Sonntag, 8. Juni 2014

Der Hexenhammer

Dass gewisse Bücher durch ihren Inhalt Spuren in der Geschichte hinterlassen, ist keine Seltenheit. Selten jedoch ist ein Buch erschienen, das durch seine Wirkungsmacht solche schrecklichen Konsequenzen für die von ihm Betroffenen nach sich gezogen hat wie der Malleus Maleficarum, der sogenannte Hexenhammer.

Dieses Werk, das als die legitimierende Grundlage für die Hexenverfolgungen der Frühen Neuzeit angesehen werden kann, erschien erstmals 1486 gedruckt in Speyer. Es erwies sich bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts als überaus erfolgreich und erlebte 29. Nachauflagen. Somit handelt es sich beim Hexenhammer zwar um eines der meistgedruckten Werke der Frühen Neuzeit, es wurde jedoch niemals von einem geistlichen oder weltlichen Herrscher anerkannt. Heute steht fest, dass der Hexenhammer wohl eigenständig von dem Dominikaner und Inquisitor Heinrich Kramer (ca. 1430-1505) verfasst wurde. Die These, dass Jakob Sprenger (1435-1495) seines Zeichens auch Dominikaner und Inquisitor als Mitautor des Hexenhammers gewirkt habe, gilt in der Forschung mittlerweile als widerlegt. Ihren Ausgangspunkt hatte diese Vermutung in der Tatsache, dass auf den frühen Titelblättern häufig auch Sprengers Name zu finden gewesen war. Sprenger selbst jedoch versuchte gegen das Auftauchen seines Namens auf den Titelblättern vorzugehen und positionierte sich später eindeutig als Gegner der Hexenverfolgung.

Gegliedert ist der Hexenhammer in drei Bücher. Während der erste Teil darüber „aufzuklären“ versucht, was Zauberei im Allgemeinen sei und wie und woran man den Teufel, Hexen und Hexer erkennen könne, beschäftigt sich das zweite Buch vermehrt mit den vermeintlichen bösen Taten, den Malefizien, und hier explizit von Hexen. Diese Malefizien würden einzig darauf abzielen, die Mitmenschen möglichst umfassend zu schädigen. Im Folgenden werden dann in einer langen Aufreihung von Anschuldigungen unter anderem folgende „Delikte“ den Hexen zugeschrieben: die Verwandlung von Menschen in Tiere, das Heraufbeschwören der männlichen Impotenz, die Infizierung mit gefährlichen Krankheiten sowie die Beeinflussung des Wetters mit dem Ziel, die Ernteeinträge der Menschen zu verringern beziehungsweise gänzlich zu vernichten. Das Schlusskapitel dieses Buches macht zudem deutlich, dass es kaum ein Mittel gebe, sich gegen diese magischen Taten zur Wehr zu setzen oder sich vor diesen zu schützen. Daran anknüpfend versucht das dritte Buch dann aber doch, mögliche Gegenmittel aufzuzeigen, die sich letztlich hauptsächlich um die richtige Prozessführung drehen. Da es sich bei den Verhandlungen um Inquisitionsprozesse handelte, erforderten diese ein Geständnis der Angeklagten, um den Schritt der Verurteilung einzuleiten. Folglich thematisierte das dritte Buch vermehrt Verhörmethoden, die richtige Anwendung der Folter (zahlreiche Frauen hatten schlicht nichts zu gestehen und wussten, dass ein Geständnis sie belasten würde, daher schwiegen sie), die verschiedenen möglichen Strafen und schließlich die Arten der Ausrottung.

Kramer schuf mit seinem Buch keineswegs etwas Neues, sondern er trug vielmehr die bereits in früherer Hexenliteratur beschriebenen Elemente zusammen und erweiterte diese zu einer tatsächlichen Enzyklopädie der Hexerei. Diese wurde zu einem Handbuch der Hexenverfolgung und durch ihre Ratschläge zu einem Hilfsmittel in Hexenprozessen. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern zeichnete sich der Hexenhammer durch seine enorme Frauenfeindlichkeit aus. Hexer verschwanden in ihm beinahe völlig und „die Hexe“ wurde zum Inbegriff des Bösen und zu einem Feindbild stilisiert, das es zu verfolgen, wenn nicht gar zu töten galt.

Es wäre falsch, dem Hexenhammer und somit seinem Verfasser die Schuld an den Hexenverfolgungen im Allgemeinen zuzuschreiben. Genauso falsch wäre es jedoch, seine Wirkung zu unterschätzen. Mit Sicherheit begünstigte und legitimierte sein Text die massenhaften Verfolgungen und Ermordungen von Frauen als Hexen zwischen 1500 und 1700, was an erhöhten Prozesszahlen nach seiner Veröffentlichung abgelesen werden kann. Gleichzeitig gilt es jedoch darauf hinzuweisen, dass es auch schon vor seinem Erscheinen Prozesse und Hinrichtungen gegeben hatte.


Für alle drei Bücher des Hexenhammers in deutscher Übersetzung von 1923 siehe: http://www.koeblergerhard.de/Fontes/HexenhammerSprenger1923.pdf 
Für einen ersten Zugriff lohnt sich vor allem ein Blick in die detaillierten Inhaltsverzeichnisse.

Keine Kommentare:

Kommentar posten