Sonntag, 7. September 2014

Die Konstantinische Schenkung II

Der erste Teil der Reihe „Die Konstantinische Schenkung“ (hier) erörterte die unterschiedlichen Interpretationen zur Datierung, zum Entstehungsort und zu den möglichen Fälschern der Urkunde, sowie deren Motivation. Außerdem wurde deutlich gemacht, welche Machtfülle der Papst von Kaiser Konstantin vermeintlich geschenkt bekommen hatte. Genau an diesem Punkt setzt dieser zweite Teil an. Es kann nicht sicher gesagt werden, ob die Päpste wussten, dass ihnen eine gefälschte Urkunde vorlag oder nicht: Wahrscheinlich nahmen sie sogar eine mögliche Fälschung in Kauf, um für sich Vorteile aus dieser zu ziehen. 

Die Rezeption der Konstantinischen Schenkung im Mittelalter ist unter mehreren Gesichtspunkten erstaunlich: Zunächst bezogen sich zahlreiche Zeugnisse lediglich auf die Bekehrung zum Christentum und die Taufe Konstantins. Erst Mitte des 11. Jahrhunderts, also mehr als 200 Jahre nach der Entstehung der Fälschung, gibt es einen ersten Verweis auf das Constitutum Constantini und die darin enthaltene Schenkung. Die Entstehung der Urkunde und die Schenkung selbst wurden im Mittelalter hingegen nur sehr selten und vorsichtig infrage gestellt.

Anhand zweier Beispiele wird dieser Artikel den Umgang mit der Konstantinischen Schenkung seitens des Papstes und seiner Kritiker betrachten. Das erste schriftliche Zitat aus der Konstantinischen Schenkung erfolgte Mitte des 11. Jahrhunderts durch Papst Leo IX. (1049-1054) in einem von ihm und seinem Kardinal Humbert von Silva Candida verfassten Libellus, einer Art Streitschrift in Briefform. In seinem Pontifikat versuchte er von Beginn an seine kirchliche Macht zu festigen, indem er eine Reorganisation und Zentralisierung der Verwaltungsstrukturen betrieb. Weiterhin versuchte er den Einfluss des Papsttums über den lateinischen Westen hinaus zu vergrößern: Das Patriarchat Konstantinopel sollte in seinen Machtbereich integriert werden. Der Libellus war also an den Patriarchen von Konstantinopel, Michael Kerullarios I. (1043-1058), adressiert – ein Konflikt zwischen Rom und Konstantinopel herrschte bereits seit dem Beginn der 1050er Jahre. Ob der Libellus jemals abgeschickt wurde, ist unklar, denn ein Versöhnungsschreiben von Michael könnte dem Versenden der Streitschrift zuvorgekommen sein.

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Leo IX. in einer Handschrift aus dem 11. Jahrhundert. Quelle: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/8c/Leon_IX.jpg/150px-Leon_IX.jpg


Um seine Ziele zu erreichen, griff Papst Leo auf die Konstantinische Schenkung zurück. Wie bereits im ersten Teil dargestellt, beinhaltet die Urkunde die Übertragung des Primats über alle anderen Kirchen (Konstantinopel, Antiochia, Alexandria und Jerusalem) auf den Bischof Roms. Mithilfe der Konstantinischen Schenkung versuchte er also sein geistliches Primat, vor allem gegenüber Konstantinopel, durchzusetzen. Leo betonte also diesen Passus und erklärte, dass niemand das Recht besitze, die Entscheidungen des Papstes anzuzweifeln oder sich ihnen zu widersetzen. Die unterschiedlichen, teils radikalen Sichtweisen, führten schlussendlich zur gegenseitigen Exkommunikation. Dadurch wurde das Morgenländische Schisma (die Spaltung zwischen der römisch-katholischen und der orthodoxen Kirche) ausgelöst. Der persönliche Konflikt zwischen Leo und Kerullarios endete mit dem Tod Leos im Jahr 1054.

Nach diesem ersten Verweis Leos IX. kam es zu weiteren Verweisen auf die Konstantinische Schenkung, besonders dann, wenn ein Konflikt zwischen dem Papst und dem Kaiser ausbrach – darunter auch die Auseinandersetzungen der Päpste mit dem staufischen Kaisertum. Das Papstdekret Gregors IX. (1227-1241) Si Memoriam Beneficorum vom 23. Oktober 1236 ist ein signifikantes Beispiel für die Möglichkeit, die Konstantinische Schenkung zugunsten einer gegenwärtigen politischen Situation zu modifizieren und somit einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Die Dominanz Friedrichs II. (1220-1250) in Süditalien gefährdete die Machtstellung des Papstes. Gregor erklärte in seinem Dekret, indem er sich auf die Konstantinische Schenkung berief, dass Kaiser Konstantin schon dem Papst den Primat über rerum et corporum primatum, also über Dinge und Körper, in der ganzen Welt übergeben habe. Das Kaisertum sei zusätzlich durch den Apostolischen Stuhl auf Friedrich II. und alle seiner Vorgänger übertragen worden. Daher sei der Kaiser dem Papsttum unterstellt, schulde dem Papst Gehorsam und habe den Papst als Vater und Lehrer anzusehen. 

Neben diesen Beispielen berief man sich auch in den Konflikten zwischen Barbarossa (1122–1190) und Hadrian IV. (1154–1159), zwischen König Philipp IV. (1285-1314) und Bonifaz VIII. (1294-1303), zwischen Ludwig dem Bayer (1314-1328) und Johannes XXII. (1316-1334) und in weiteren Konflikten auf die Konstantinische Schenkung. In den Jahren 1050-1300 kam es zu den meisten Verweisen auf die Konstantinische Schenkung, da sich durch den Investiturstreit und das Reformpapsttum die Machtposition des Papstes festigte. Die Päpste benutzten die Schenkung relativ häufig und scheuten auch nicht davor zurück, den Inhalt der Schenkung so zu paraphrasieren oder akzentuieren, dass er genau auf eine aktuelle politische Situation passte. Dabei handelte es sich häufig um die Forderung des Papstes, alte Recht wiederherzustellen, was ihm selbst natürlich zugutekam. Die vermeintlich von Konstatin erteilte Machtfülle wurde dabei auch immer weiter ausgereizt und in den Vordergrund gerückt.

In dem letzten Teil der Reihe zur Konstantinischen Schenkung befassen wir uns mit dem Nachweis der Fälschung. Wer hat die Schenkung zu welchem Zeitpunkt enttarnt? Und wie wurde diesbezüglich argumentiert? Haben die Päpste darauf reagiert und sich daraufhin nicht mehr auf die Schenkung berufen? Die Antworten auf diese Fragen erfahrt ihr bald bei uns.

Quellen/Literatur:

Das Constitutum Constantini (Konstantinische Schenkung). Text, hrsg. von Horst Fuhrmann (MGH. Fontes iuris Germanici antiqui in usum scholarum 10), Hannover 1968.

Johannes FRIED, Donation of Constantine and Constitutum Constantini. The Misinterpretion of a Fiction and its Original Meaning. With a Contribution by Wolfram Brandes: “The Satraps of Constantine” (Millenium Studien 3), Berlin/New York 2007.
 

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