Sonntag, 18. März 2018

Die Vitalienbrüder - Mehr als Klaus Störtebekers Seeräuberbande

„Es sind schon über fünftehalb hundert Jahre vergangen, da hausete lange Zeit auf der Ostsee eine grausame Bande von Seeräubern, welche sich die Victualien- oder Vitalienbrüder nannten, weil sie nur von Raub und Beute lebten, oder auch Liekendeeler, weil man sagt, daß sie alle Beute zu gleichen Theilen unter sich vertheilt hätten. Die Anführer dieser Bande waren Claus Störtebeck und Michael Gädeke.”

So beginnt Jodocus Temme seine im Jahre 1840 in den „Volkssagen von Pommern und Rügen” erschienene Erzählung über eine „Bande von Seeräubern”, wie er sie nennt, die Vitalienbrüder. Um „Claus Störtebeck”, besser bekannt als Klaus Störtebeker, ranken sich zahllose Sagen und Legenden. Seien es die abenteuerlichen Reisen, auf denen sagenhafte Schätze erbeutet wurden, die Darstellung als eine Art “Robin Hood der Meere”, der die Reichen ausraubte und die Beute mit den Armen teilte oder aber seine legendäre Enthauptung in Hamburg nach der er kopflos an seinen Männern vorbei gelaufen sein soll, um diese vor der Hinrichtung zu retten. Klaus Störtebeker ist wohl der bekannteste der Vitalienbrüder. Doch wer waren die fratres vitalienses und woher kamen sie? Mit diesen Fragen wollen wir uns in diesem kurz!-Artikel beschäftigen.


Vor allem in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts mehrten sich im Nord- und Ostseeraum Überfälle auf See und an Stränden enorm. Oft waren es niedere Adlige, die zunehmend zu verarmen drohten und sich deshalb an die Spitze von Räuberbanden setzten. Unter anderem als Reaktion darauf, hatte sich die sogenannte Städtehanse als Zusammenschluss norddeutscher Städte gegründet, um den Fernhandel sicherer und damit auch lukrativer zu gestalten. Hinzu kamen aufkeimende Machtkonflikte zwischen den Landesherren Ostfrieslands mit unterschiedlichen politischen Interessen, die zu einem stark ausgeprägten Fehdewesen führten und aufgrund der Nähe zur See konsequenterweise nicht nur zu Land sondern auch zu Wasser ausgetragen wurden. Dazu heuerten viele Herren Seeräubergruppen an, um Handelsschiffe ihrer Feinde zu überfallen und so deren Wirtschaftskraft zu schwächen. Nicht nur Ostfriesland, auch der Ostseeraum war Schauplatz zahlreicher Auseinandersetzungen. Daran beteiligt waren unter anderem die Hanse, König Waldemar IV. von Dänemark (um 1321-1375) und Albrecht II., Herzog zu Mecklenburg und König von Schweden (1318-1379). Sie konnten jedoch zunächst im Jahr 1370 mit dem Frieden von Stralsund beigelegt werden. Doch anstatt die Sicherheit für Handelsschiffe zu erhöhen, beförderte die Übereinkunft ungewollt die Freibeuterei: Die zahlreichen, für den Krieg angeheuerten Söldner ließ der Friedensschluss ohne Tätigkeit und damit ohne Sold zurück, was sie in Scharen dem Seeräuberwesen in die Arme trieb. Doch bald sollten sie neue Aufträge erhalten.

