Martin Luther schlägt seine 95 Thesen an die Türe der
Wittenberger Schlosskirche, Gemälde von Ferdinand Pauwels, 1872. https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/20/Luther95theses.jpg |
Der
Thesenanschlag Martin Luthers (1483-1546) an der Schlosskirche zu Wittenberg am
31. Oktober 1517 ist wohl eine der bekanntesten Szenen der deutschen
Geschichte. Zwar ist heute umstritten, ob dieses Ereignis tatsächlich so
stattgefunden hat, unstrittig ist aber, dass es den Beginn großer Veränderungen
mit sich brachte, die nicht nur die römische Kirche, sondern auch das Leben
vieler Menschen tiefgreifend verändern sollten. In diesem Jahr jährt sich die
Veröffentlichung von Luthers Schrift Disputatio pro declaratione virtutis
indulgentiarum (wie die Thesen im lateinischen Original heißen) zum 500.
Mal. Für den Reformator wäre dies wohl eher überraschend, schließlich rechnete
er zu seinen Lebzeiten selbst bereits dreimal mit dem Weltuntergang (1532, 1538
und 1542). Doch was hatte diese Erwartung des nahenden Endes aller Tage mit
seinem großen Erfolg zu tun und wie beeinflusste sie ihn in seinem Handeln? Mit
diesen Fragen wird sich unser heutiger Artikel auseinandersetzen. Dabei soll
nicht die Theologie Luthers an sich im Vordergrund stehen, sondern vielmehr
deren Einordnung in die Zeit und Ideenwelt des Reformators.
Heute wird
Luther oft als eine der ersten frühneuzeitlichen Persönlichkeiten dargestellt,
die durch ihr aufgeklärtes und fortschrittliches Denken das Ende des
Mittelalters einläuteten. Befasst man sich allerdings mit Luthers Glauben an
das Ende der Welt, so wird deutlich, dass er ein Kind des Spätmittelalters war
und die weit verbreitete Auffassung teilte, dass die Apokalypse unmittelbar
bevorstünde. Nach Angaben aus dem Alten Testament sollte die Welt lediglich
rund 6000 Jahre alt werden, wobei das sechste Jahrtausend nicht zur Vollendung
kommen sollte. Als Zeichen für die nahende Wiederkunft Gottes und die
Wiedererrichtung seines Reiches wurden unter anderem eine zunehmende Abkehr der
Menschen von Gott, der Verfall der Sitten und ein Wandel der sozialen Ordnung
betrachtet. Als weitere “Wehen der Endzeit” galten außerdem Hungersnöte,
Naturkatastrophen und Kriege (Mat 24, 7-8). Ehe das Reich Gottes schließlich
kommen sollte, musste jedoch zunächst der Antichrist, Widersacher Gottes,
überwunden werden, “der sich erhebt über alles, was Gott oder Gottesdienst
heißt, sodass er sich in den Tempel Gottes setzt und vorgibt, er sei Gott.” (2.
Thess 2, 4).
Betrachtet man
nun die Gegebenheiten zu Luthers Lebzeiten, so könnte man durchaus sagen, dass
sich für die meisten dieser Kriterien Beispiele finden lassen: Nach dem
Untergang des Oströmischen Reiches im Jahre 1453 strebten die Osmanen eine
Ausbreitung ihres Reiches nach Westen an, überzogen die angrenzenden Reiche mit
Krieg und kamen dem Heiligen Römischen Reich dabei gefährlich nahe.
Gleichzeitig forderten wiederkehrende Pestwellen immer neue Opfer und vor allem
die Landbevölkerung litt zunehmend unter steigenden Abgabenlasten, die sie
aufgrund von häufigen Missernten oftmals nur schwerlich leisten konnten.
Gleichzeitig strebte das Papsttum nach einer Ausweitung seiner Macht und zeigte
dies durch die Errichtung von Prachtbauten wie dem Petersdom oder der
Sixtinischen Kapelle, während religiöse Aspekte des Nachfolgers Petri auf Erden
zunehmend in den Hintergrund zu treten schienen und die Päpste ein teilweise
ausschweifendes und wenig sittsames Leben führten. Das Ergebnis dieser
Entwicklungen waren politische, gesellschaftliche, aber auch religiöse
Spannungen, die apokalyptische Ideen weiter befeuerten. Obwohl die Wiederkunft
Gottes schließlich das Ende des Übels in die Welt bringen sollte, war die
Vorstellung vom baldigen Ende der Zeit doch beunruhigend und die Menschen
suchten nach Heil und Erlösung. Dabei waren sie auch bereit, sich dies zunächst
in Form von Ablässen zu erkaufen. Gegen diese Praxis wandte Martin Luther sich in
seinen 95 Thesen.
