nicht nur Kinder im heutigen Sinne (pueritia/Kindheit: im Mittelalter von 7 bis 14 Jahren bzw. häufig auch 28 Jahren) oder Knaben, sondern wie auch die Ausführungen Ogerius Panis’ zeigen, waren auch Mädchen, Frauen bzw. überhaupt Erwachsene beiderseitigen Geschlechts Teilnehmer der beschriebenen Züge. Als pueri galten zudem überhaupt alle Personen, die sozial in einem Abhängigkeits- oder Unterwürfigkeitsverhältnis standen (v.a. einfache Bauern) bzw. solche, denen kindliche Attribute (jung, einfach, unschuldig) zugesprochen wurden. Mit puer wollten die Chronisten und Schreiber also weniger auf die Altersstruktur der Züge aufmerksam machen, als mehr auf die Sozialstruktur.
Die „Kinderkreuzzüge“ waren also weniger Kreuzzüge im eigentlichen Sinne. Vielmehr müssen die Züge als ‚Bußzüge’ bzw. ‚Armenzüge’ verstanden werden. Es ging den vermehrt aus bäuerlichen Schichten stammenden Teilnehmern nicht um Eroberung. Die Züge müssen mehr im Kontext der im 11. Jahrhundert einsetzenden und sich im 12. Jahrhundert verstärkenden Armutsbewegungen gesehen werden. Da es erstmals vor allem einfache, arme, bäuerliche Menschen waren, die die peregrinationes ausmachten, und die sich bei ihren Zügen direkt auf eine göttliche Berufung bezogen, stilisierten diese sich gleichsam zu Auserwählten Gottes und glorifizierten ihre Armut als oberste Tugend des Glaubens. So zogen die beiden Züge, deren Teilnehmer sich gleichsam symbolisch als ‚Kinder Gottes’ verstanden, durch die Lande, predigten Armut sowie Demut und kritisierten damit gleichzeitig eine Christenheit und einen Klerus, der geprägt war von Habsucht, Neid und Genusssucht. Die Teilnehmer der Züge waren davon überzeugt, dass die Kreuzritter und Kreuzfahrer zwar reich und machtvoll waren, aber vor allem deshalb immer wieder erfolglos von den Kreuzzügen zurückkehrten, weil sie schlechte Christen waren. Selbst die Zugteilnehmer um Nikolaus von Köln und Stephan von Cloyes sahen sich gerade in ihrer Einfachheit, Armut und Waffenlosigkeit als gute Christen und Alternative zu den gescheiterten bewaffneten Kreuzzügen mit häufig katastrophalem Ausgang an.
Somit nutzten wohl auch vor allem die mittelalterlichen Schreiber und Chronisten der armutsorientierten Reformorden die Bezeichnung peregrinatio puerorum, um die „Kinder(kreuz)züge“ als Züge der sündenfreien, schützenswerten und unschuldigen ‚Kinder Gottes’ aus der Armutsbewegung zu legitimieren und so gegen den Klerus zu schützen, während konservativ-klerikale Autoren in ihren Schriften vor allem bemüht waren, sich gegen diese Bewegung zur Wehr zu setzen.  

Zum Weiterlesen:
Quellen
Chronica regia Coloniensis. Continuatio secunda, ed. von Georg Waitz, in: MGH SS rer. Germ. 18, Hannover 1880, S. 170-197.

Sekundärliteratur
Gäbler, Ulrich: Der 'Kinderkreuzzug' von Jahre 1212, in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte 28 (1978), S. 1-14.
Menzel, Michael: Die Kinderkreuzzüge in geistes- und sozialgeschichtlicher Sicht, in: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters 55 (1999), S. 117-156.
Raedts, Peter: The Children's Crusade of 1212, in: Journal of Medieval History 3 (1977), S. 279-324.
http://www.zeit.de/2012/15/Jaspert-Kinderkreuzzug

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