Die Ostsee um ca. 1400, von Onno Gabriel, https://de.wikipedia.org/wiki/Vitalienbrüder#/media/File:VitalienbruederOstsee.png 

Nachdem Waldemar IV. im Jahre 1375 verstorben war, ohne einen Nachfolger zu hinterlassen, entbrannte der Streit um die Thronfolge: Sowohl das Haus Mecklenburg als auch die norwegische Königin Margarethe I. (1353-1412), Tochter des Verstorbenen und Gattin des Norwegischen Königs  Håkon VI. Magnusson (um 1341-1380), beanspruchten den dänischen Thron, letztere im Namen ihres unmündigen Sohnes Olaf (1370-1387). Währenddessen forderte die Hanse das ihr im Frieden von Stralsund zugesicherte Mitspracherecht bei der Königswahl ein. Erneut wurde die Seeräuberei als legitimes Kriegsmittel eingesetzt, Freibeuter wurden von ihren jeweiligen Auftraggebern mit Kaperbriefen ausgestattet, die ihnen gestatteten, rechtlich abgesichert ,gegnerische Schiffe zu überfallen oder zu versenken. Vor allem Albrecht II. löste einen enormen Kaperkrieg aus. Als dieser jedoch 1379 starb und sein Sohn einem Waffenstillstand zustimmte, verloren die Freibeuter ihren Auftraggeber und Schutzherren und damit auch ihre Existenzgrundlage. Wer nun weiterhin kaperte, beging ein Verbrechen. Aus dieser Not heraus wurde die Idee geboren, sich in Gruppen von Seeräubern zusammenzuschließen und sich in einer gemeinsamen Organisation gegenseitig Schutz zu bieten. Bald erkannte auch die Hanse diese Entwicklung und bot bereits 1381 zwei Vereinigungen von Kaperern einen befristeten Frieden an. Daraus lässt sich folgern, dass deren Organisationsform bereits so ausgereift und mächtig war, dass die Hanse sie als Verhandlungs- und Vertragspartner auf Augenhöhe betrachtete. Mit Ende des befristeten Friedensschlusses im November 1382 traten die Seeräuber noch mächtiger in Erscheinung als je zuvor und erst im September 1386 gelang es der Hanse, unter Vermittlung Königin Margarethes I. einen erneuten Frieden auszuhandeln.

Margarethe I. war es nicht nur gelungen, ihren minderjährigen Sohn Olaf auf den dänischen Thron sondern nach dem Tod ihres Mannes, König Håkon VI. Magnusson, im Jahre 1380 auch auf den norwegischen Thron zu setzen. Sie selbst herrschte de facto als seine Regentin. Als Olaf jedoch im Alter von nur 17 Jahren 1387 ebenfalls verstarb, schaffte seine Mutter es, beide Throne zu besteigen. Zudem unternahm sie Bemühungen, Albrecht III. von Mecklenburg (1338-1412), den König von Schweden, zu stürzen und so auch den schwedischen Thron zu besteigen, was ihr überraschend leichtfiel. Lediglich die Stadt Stockholm hielt ihrem König die Treue. Als dieser sich aufmachte, seinen rechtmäßigen Thron zurückzuerobern, geriet er mit seinem Sohn Erich in Gefangenschaft. Seine verbliebenen Unterstützer besannen sich wieder auf die bereits zuvor in ihren Diensten tätig gewesenen Kaperfahrer, die sich inzwischen von vielen kleinen zu einer großen Dachorganisation entwickelt hatten. Ab etwa 1390 taucht für sie in Quellen der Name fratres Vitalienses auf. Dies deutet auf eine feste Bruderschaft mit formellem Gründungsakt hin, wie sie im Spätmittelalter vielfach gegründet worden waren (z.B. die Bruderschaft der Englandfahrer in Hamburg). Ihnen wurden Kaperbriefe ausgestellt, die Rechts- und Versorgungssicherheit versprachen und die mecklenburgische Städte Wismar und Rostock öffneten ihnen ihre Häfen und Märkte, um erbeutete Ware zu verkaufen.