Luther selbst
war überzeugt davon, dass er in der letzten Zeit lebte. Gleichzeitig war er
getrieben von Fragen nach Gottes- und Gnadengewissheit aber auch von der
Überzeugung seiner eigenen Unzulänglichkeit. Wie so viele seiner Zeitgenossen
war auch er auf der Suche nach Heil, das er zunehmend im Studium der Bibel
fand. Dies führte dazu, dass er dem gängigen Bild eines strafenden und
furchteinflößenden Gottes das eines gnädigen Herrn entgegenstellte. Nicht
äußerliche religiöse Zeichen, wie sie in der Römischen Kirche stark ausgeprägt
waren, sondern die innere Haltung Gott gegenüber und das gute Gewissen jedes
einzelnen wurden für ihn entscheidend. Diese Erkenntnisse empfand Luther jedoch
nicht als neuartig, sondern vielmehr als eine Rückkehr zu den Ursprüngen des
Christentums. Anstatt sich auf das zu verlassen, was der Papst und die Römische
Kirche lehrten, plädierte er dafür, sich wieder allein auf die Heilige Schrift
zu besinnen. Er gelangte zunehmend zu der Erkenntnis, dass die Wiederentdeckung
des wahren Evangeliums und die Wiedererrichtung der göttlichen Ordnung
Voraussetzungen dafür waren, dass Gott wiederkehren könne. Luther musste schon
bald feststellen, dass seine Kritik zwar von den Mächtigen in der Römischen
Kirche gehört wurde, aber keinesfalls Zustimmung fand. Stattdessen wurde ein
Häresieprozess gegen ihn angestrebt. Er gelangte zu der Überzeugung, dass die
eigentliche Bedrohung für den christlichen Glauben am Ende der Zeit nicht von
außen, sondern aus der Kirche selbst kommen würde. Für Luther, der vom nahenden
Weltuntergang überzeugt war, waren alle Zeichen für die biblische Apokalypse
erkennbar. Einzig der Antichrist als Widersacher Gottes musste sich noch
offenbaren. Schließlich kam Luther zu dem Schluss, dass dies der Papst selbst
sein musste. Vor allem die Idee der Unfehlbarkeit des Papstes, die zu diesem
Zeitpunkt zwar noch nicht von einem Konzil bestätigt worden war (dies geschah
erst 1870 auf dem 1. Vatikanischen Konzil), aber dennoch von der Römischen
Kirche beansprucht wurde, war für den Reformator ein eindeutiges Indiz: An der
Spitze der Kirche stand ein Mann, der beinahe gottgleiche Macht für sich
reklamierte, gleichzeitig aber eine Rückkehr zum ursprünglichen Christentum und
zur Wiederbesinnung auf die Heilige Schrift verweigerte. Luther gelangte zu der
Ansicht, dass der Papst die Menschen vom Glauben an Christus weg und zum
Glauben an sich selbst hintreibe, genau wie es im Zweiten Brief des Paulus an
die Thessalonicher (siehe oben) beschrieben worden war. Bald veröffentlichte er
seine Vermutung und fortan tauchten immer wieder Darstellungen des Bischofs von
Rom als Antichrist auf reformatorischen Flugblättern auf.
Christus treibt die Wucherer aus dem Tempel, Holzschnitt von Lucas Cranach dem Älteren, 1521. http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/images/Moneychangers.jpg |
Für Luther
selbst bedeutete diese Erkenntnis, dass er von nun an unermüdlich dafür
kämpfte, das ursprüngliche Christentum zu erneuern und die seiner Ansicht nach
ursprüngliche und einzig an der Bibel orientierte Lehre zu reetablieren. Er
fühlte sich in seinem Handeln durch den Gedanken bestärkt, dass er selbst als
eine Art Wegbereiter für die Wiederkunft des Herrn fungieren konnte.
Auch in der
öffentlichen Wahrnehmung half der Glaube an das baldige Ende der Welt der
Verbreitung von Luthers reformatorischen Ideen: So wurde er von vielen, die
seinen Ideen zugeneigt waren, als Werkzeug Gottes oder aber als letzter Prophet
vor der Apokalypse betrachtet. Auf Darstellungen wurde er beinahe wie ein Heiliger
abgebildet, mit einer Art Nimbus und einer Taube. Diese öffentliche Wahrnehmung
verlieh ihm und seinen Lehren zusätzliche Autorität.
Martin Luther als Heiliger, Holzschnitt von Hieronymus Hofer, nach
1519. http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/images/Luther-Holy%20Man.jpg |
Der Glaube an
das unmittelbar bevorstehende und von Luther sogar noch zu seinen Lebzeiten
erwartete Ende der Welt war in der spätmittelalterlichen Gesellschaft also weit
verbreitet und bildete einen fruchtbaren Nährboden für die Ideen Luthers, der
zunächst keine Kirchenspaltung im Sinne hatte, sondern lediglich die Römische
Kirche dazu ermahnen wollte, sich wieder mehr der Schrift und den
ursprünglichen Lehren zuzuwenden. Als dies scheiterte und Luther zu der
Überzeugung gelangte, dass der endzeitliche Widersacher Gottes mit dem Papst
gleichzusetzen sei, trat er immer unerbittlicher auf und kämpfte unermüdlich
für die Rückbesinnung auf die Anfänge des Christentums, um so alles für die
Wiederkehr Gottes und die Apokalypse vorzubereiten. Damit trug der weit
verbreitete Glaube, dass die Endzeit nahe war, entscheidend zur
Durchschlagskraft der Reformation bei.
Zum
Weiterlesen:
Leppin, Volker,
Die Reformation, Darmstadt 2013.
Obermann, Heiko
A., Luther. Mensch zwischen Gott und Teufel, Berlin 2016.
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