Der Name „Vitalienbrüder” leitete sich vermutlich vom französischen Begriff vitailleurs ab. Als solche wurden unter anderem Seefahrer bezeichnet, die das 1347 belagerte Calais mit Lebensmitteln versorgt hatten. Ob es sich bei dem Namen lediglich um eine Fremd- oder auch eine Selbstbezeichnung handelte, ist aufgrund fehlender Quellen aus der Feder der Bruderschaft selbst nur schwer festzustellen. Eine weitere Bezeichnung, die für sie immer wieder auftaucht ist die der „Likedeeler”, was auf ihre soziale Organisation anspielt, in der die Beute zu gleichen Teilen aufgeteilt wurde. 

Im September 1391 waren die Vitalienbrüder schließlich erstmals an einem mecklenburgischen Vorstoß nach Schweden beteiligt. Auf dem Weg nach Stockholm wurden zunächst einige Orte und Inseln eingenommen, um die Versorgung des eigenen Heeres sicherzustellen, darunter die dänische Insel Gotland. In Stockholm angekommen, gelang zwar eine Beendigung der Belagerung doch blieben Albrecht III. und sein Sohn weiter in Gefangenschaft. In der Folgezeit verübten die Vitalienser im Namen der Mecklenburger zahlreiche Angriffe auf dänische Schiffe und Städte und konnten so ihre Machtstellung enorm ausbauen. Als territoriale Basis der Brüder bildete sich zunehmend die Insel Gotland heraus. Als Albrecht III. und Erich 1395 endlich gegen die Zahlung eines Lösegeldes freikamen, ließ sich letzterer in Visby auf Gotland nieder und scharte zahlreiche Vitalienbrüder mit dem Ziel um sich, Stockholm zurückzuerobern. 1397 stach er mit 42 Schiffen und rund 1200 Mann in See, musste jedoch noch vor Erreichen Stockholms aus gesundheitlichen Gründen umkehren und starb wenig später in Gotland. Auch Schweden fiel so Margarethe I. zu. Erichs Tod bedeutete für die Vitalienbrüder erneut einen Wegfall ihres Auftraggebers und Gotland wurde zunehmend zu einem unkontrollierbaren Seeräubernest. Erst im März 1398 entschied sich der Deutsche Orden in Person seines Großmeisters Konrad von Jungingen zum Eingreifen, landete mit 84 Schiffen und 4000 Mann auf der Insel und vertrieb die Likedeeler. 

Die Nordsee und Ostfriesland, von Onno Gabriel, https://de.wikipedia.org/wiki/Vitalienbrüder#/media/File:VitalienbruederNordsee.png

Neben ihrer Beteiligung am Krieg der Mecklenburger gegen Margarethe I. und der Einrichtung einer Basis auf Gotland war es den fratres Vitalienses in den Vergangenen Jahren nach 1390 auch gelungen, in Ostfriesland Fuß zu fassen. Vor allem das Haus Oldenburg aber auch einige ostfriesische Häuptlinge gewährten ihnen Schutz und stellten sie in ihre Dienste. Auch einige Hansestädte duldeten hinter dem Rücken der Städtehanse, zwar nicht die Anwesenheit der Seeräuber, aber den Handel mit erbeuteten Waren auf ihren Märkten. Dennoch waren die Hanse und Königin Margarethe I. die wohl schärfsten Gegner der Vitalienbrüder. Bald gelang es ihnen, von den Ostfriesischen Häuptlingen die Entlassung der Likedeeler zu erzwingen und eine hanseatische Flotte machte sich im April 1400 auf, um diese aus Ostfriesland zu vertreiben: Rund 80 Brüder wurden getötet, weitere 25 gefangengenommen.

Nach der Vertreibung aus Ostfriesland wandte sich eine Gruppe von Vitaliensern, unter ihnen auch Klaus Störtebeker, nach Holland, wo sie von Herzog Albrecht von Bayern (1336-1404), dem Grafen von Holland, erneut mit Kaperbriefen ausgestattet wurden. Sie erhielten von ihm den Auftrag, von Helgoland aus die Ostfriesen, die Groninger und die Hamburger mit einer Seefehde zu überziehen. Dies entging den Hamburgern keinesfalls und es gelang ihnen, die Seeräuber zu überwältigen. Der anonymer Chronist der zwischen 1400 und 1430 entstandenen Rufus-Chronik berichtet über den Schlag gegen die Bruderschaft auf Helgoland folgendes:

“In deme sulven jare vochten de Engelandesvarer van der Stad Hamborch uppe der zee myt den zeeroveren, de syk vitalyenbroder nomeden, unde behelden den seghe jeghen se. se slughen erer beth den 40 doet by Hilghelande unde vinghen erer by 70. de brachten se myt syk to Hamborch, unde leten en alle de hovede afslan [enthaupten] […] desser vitalien hovetlude [Hauptleute] weren ghenomet Wichman und Clawes Stortebeker.”

Die hamburger Englandfahrer gingen nun immer weiter gegen die Bruderschaft vor, waren sie es doch, die maßgeblich unter deren Kaperei litten. Wenn auch der Begriff “Vitalienbrüder” zu einer Art Synonym für die Freibeuter geworden war und deswegen noch über das Jahr 1401 hinaus in Quellen auftauchte, so ist mit der Hinrichtung der Führungsriege doch vom Ende der Bruderschaft auszugehen. Dies stellte jedoch keinesfalls das Ende der Seeräuberei dar und der Bedrohung durch sie für Handel und Schifffahrt dar. 

Schädel eines auf dem Grasbrook hingerichteten, vermutlich ein Vitalienbruder, um 1400, https://de.wikipedia.org/wiki/Vitalienbrüder#/media/File:Schaedel_mit_Nagel.jpg

Über gute zehn Jahre hinweg stellten die Vitalienbrüder, oder Likedeeler, wie sie auch genannt wurden, eine ernstzunehmende Größe und Bedrohung im Nord- und Ostseeraum dar. Sie waren im Gefüge der norddeutschen Machthaber ein wichtiger Faktor bei der Sicherung von Herrschaft und Macht, die mit Hilfe von Kaperbriefen gewonnen werden konnte.  Dabei scheinen sie jedoch selbst keine territorialen Interessen gehabt zu haben und es gelang ihnen auch nie wirklich, sich selbstständig und unabhängig von Territorialherren zu etablieren. Wie der Generalprokurator des Deutschen Ordens zu berichten wusste, fanden in der Gemeinschaft malefici, omnes profugi sive proscripti (Schandtäter, Flüchtlinge und aus den Städten Verbannte) Zuflucht wie auch die als Ketzer geltenden Lollarden und Waldenser. Sie warren also ein Sammelbecken für allerlei in der hanseatischen Gesellschaft gescheiterten Existenzen. Ihre Gesamtzahl ist schwer zu schätzen, doch gibt der oben zitierte Generalprokurator des Deutschen Ordens für 1392 eine Anzahl von 1500 Brüdern an. Diese könnte in der Blütezeit der Bruderschaft auf Gotland jedoch weit überstiegen worden sein. Anders als Legenden es vielleicht vermuten lassen, waren sie weit mehr als eine Seeräuberbande rund um den berühmten Freibeuter Klaus Störtebeker. Vielmehr handelte es sich um eine organisierte Bruderschaft, die unter dem Kommando mehrerer Hauptleute stand, die jedoch durch die Legendenbildung rund um Störtebeker in der Erinnerung stark in den Hintergrund rückten.

Zum Weiterlesen:

Bracker, Jörgen, Störtebeker - Nur einer von ihnen. Die Vitalienbrüder und ihre Geschichte, in: Klaus Störtebeker. Ein Mythos wird entschlüsselt (Hg. v. Ralf Wiechmann, Günter Breuer und Klaus Püschel), München 2003.

Postel, Rainer, Der Pirat, der Volksheld und der Kopf unter dem Arm, in: Klaus Störtebeker. Ein Mythos wird entschlüsselt (Hg. v. Ralf Wiechmann, Günter Breuer und Klaus Püschel), München 2003. 

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